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21.02.2009
 

Neue Bücher im März

Liebe, Mord und Drogenrausch

Eine Auswahl der wichtigsten Belletristik- und Sachbuch-Veröffentlichungen im März - rezensiert vom KulturSPIEGEL.

Thomas Klupp: "Paradiso". Berlin; 208 Seiten; 18 Euro.

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Lieb Faserland, magst ruhig sein: Wie in Christian Krachts Deutschlandroman von Mitte der neunziger Jahre reist hier ein junger Mann von Nord nach Süd und bestaunt seltsame Erfolgsmenschen und traurig Gescheiterte meist seines Alters. Die Reise führt diesen Axel Böhm von Berlin in die Oberpfalz, ins Herz der sommerlich aufgeheizten Provinz. In schlankem, lässigem Deutsch räsoniert der in Berlin lebende Autor Thomas Klupp, 31, ein bisschen unoriginell über Ex-Schulkameraden und Tankstellen-Prolls, Schuppenflechte und Beziehungsfrust, die bösen Drogen und den lieben Gott. Dabei offenbart er eine für deutsche Jungautoren nicht untypische Porno-Besessenheit, probt aber ganz erheiternd den zeitgemäß auf Fitness getunten Schnöselton der Gegenwart: "Meinen Körper kann ich bestens leiden."

WOLFGANG HÖBEL

Johanna Adorján: "Eine exklusive Liebe". Luchterhand; 192 Seiten; 17,95 Euro.

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Fast 18 Jahre ist es her, dass sich die Großeltern von Johanna Adorján an einem Sonntag im Herbst gemeinsam das Leben nahmen. Der Großvater war über 80 Jahre alt, krank, er hätte vermutlich nicht mehr lange gelebt. Die Großmutter aber war erst 71 und gesund. Wie - so fragt sich die Autorin nun - könnten ihre Großeltern diesen Tag erlebt haben, von dem sie wussten, dass es ihr letzter sein würde? Und wieso folgte die Großmutter ihrem Mann in den Tod? War Liebe dafür der alleinige Grund? Mit großer Empathie, aber ohne Pathos rückt Adorján in fiktiven und recherchierten Passagen immer näher an das Leben ihrer Großeltern heran, ungarischer Juden, die nach Dänemark emigriert waren. Sie entwirft das Bild einer beeindruckenden Ehe, aber auch das einer Frau, hinter deren Schönheit und Eigensinn sich die Angst vor Einsamkeit verbarg.

CLAUDIA VOIGT

Barbara Peveling: "Wir Glückspilze". Nagel & Kimche; 128 Seiten; 12,90 Euro.

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Anne ist Anfang 20, studiert Deutsch und Geschichte auf Lehramt und wohnt bei ihren Eltern. In ihrem Zimmer hängt ein Poster des Nirvana-Sängers Kurt Cobain, denn es ist 1997, und gemeinsam mit ihren beiden besten Freundinnen surft Anne auf der alternativen Grungewelle. Sie sind nicht in Seattle, aber ein klein wenig bilden sie es sich ein, bei ihren Trips auf Drogenpilzen. Im VW Polo fahren sie aus ihrer Heimatstadt Bonn zu Festivals mit Musik und Kräuterkursen, bloß wo ihr Leben sie hinführen soll, das wissen sie nicht. Nur weg von hier, das ist ihr Ziel: weg aus der piefigen rheinischen Provinz. Der Ton ist mal ironisch, mal sehnsüchtig, und es ist diese Mischung, die Barbara Pevelings knappes Debüt zum perfekten Roman macht für einen Sonntagnachmittag. Ein Generationen-Buch für alle, die sich in den Neunzigern nach Seattle gesehnt haben.

TOBIAS BECKER

Ryu Murakami: "Piercing". Aus dem Japanischen von Sabine Mangold. Liebeskind; 176 Seiten; 16,90 Euro.

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Kawashima steht nachts neben der Wiege seiner vier Monate alten Tochter. Er streichelt sie, aber nicht mit der Hand, sondern mit einem Eispickel. Den Zwangsgedanken, das Baby erstechen zu müssen, könne er nur loswerden, so glaubt er, wenn er eine Frau tötet - wie er es schon einmal vor vielen Jahren versucht hat. Kawashima arbeitet einen präzisen Mordplan aus und bestellt sich eine Prostituierte aus einem Sadomaso-Club ins Hotel. Dass diese mindestens so wahnsinnig sein könnte wie er selbst, auf diese Idee ist Kawashima allerdings nicht gekommen. Schon 1994 schrieb Murakami, damals in Europa vor allem als Regisseur bekannt, diesen kurzen, bösen Roman. Er beobachtet im Wesentlichen eine Nacht lang zwei Psychowracks, deren von grausamen Eltern zerstörte Innenleben perfekt zusammenpassen.

MARIANNE WELLERSHOFF

Manfred Geier: "Die Brüder Humboldt". Rowohlt; 352 Seiten; 19,90 Euro.

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Der Vater starb früh, die Mutter war eiskalt, und der Erzieher zeigte sich bisweilen pedantisch. Dennoch wurden die beiden Humboldt-Brüder geniale Wissenschaftler und faszinierende Charaktere. Von Kindheit an teilten sie untereinander die Welt auf: Alexander (l.) erforschte die Natur; Wilhelm, der ältere, glänzte als Sprachphilosoph, Diplomat und Bildungsplaner. Gemeinsam verkörperten sie Wissen und Weltbild der klassischen Epoche um 1800. Bis ins Erotische reichte die verblüffende Arbeitsteilung: Alexander blieb den Frauen fern; Wilhelm führte eine Modell-Ehe, suchte daneben aber immer wieder käufliche Lust. Manfred Geiers souveränes Doppel-Porträt erzählt mit vielen prägnanten Zitaten von zwei Wundermännern der Erkenntnis, die das Ideal der Aufklärung zum Humanismus überhöhten - und welch heikle Seelenbalance dafür nötig war.

JOHANNES SALTZWEDEL

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