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Volkskrankheit Demenz "Ich habe solche Angst!"

3. Teil: "Es war schrecklich zu hören, wie verzweifelt Onno war."

Es war der Auftakt zu einem nervenaufreibenden Ritual. "Sobald wir nicht bei ihr waren, griff Onno zum Telefonhörer. Sie rief manchmal vierzig Mal am Tag bei uns an", erinnert sich Nora. Morgens um sechs klingelte das Telefon zum ersten Mal, abends um elf zum letzten Mal. Um wenigstens ab und zu Ruhe zu haben, schaltete ihre Mutter schließlich den Anrufbeantworter ein.

"Wenn wir nach Hause kamen, hatten wir Angst, den Anrufbeantworter abzuhören. Es war schrecklich zu hören, wie verzweifelt Onno war. Einmal weinte sie sogar am Telefon."

In der folgenden Zeit rief auch ihre Nachbarin immer öfter an. Einmal stand die Großmutter nachts im Nachthemd vor ihrer Tür und behauptete, ein Einbrecher sei in ihrer Wohnung. Ein anderes Mal quoll schwarzer Rauch aus ihrem Küchenfenster. Die Großmutter hatte einen leeren Topf auf die eingeschaltete Herdplatte gestellt und war vorm Fernseher eingeschlafen. Dann rief eine Freundin der Tochter an. Sie hatte die Großmutter nach Hause gebracht, nachdem diese auf der Straße gestürzt war. Eine Angestellte ihrer Bank meldete sich. Die verwirrte Frau war an dem Tag viermal hintereinander zum Geldab-heben gekommen und hatte sich laut beschwert, weil man ihr nichts mehr auszahlen wollte.

Dass sie inzwischen schwer demenzkrank war, bemerkte keiner der Ärzte. Sowohl Hausarzt als auch Neurologe und Psychiater stellten die Diagnose "schwere Depression" und verschrieben Antidepressiva und Angst lösende Psychopharmaka. Erst auf Anraten der Tochter wurde bei einem Düsseldorfer Spezialisten der "Mini Mental Status Test" gemacht. Er bestätigte den Verdacht auf Alzheimer. Die Tochter beschloss, mit der Familie nach Hamburg umzuziehen.

Die Nähe zur kranken Großmutter, mit der sie früher so gern zusammen waren, empfanden die Enkel nun aber als Belastung. "Ich hatte sie immer noch sehr lieb und wollte ihr helfen, aber ich wusste nicht, wie."

Nora erinnert sich, wie unverständlich es für sie war, dass die Großmutter, die früher so sehr an ihr und ihrem Bruder hing, sich auf einmal gar nicht mehr um sie kümmerte. "Wenn ich sie besuchte, fragte sie mich nicht wie früher, wie es mir geht und was ich mache, sondern wollte immer nur wissen, wann meine Mutter sie besucht. Sie ist bis heute der einzige Mensch, an dem Onno Interesse hat."

Für die Enkelin wurde es immer schwieriger, ein Gesprächsthema zu finden, das ihre Großmutter interessierte. "Wenn ich ihr etwas erzählte, hörte sie mit gleichgültigem Gesichtsausdruck zu, ohne etwas zu antworten oder Fragen zu stellen. Es kam mir irgendwie ganz sinnlos vor, dass ich überhaupt mit ihr sprach."

Die alte Frau verabschiedete sich immer mehr aus der Welt der Enkelin. Nur die eigene Vergangenheit zählte noch. Das Langzeitgedächtnis half ihr, Erinnerungen hervorzuholen: die Ferienreisen mit den Eltern in die Holsteinische Schweiz, die Tanzstunde, die Bombennächte in Hamburg. Nora war das recht. Auch wenn es immer dieselben Geschichten waren, die sie schon hundertmal gehört hatte, Hauptsache, ihre Onno war nicht mehr so entsetzlich traurig und teilnahmslos. Zuhören, ihre Hand halten, schweigen - das war alles, was Nora tun konnte. Helfen konnte sie der Großmutter nicht mehr.

Der alten Dame gelang es auch in der Öffentlichkeit immer weniger, Haltung zu wahren. Der gemeinsame Einkaufsbummel, den die Enkelin früher besonders genossen hatte, weil dabei immer Süßigkeiten für sie abfielen, wurde für Nora zur peinlichen Prozedur. "Die Großmutter sprach jedes Kind, das uns auf der Straße begegnete, an und fragte es aus. Ich weiß noch, wie peinlich mir das war. Ich schämte mich manchmal richtig für meine Großmutter."

Als die alte Frau im Supermarkt ein Paket Kaffee aufs Laufband legte, sagte die Kassiererin: "Ich glaube, den brauchen Sie nicht, Sie haben heute früh doch schon Kaffee eingekauft." Daraufhin wurde die Großmutter laut und rief erregt: "Das stimmt nicht. Ich weiß doch wohl noch genau, was ich einkaufe!"

Heute noch erinnert sich Nora daran, wie seltsam fremd sie ihr in diesem Moment erschien. "Das war das erste Mal, dass ich Onno so unfreundlich mit jemand Fremdem habe reden hören. Sie war sonst immer besonders höflich."

