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25.02.2009
 

Vorgelesen

Die wichtigsten Bücher der Woche

Ein Kompass, der nicht nach Norden zeigt, Verwandte, die sich nie kennenlernen - "Nikolski" von Nicolas Dickner ist ein herrlich versponnener Debütroman. Außerdem bei "Vorgelesen": Ein zeitloser Abgesang auf die Ära des Aufbruchs von Willa Cather und ein britischer Polizeikrimi.

Nicolas Dickner: "Nikolski"
(Aus dem Französischen von Andreas Jandl. Frankfurter Verlagsanstalt, 304 Seiten, 19,90 Euro)

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Dieses Buch funktioniert wie ein Memory-Spiel - in einer versponnenen Variante. Jedes Kapitel deckt eine neue Karte auf, und man hat zunächst keine Ahnung, wo sich das jeweilige Pendant befindet. Nach und nach verschafft man sich einen Überblick und stellt plötzlich verwundert fest: Auf merkwürdige Weise passen alle Karten zusammen, und gemeinsam ergeben sie ein faszinierendes Bild, das zwar voller Leerstellen ist, aber gerade deswegen eine geheimnisvolle Anziehung ausübt.

Schlicht "Nikolski" heißt der Debütroman des Frankokanadiers Nicolas Dickner, der in seiner Heimat auf Anhieb zu einem Bestseller wurde. Die französische Tageszeitung "Le Monde" zählt den 1972 in Québec geborenen Autor längst zur "jungen Garde" frankokanadischer Literatur und lobt deren "Dynamismus".

Der besteht im Fall von "Nikolski" nicht in grellen Effekten, sondern in seiner ungewöhnlichen Konstruktion und leisen Melancholie. Ausgangspunkt ist ein Kompass, ein Erbstück seines Vaters, den der namenlose Ich-Erzähler um den Hals trägt. Er funktioniert nicht richtig, seine Nadel zeigt nicht stur nach Norden, sondern in Richtung des winzigen Örtchens Nikolski auf den Aleuten, einer Inselgruppe vor Alaska.

Dem Ich-Erzähler, der seit Jahren in einem verstaubten Antiquariat jobbt und den beiden anderen Hauptfiguren, der Computerpiratin und Bücherdiebin Joyce und dem Nomaden und Müll-Archäologen Noah geht es ähnlich: Sie lassen sich mehr oder weniger ziellos durch ihr Leben treiben und werden doch von einer kaum wahrnehmbaren Anziehungskraft nach Montréal gelockt. Dort kreuzen sich ihre Wege, ohne dass sie jemals erfahren werden, dass sie miteinander verwandt sind.

Dickner hat eine Vorliebe für alles Enzyklopädische, für Landkarten, Geschichtsbücher und mathematische Formeln und wollte eigentlich Wissenschaftler werden. "Nikolski" liest sich wie eine charmante Absage an diesen Plan. Denn der Roman zeigt, wie wenig alle Versuche bewirken, Ordnung in das Chaos namens Leben zu bringen. Eine Auflösung oder gar tränenreiche Familienzusammenführung bleibt aus, und gerade das macht Lust auf weitere Irrfahrten kreuz und quer durch die Gedankenwelt des Nicolas Dickner. Jenny Hoch

Willa Cather: "Die Frau, die sich verlor"
(Aus dem Amerikanischen von Eva Brückner Tuckwiller. Knaus, 159 Seiten, 16,95 Euro)

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Wie jung die Gestalten der Willa Cather (1873-1947) geblieben sind! Sie müssen wohl unsterblich sein. Marian Forrester ist eine von ihnen. Keiner kann der "heiteren Herausforderung in ihren Augen" widerstehen. Nicht der ein Vierteljahrhundert ältere Eisenbahnpionier Captain Daniel Forrester. Er hat ihr das Leben gerettet. Sie hat ihn dafür geheiratet. Erst recht nicht die Jungen des Provinznestes Sweet Water, wo die schöne Städterin jeden Sommer ein gastfreundliches Haus führt.

Einer dieser ehemaligen Jungen, Niel, erzählt Marians Geschichte, deren spätere Wendungen an die Frauengestalten Fontanes erinnern. Ein Bankrott und ein Schlaganfall fesseln den verarmten Captain an sein Landhaus - und die kapriziöse Marian an einen kranken Alten. Sie hält bis zuletzt zu ihm. Aber nach seinem Tod scheint sie sich an einen Mann der neuen Zeit zu verlieren, einen jener skrupellosen Anwälte und Finanzjongleure, die das Erbe der Pioniere unter sich aufteilen.

