London - Seine tiefe Skepsis gegenüber der technologischen Moderne revolutionierte in den Sechzigern die Science-Fiction-Literatur. Zukunftsvisionen, das waren in den Romanen von James Graham Ballard nicht mehr Zeitreisen und Raumschiffschlachten, sondern politische und soziale Szenarien, die so plausibel wie furchteinflößend waren.
"Die Sicht der Aufklärung auf die Menschheit ist ein völliger Mythos", sagte Ballard 2003 der australischen Zeitung "The Age". "Sie führt uns dazu, dass wir uns die meiste Zeit als gesunde und rationale Wesen betrachten, und das sind wir nicht." Diese modernekritische Haltung fächerte der Autor in seinen vielen Erzählungen und Romanen immer wieder auf.
Die Karriere des 1930 in Shanghai geborenen Schriftstellers begann mit dem Roman "The Wind from Nowhere" (Der Sturm aus dem Nichts). Schon hier klangen die entscheidenden Motive an: ökologische Katastrophen, kulturelle Entfremdung, eine zwischen Ratio und Enthemmung gestellte Gesellschaft.
In rascher Folge erschienen weitere Werke, die den Stil einer neuen, auf Psychologie und Gegenwartskritik setzenden Science-Fiction-Literatur mitbegründeten, darunter die auch in Deutschland erschienene Dystopie-Trilogie der Romane "Crash", "Die Betoninsel" und "Das Hochhaus". "Crash", die Geschichte von Yuppies, deren Liebe zu Autos und Schmerz in einer Orgie aus Selbstverletzungen gipfelt, wurde später von David Cronenberg für Hollywood adaptiert.
Weltruhm erlangte Ballard mit der literarischen Aufarbeitung seiner Zeit als Gefangener nach der Übernahme von Shanghai durch die Japaner während des Zweiten Weltkriegs. Der erst 1984 erschienene Roman "Empire of The Sun" ("Das Reich der Sonne") wurde von Steven Spielberg mit John Malkovich verfilmt.
Im Alter von 78 Jahren ist Ballard nun in London gestorben. Er erlag den Folgen einer Krebserkrankung, wie seine Agentin Margaret Hanbury mitteilte. Seine Romane sind wieder zu entdecken: Als spannende Visionen und Mahnrufe aus einer Zukunft, die längst unsere Gegenwart geworden ist.
dan/AFP
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