Von Tobias Becker
Sie sind die Helden des neueren Fernsehkrimis: die Gerichtsmediziner. Schrullige Schlaumeier wie Professor Börne im Münsteraner "Tatort", brillante Bescheidwisser wie Doktor Bones in der RTL-Serie "Die Knochenjägerin", naturwissenschaftliche Nerds in Formaten wie "CSI", "Der letzte Zeuge" oder "Crossing Jordan". Im Fernsehen sind sie die Kontrolleure des Todes, kühler kombinierend als jeder Detektiv.
Auch im neuen Kriminalroman von Jan Costin Wagner, 36, spielt ein Pathologe mit TV-Auftritt eine prominente Rolle: Der Leichensezierer ist nämlich das erste Opfer, ermordet auf Skiern im Schnee Finnlands.
Der Gerichtsmediziner Laukkanen und der Bastler Mäkelä, der blutige Puppen für Filme fertigt, hatten eine prächtige Gruseldarbietung in der bekanntesten Talkshow des Landes abgezogen, als die "Herren des Todes" wurden sie angepriesen. Kurze Zeit später sterben sie, erst Laukkanen, dann Mäkelä. Und der Moderator Hämälainnen entrinnt nur knapp einem Anschlag.
Schon wieder ist ein Killer in der Kälte unterwegs. Seit Jahren ist Skandinavien eine kultige Krimi-Hochburg, mit Bestseller-Autoren wie Henning Mankell, Håkan Nesser, Stieg Larsson und Jo Nesbo. Aber dieses Mal ist der Autor ein Deutscher aus Heusenstamm bei Offenbach. Ein Hesse, der sich einen finnischen Schnüffler ausgedacht hat - und damit beachtliche Erfolge feiert: In 14 Sprachen sind Wagners Bücher übersetzt, 2008 bekam er den Deutschen Krimipreis.
Die Kunst der Kargheit
Seine neueste Story "Im Winter der Löwen" ist der dritte Fall von Kommissar Kimmo Joentaa. Bereits in "Eismond" und "Das Schweigen" ermittelte dieser melancholische Polizist, dessen Frau mit Mitte 20 an Krebs starb. Er ist ein wortkarger Schicksalsringer und insofern eng verwandt mit den Tätern, die er verfolgt.
Der Berliner "Tagesspiegel" bejubelte die Serie: "Die besten Krimis aus Skandinavien schreibt ein Deutscher." Und auch die britische "Times" pries Wagner: "Magisch. Besser als Mankell". Wie kann das sein?
Finnland ist die zweite Heimat Wagners: Als er 19 war, lernte er auf einer Interrail-Tour die Finnin Niina kennen, heute sind die beiden verheiratet und Eltern der vierjährigen Venla, mit der sie einen Teil des Jahres unweit des südfinnischen Turku leben, klischeekonform in einem Häuschen am See, so eins, wie es auch Kommissar Kimmo Joentaa hat.
Die Romanfigur ist inzwischen auch in ihrer Heimat prominent, dank einer finnischen Übersetzung. Wagner war das wichtig, endlich konnten die Verwandten lesen, was der Deutsche so schreibt. "Sie mochten es", sagt er, sanft und zögernd, wie er fast immer spricht. Ein schmächtiger Mann mit schulterlangen Haaren, ein schüchterner Sprachverknapper, kein Thriller-Star mit breiter Brust.
In Wagners Augen entspricht Finnland weitgehend den Klischees, die in Deutschland kursieren: ziemlich kalt eben, "dieses Land, das aus Wäldern und Seen besteht, geprägt von der Möglichkeit, allein zu sein". Das macht es zur idealen Krimiregion, perfekt für eisige Verbrechen: "Es ist diese Einsamkeit, in die man die Menschen hineinsetzen kann."
Kimmo Joentaa ermittelt zwar in Turku, aber Wagner beschreibt nicht die Straßen oder Landschaften seiner zweiten Heimat; ihn interessiert das Finnland-Gefühl, der Finnland-Sound mit all den Namen, die so ulkig klingen und doch irgendwie traurig. "Für mich ist Finnland eine Grundstimmung", sagt er. Aber die Ängste, die seine Geschichten beherrschen, kann jeder haben, überall: Ängste, die der Familienvater Wagner selbst hat - vor einer verschwiegenen Schuld, vor dem Verlust eines Kindes, vor dem Tod des Partners.
Tödliche Ohnmacht
Kommissar Joentaa hat dieses Schicksal getroffen, genau wie die Täterin des aktuellen Falls: Beide haben geliebte Menschen verloren, beide hat der Verlust aus ihrer Lebensbahn geworfen. Wagner porträtiert sie als Trauernde, die ihre Welt wieder in Ordnung bringen wollen. Denn das ist das Leitmotiv aller drei Romane um Kimmo Joentaa: die Ohnmacht vor dem Tod. Ausgeliefert ist ihm jeder, selbst der Gerichtsmediziner.
Der Mord liefert Wagner nur die Extremsituation, die die Handlung in Gang bringt. "Ich versuche, ein seelisches Chaos zu schaffen", sagt der gelernte Journalist. "Und dann versuche ich, es sprachlich unter Kontrolle zu bringen." Allein mit dem Laptop, der Schreibtisch leer, das Zimmer aufgeräumt: "Wenn ich schreibe, muss alles geordnet sein."
Das Ergebnis ist ein geordneter Roman, aufgeteilt in kürzeste Kapitel, 93 auf 280 Seiten, mit Absätzen, die oft nur aus kargen Ein-Wort-Dialogen bestehen. Man spürt förmlich das Schweigen zwischen den Zeilen.
Wagner montiert seinen Roman akkurat wie ein Regisseur einen Film: mit harten, klaren Schnitten zwischen den Szenen, von Ort zu Ort springend, von Figur zu Figur. Der Stil ruft nach einer Verfilmung, und tatsächlich beginnen im Juni die Dreharbeiten für "Das Schweigen".
Buch Jan Costin Wagner: "Im Winter des Löwen". Eichborn Berlin, Frankfurt/Main; 288 Seiten; 17,95 Euro.
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