"Der alte Westen", so denkt Niel, "war von Träumern, großherzigen Abenteurern besiedelt worden, die grandios unpraktisch waren, eine ritterliche Bruderschaft, stark im Angriff, aber schwach in der Verteidigung, die erobern konnte, aber nicht halten." In all ihrer urbanen Weltläufigkeit erscheint Marian doch wie eine Verkörperung jenes wilden Landes, das von solchen großherzigen Abenteurern erobert werden wollte.

Am Ende ist Marian noch einmal gerettet worden. Aber was ist aus Sweet Water geworden? Eine jener "grauen Städte, die heute so viel grauer sind als damals". Dieser schmale, 1923 erschienene Roman ist der grandiose Abgesang auf eine Ära des scheinbar unbegrenzten Aufbruchs, ein Abgesang, der seine Helden unvergesslich macht. Ulrich Baron

Graham Hurley: "Das Gesicht der Schuld"
(Aus dem Englischen von Marion Sohns. Bastei Lübbe, 430 Seiten, 8,95 Euro)

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Blutspuren in einem Hotelzimmer, ein verschwundener Gast - die Polizei nimmt das zunächst auf die leichte Schulter. Doch dann findet Detective Constable Paul Winter heraus, dass der Vermisste ein ebenso berühmter wie skrupelloser Gynäkologe ist, dessen Patientinnen allen Grund hätten, sich an ihm rächen zu wollen. Winter geht den Fall auf seine Weise an, und es ist gut, dass sein Chef, DI Faraday, davon wenig mitbekommt.

Der kultivierte Inspektor Faraday und sein Mann für Grobe, Paul Winter, sind die Helden einer Serie von Polizeiromanen, die in der britischen Hafenstadt Portsmouth angesiedelt sind. Der 1946 in Clacton-on-Sea geborene Graham Hurley hat als Dokumentarfilmer gearbeitet, bevor er mit dem Schreiben begann. Hurleys am Filmemachen geschulter Blick kommt seinen so spannenden wie vielschichtigen Romanen zugute, die den Wandel der britischen Gesellschaft und deren moralischen Verfall festhalten.

Während die Polizei nach dem Verschwundenen und anderen Kriminellen fandet, wächst im Hintergrund das gigantische Immobilienprojekt Gunwharf Quays. Es entsteht auf einem ehemaligen Marinegelände, von wo aus einst Schiffe ausfuhren, mit denen Britannien die Meere beherrschte.

Damit ist nun Schluss. Gunwharf Quays wird den Bewohnern der ärmeren Viertel den Blick aufs Meer verbauen. Doch unter Beton kann man nicht nur Hafenbecken verschwinden lassen. Den Lesern aber winkt die erfreuliche Aussicht, dass außer der schon erschienenen "Saat des Zweifels" bald noch weitere Romane mit Winter und Faraday übersetzt werden. Ulrich Baron

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insgesamt 1135 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
29.01.2012 von coisalouca: Lesenswert!

Ich verschlinge alles von John Irving und warte schon sehnsüchtig auf sein neues Buch, das im Mai kommt. Besonders gut udn empfehlenswert: The New Hampshire Hotel Owen Meany The Cider House Rules Genial! mehr...

27.01.2012 von sophistocat:

Übersetzungen sind nie so gut wie das Original, sagt die Binse, und die hat zuweilen doch recht. Ist mir aufgefallen bei den Übersetzungen der Romane von T. C. Boyle. Die sind sogar sehr gut, aber im Deutschen ist es schlicht [...] mehr...

26.01.2012 von sophistocat:

Ach... das ist aber umständlich. Man legt einfach irgend ein Lesezeichen in den Anhang (den Kassenzettel vom letzten Einkauf, die Stellenanzeige, auf die man sich bewerben wollte oder den Wisch mit dem 4-stelligen Zahlencode [...] mehr...

26.01.2012 von sinta:

Ja - irgendwie blöd mit den Anhängen, aber oft so hilfreich. Für mich habe ich die Lösung gefunden: ich kopiere den Anhang, mir ist das vor- und zurückblättern einfach zu lästig. mehr...

26.01.2012 von Ty Coon:

Jaja, die Übersetzung von Matthias Jendis. Man hat jetzt wirklich schon viele Lobeshymnen drüber gehört, sie ist wirklich von geschliffenem Deutsch und bemüht sich offenbar sehr, den Originalton Melvilles bestmöglich zu [...] mehr...

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