Von Christoph Titz
Auch auf www.bookcrossing.com greifen Geschmacksregeln nur begrenzt. Die Top 100 der meist ausgesetzten Bücher sind ein Mix aus Schullektüren ("Der Fänger im Roggen", "Herr der Fliegen"), Megasellern ("Die Asche meiner Mutter", "Das Mädchen mit dem Perlenohrring") und den "Musst-du-lesen"-Empfehlungen von Leuten, die sonst kaum zu Büchern greifen ("Der Drachenläufer", "Die Geisha").
Die Top Ten sind so schrecklich wie erwartbar. Platz eins geht an "Das Sakrileg" von Dan Brown, der schreibt, als wären seine Bücher zu schnell geschnittene Fernseh-Thriller. Direkt hinter ihm rangiert Yann Martels mit dem philosophischen Abenteuermärchen "Schiffbruch mit Tiger". Der Dan Brown der frühen neunziger Jahre heißt, zumindest was die Verkäufe angeht, John Grisham. Beinahe alle seine Bücher, und es sind viele, finden sich unter den Top 20. Gemeinsam besetzen die brutalst erfolgreichen Belletristen Brown und Grisham neun der ersten 15 Plätze.
Die Idee, Bücher auf ihrer Reise zu verfolgen, eigentlich das Herz der Bookcrosser-Idee, funktioniert allerdings nur halbwegs bis gar nicht. Der Betreiber der deutschsprachigen Supportseite hat dazu Zahlen parat. Nur etwa jedes siebte gefundene Buch wird auch gemeldet, sagt der Programmierer Rudi Ferrari, das Gros verschwindet auf Nimmerwiedersehen.
Nur jedes siebte Buch taucht wieder auf
Das liegt zum Teil an der schwachen Web-Seite. Sie entstand vor acht Jahren aus einer Laune heraus - und hat sich seitdem kaum verändert. Wer neu angemeldet auf die Seite kommt, drückt sich erst einmal eine halbe Stunde durch "So wird's gemacht"-Anleitungen. Was die Seite gut kann, und da scheint die Fummler-Persönlichkeit des Bookcrossing-Erfinders Ron Harnbaker durch, sind Statistiken. Die knapp 765.000 Mitglieder weltweit haben bislang 5,5 Millionen Bücher eingetragen, Länder und meist registrierte Bücher können angezeigt werden - und Deutschland ist fürs Bookcrossing kein schlechtes Pflaster: 6182 Bücher fanden im vergangenen Monat den Weg in die Freiheit, mehr sind es nur in den USA.
Als die Idee, Bücher auszuwildern, in Deutschland neu war, beschrieb sie der SPIEGEL als netten Ausweg für Kulturmenschen, denen es ein Frevel ist, Bücher in die Papiertonne zu stopfen - aber letztlich doch nur als "Literaturverklappung auf die sanfte Tour"; denn schon damals hatte die Idee, Bücher mittels Registrierung verfolgbar zu machen und ihren aktuellen Standort nachzusehen nur einen Reiz für Nerds.
Stefan, der 50-jährige Jazzfan vom Uni-Parkplatz, wird seine beiden Bücher wohl auch nicht melden. Internet hat er nicht, da werde man nur überwacht, sagt er. Er freut sich königlich über das "Buch der Handarbeiten IV" und Annika Bryns "Die sechste Nacht", sagt er und die jungen Leute, die hier das Lesen unterstützen, findet er auch klasse. Nur dass es gerade die angesagten Stadtteile Hamburgs sind, in denen die selbsternannte Guerilla ihre Bücher verteilt, findet Stefan schade. "Die hätten das mal in Hamburg-Horn machen sollen, wo die Leute weder Geld für Bücher noch fürs Internet haben", sinniert der Finder Nummer eins, als es auf 0 Uhr zugeht. "Aber die Leute dort hätten den Verteilern die Bücher wohl an den Kopf geschmissen."
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Literatur | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH