Von Britta Nagel und Julia Engelbrecht-Schnür
Ich hoffte, sie würde mich kennenlernen wollen. Ich hoffte, sie würde etwas werden, keine Mutter, dafür war es zu spät, aber jemand, der ein wenig normaler war. Das war ein unsinniger Wunsch. Sie hatte Alzheimer. Marie Peterson, "Du denkst, du weißt alles".
Mit diesem Gefühl hatte sie nicht mehr gerechnet. Nicht nach all den Jahren der Resignation. Nicht nach all den Jahren Gewissheit, dass es weder Medikamente noch Ärzte gibt, die ihre Mutter aus dieser geistigen Sackgasse, aus diesem bedrohlichen Zustand zurückholen können. Und dann war dieses unerwartete Gefühl plötzlich da. Es war die Angst, sie zu verlieren, diesen Menschen, der einmal ihre Mutter war.
Mit allem hatte sie gerechnet, als die Heimleitung sie an diesem Wintertag anrief. Der Notarzt war bereits da. Noch auf der Fahrt ins Heim hatte Anne-Cathrin Mücke versucht, sich auf den Abschied vorzubereiten, den Tod - auf die Erlösung.
Ihre 81-jährige Mutter war von einem Magen-Darm-Virus und einer Lungenentzündung stark geschwächt, das Ende schien nah. "Sie war so unglaublich schwach. Ich hielt ihre Hand und spürte, wie sie mit der wenigen Kraft, die sie noch hatte, meine Hand drückte und sich festhielt. Mir war, als ob sie kurz davor war, zu gehen, und ich dachte in diesem Moment, dass ihr Leben wirklich nicht mehr lebenswert sei, dass es für sie schön wäre, einfach zu sterben. Aber dann war da gleichzeitig dieses tiefe Gefühl des Verlusts, diese schmerzende Angst vor dem Abschied. Es ging mir unsagbar schlecht, und ich wünschte mir nur noch, dass sie weiterlebt."
Seit diesem Tag ist Anne-Cathrin Mücke bewusst, wie sehr sie an ihrer Mutter hängt, an dieser starken Persönlichkeit, von der kaum noch etwas vorhanden ist. Aber es sind eben die Fragmente, die sie liebt, weil sie ihr vertraut sind.
Heute ist ihre Mutter besonders gut gestimmt. Sie trägt eine rote Kittelbluse. Erheitert zeigt sie auf eine Vase und ruft: "Da ist ja Mäusi Toit!"
Seit Monaten erkennt sie in allen Gegenständen, in Bildern, Büschen und Möbeln "Mäusi Toit".
Anne-Cathrin Mücke kniet sich neben den Rollstuhl. "Mami, sag doch, wer ist Mäusi Toit? Ich möchte es so gern wissen."
"Aua, mir tut das hier weh." Ihre Mutter zeigt auf ihr linkes Bein.
"Was tut dir denn weh?"
"Ich will verreisen!" Jetzt zeigt ihre Mutter ans Ende des Flurs.
"Ja, Mami, lass uns verreisen."
Sie schiebt ihre Mutter in das Besprechungszimmer am Ende des Flurs. Das Reiseritual gehört dazu, wenn die Tochter ihre Mutter besucht. Rituale sind wichtig, sie geben Struktur, und sie geben Halt. Nicht nur der Mutter, auch der Tochter. Auf der Fensterbank steht das Modell eines Containerschiffes.
"Sieh mal, da ist ja das schöne Schiff. Jetzt können wir verreisen."
"Wo ist Mäusi Toit?"
"Mami, wen meinst du? Ist das eine Freundin aus deiner Schulzeit?"
"Paul. Das ist mein Mann!"
Die Tochter nimmt die Hand ihrer Mutter und erklärt: "Paul war dein Vater. Dein Mann hieß doch Harold, und er war mein Vater."
Hilflos erwidert die Mutter den auf Verständnis hoffenden Blick der Tochter. Aber ihre Erklärungen haben jegliche Relevanz verloren. Der Fundus ihres Gedächtnisses ist verschüttet, unzugänglich für Mutter und Tochter.
Anne-Cathrin Mücke war dreizehn Jahre alt, als ihr Vater starb. Mit ihren Klassenkameraden hat sie nie über das, was sie nach dem Tod des charismatischen Möbelfabrikanten zu Hause durchmachte, gesprochen. Als einziges Kind war sie einer Mutter ausgeliefert, deren Egozentrik durch das frühe Witwendasein noch verstärkt wurde.
Hier finden Sie ein Interview mit den Autorinnen.
Hier der erste Teil der Serie: "Ich habe solche Angst!"
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