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05.05.2009
 

Neues Judith-Hermann-Buch

Müder Todesengel über Berlin

Von Jenny Hoch

Sie galt als Stimme des neuen literarischen Berlin, ihre Prosa wurde als Spiegel der Generation 30 plus gefeiert. Doch mit ihrem neuen Prosaband "Alice" ereilt die Erzählerin Judith Hermann das Schicksal ihrer Figuren: Sie wirkt müde und angestrengt.

Mit der Lupe sollte man sich ein Gemälde von Claude Monet nicht unbedingt anschauen. Man bekäme nichts als verwischte Tupfer zu sehen, grobe Pinselstriche und flimmernde Formen. Tritt man jedoch einige Schritte zurück, entfaltet sich das große Ganze in all seiner Virtuosität.

Autorin Hermann: Schwebende Suggestivität
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Jürgen Bauer

Autorin Hermann: Schwebende Suggestivität

Ähnlich wie die Bilder des französischen Impressionisten funktionieren auch die Erzählungen der Berliner Autorin Judith Hermann. Liest man sie Satz für Satz, wirkt ihr Stil oft ungelenk, die Metaphern sind bisweilen dürftig, einzelne Wörter unpassend.

Doch hält man ein wenig Abstand und überlässt sich ihrer schwebenden Suggestivität, entwickeln sie einen Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann.

Als 1998, mitten im großen Berlin-Hype, ihr erster Erzählband "Sommerhaus, später" erschien, traf sie mit ihren Geschichten um ziellos in den Tag hinein lebende Großstädter einen Nerv. Judith Hermann wurde auf Anhieb zum Star, zur Symbolfigur der neuen jungen deutschen Literatur. Zum sogenannten Fräuleinwunder.

Dann passierte lange nichts mehr. Von Schreibblockaden war die Rede, davon, dass die Autorin ihren schnellen Ruhm nur schwer verkraften konnte. Als 2003 endlich das lang ersehnte zweite Buch "Nichts als Gespenster" erschien, wurde es deutlich zurückhaltender aufgenommen.

Ruhm von seinen kontroversen Seiten

Schnell formierten sich zwei Lager: auf der einen Seite die Hermann-Fans, die nicht genug bekommen konnten von ihrem minimalistisch-melancholischen Stil. Auf der anderen Seite die Hermann-Hasser, die die schwebende Inhaltslosigkeit der Erzählungen als "aufgepumpte Bedeutungsheischerei" abtaten.

Auch mit dem Erzählungenband "Alice" wird die Autorin polarisieren. Denn das Stilprinzip ist dasselbe geblieben in diesen fünf kurzen Geschichten, die jeweils nach Männern benannt sind. Sie alle haben im Leben der Hauptfigur Alice einmal eine Rolle gespielt: Micha, Conrad, Richard, Malte und Raymond.

Noch immer wandeln die Figuren durch ihr Leben, als wäre es nicht ihres, sie legen sich nicht fest, haben kein Ziel. Alltag, Arbeit oder Geldsorgen spielen in diesem Boheme-Milieu keine Rolle. Alle Protagonisten wohnen in Berlin, wo außer den ersten beiden alle Erzählungen spielen. Man trinkt noch immer viel und gerne Rotwein, raucht dazu Unmengen Zigaretten. Und man schweigt lange und viel und bedeutungsvoll.

Und doch ziehen sich feine Risse durch das gleichmütige Dasein der Figuren. Wenn es die Situation erfordert, trinkt man statt Alkohol nun auch mal ein Glas Wasser - und man geht vorsichtiger mit sich um: "Alice überquerte die Kreuzung, vorschriftsmäßig, es gab Tage, an denen sie meinte, mehr auf sich aufpassen zu müssen, umsichtiger sein zu müssen als sonst, sie hätte nicht sagen können, woher das kam."

Kosmos voller Siechtum und Tod

Alterserscheinungen? Ja. Der süße Vogel Jugend ist längst weggeflogen. Zurückgeblieben sind Enddreißiger ohne Plan, dafür mit einem Leben voll gebremster Emotionen - und, das ist neu im Kosmos der Judith Hermann - voller Siechtum und Tod.

Es wird gestorben in "Alice", in jeder einzelnen Erzählung. In der ersten Geschichte "Micha", die zusammen mit "Conrad" die atmosphärisch dichteste ist, trifft es einen Ex-Freund von Alice. Er stirbt in einem anonymen Krankenhaus in Zweibrücken, fern von Berlin. Alice ist angereist, um Michas aktuelle Lebensgefährtin Maja zu treffen, aber es gibt kaum eine Verbindung zwischen den beiden Frauen, keine Gefühle, keine tröstenden Gesten. Jede dreht sich in ihrer eigenen Lebenskapsel um sich selbst.

Aus diesen fest verpuppten Larvenmenschen dringt kaum etwas nach außen, und auch ihre Motive, so und nicht anders zu handeln, bleiben rätselhaft. Man kann einwenden, dass es bei Hermanns Erzählungen eigentlich egal ist, was genau passiert. Es kommt bei dieser Autorin schließlich auf den speziellen Sound an, den hohen, existenzialistischen Ton.

Bitte in Einzeldosen lesen!

Gerade deshalb sollte man die Geschichten in Einzeldosen lesen, als geschlossene Textsammlung sind sie ermüdend. Besonders deutlich wird die Redundanz in der letzten Geschichte "Raymond", in der Hermanns Idee, in jeder Erzählung einen der Männer das Zeitliche segnen zu lassen, ins unfreiwillig Komische abrutscht. Das ist vor allem ein Plot- und dramaturgisches Problem.

Nach dem offenbar plötzlichen Tod ihres offenbar langjährigen Freundes Raymond (er kommt in einer vorherigen Geschichte schon einmal vor, allerdings quicklebendig) fährt Alice zu Margaret hinaus, deren Mann Richard bereits zwei Geschichten vorher begraben wurde.

Da sitzen sie nun, die zwei kinderlosen traurigen Witwen, und das Leben geht einfach weiter wie vorher. Allerdings in einer Bilderbuch-Idylle, die hart am Kitsch entlangschrammt: "Der Rasen war kurz geschnitten. Alice stand barfuß im Gras. Margaret ging mit der Schere an den Beeten entlang. Dahlien und Sonnenblumen und ein Distelzweig. Die Rasenmäher verstummten, um das Nest in der Tanne summten die Wespen."

Wie man es dreht und wendet, ob man die Geschichten eins zu eins liest oder ob man Alice als eine Art Todesengel über Berlin deutet, der das Ende des Boheme-Lebens verkündet: Judith Hermann ist mit "Alice" an einem Endpunkt angekommen. Einem vorläufigem hoffentlich, denn nachdem alle diese Geschichten erzählt wurden und alle Protagonisten beerdigt sind, stünde einem Neuanfang nichts mehr im Wege - in Romanform.


Judith Hermann: "Alice", S. Fischer Verlag, 192 Seiten, 18,95 Euro

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