Obwohl die Mutter täglich bei ihr war, verbesserte sich der Zustand der Großmutter nicht. "Es ging ihr einigermaßen, solange Mami sie besuchte, aber schon kurz nachdem Mami wieder zu Hause war, klingelte das Telefon. ›Wo bleibt das Kind denn?‹, fragte sie dann mit vorwurfsvoller Stimme. ›Ich habe wirklich eine schreckliche Tochter! Nie besucht sie mich!‹ Dann schimpfte sie ganz grässlich mit Mami, die sehr traurig nach solchen Telefonaten war und mir sehr leid tat."

Nora und ihr Bruder merkten, wie sehr ihre Mutter unter der Krank- heit der Großmutter litt. "Mami dachte immerzu an Onno und hatte nur noch wenig Zeit für uns. Durch die ständigen Telefonanrufe konnte sie sich nicht mehr richtig auf ihre Arbeit konzentrieren und war so nervös, dass sie nachts schlecht schlief."

Die Großmutter spürte, welche Belastung sie für ihre Familie darstellte. Immer öfter sprach sie davon, nicht mehr leben zu wollen.

Bei einem Besuch schlug Nora und ihrer Mutter ein beißender Uringeruch entgegen. Die Großmutter saß an ihrem Lieblingsplatz am Fenster, die Zeitung wie immer unaufgeschlagen neben sich, und trank ihren Morgenkaffee, den ihr die Pflegerin hingestellt hatte. Auf dem Teppich war ein großer nasser Fleck. Die Tochter entschloss sich, die Mutter in einem Heim unterzubringen.

"Das war für Mami sehr schwer, weil sie ihrer Mutter immer gesagt hatte: ›Ich sorge dafür, dass du nie in ein Heim musst.‹ Onno wollte nichts von einem Heim hören. Sie meinte, sie könne sehr gut alleine leben und ihre Tochter wolle sie nur aus Boshaftigkeit abschieben. Diese Vorwürfe waren für Mami ganz furchtbar."

Nora war froh, als die Großmutter nun doch in einem Heim versorgt war - und ihre Mutter endlich wieder mehr Zeit für die eigene Familie hatte.

Dass die Entscheidung auch für die Großmutter richtig war, zeigte sich schon wenige Wochen nach dem Umzug ins Heim. Sie, die zuletzt kein Interesse mehr an anderen Menschen gehabt hatte, fühlte sich in der Gemeinschaft anderer Demenzkranker wohl.

Das fiel auch Nora auf. "Schon bei einem meiner ersten Besuche - sie war gerade zwei Wochen im Heim - wirkte sie fröhlicher und nicht mehr so ängstlich wie in ihrer Wohnung."

Die alte Dame, die zuletzt nur noch gleichgültig vor dem Fernseher gesessen hatte, nahm mit Elan an den Aktivitäten ihrer Dementengruppe teil. Sie bastelte, malte und sang die Volkslieder ihrer Kindheit, deren Texte sie besser beherrschte als mancher Pfleger. "Wenn ich sie besuchte, kam es manchmal sogar vor, dass sie gar nicht mit mir nach draußen wollte. Sie sagte: 'Lass uns doch hier bleiben, es ist gerade so gemütlich.'"

Nora erlebte, wie ihre Großmutter eine Dame tröstete, die aufgebracht von ihrer Scheidung berichtete, die fünfzig Jahre zurücklag, und sie erlebte, wie sie mitfühlend reagierte, als eine andere Frau unvermittelt anfing zu weinen. Es schien, als ob das schwere Schicksal der Mitbewohnerinnen ihre brachliegenden sozialen Kompetenzen wiedererweckte.

Vielleicht, so vermutet Nora, war es ja dieses Gefühl des Gebrauchtwerdens, das ihrer Großmutter half, mit der Krankheit jetzt besser klarzukommen. "Sie hat sich ja früher auch sehr viel um andere gekümmert. Jetzt kann sie es wieder tun."

Besuchen möchte Nora sie allerdings nicht mehr so gern. Die Kluft zwischen der eigenen Welt und der neuen Welt der Großmutter ist zu groß. Wenn möglich, holt ihre Mutter daher die Großmutter zu ihnen nach Hause - in den Kosmetiksalon.

Das junge Mädchen hat gelernt, zu verstehen, dass sie kaum noch eine Rolle im Leben ihrer Großmutter spielt. "Es kommt immer häufiger vor, dass sie mich mit dem Namen meiner Mutter anspricht. Früher hätte mich das traurig gemacht. Heute, wo ich mehr über die Krankheit weiß, macht es mir nichts mehr aus. Ich habe gelernt, eine Großmutter zu haben, von der es nicht mehr viel gibt."

Manchmal allerdings blitzt bei der alten Dame der Sinn für Humor wieder auf, als öffne sich für kurze Zeit eine Lücke im Wirrwarr ihrer Gedankenwelt. Das sind Momente, über die sich Nora sehr freut. "Vor kurzem sagte jemand im Heim zu ihr 'Grüß Gott'! Onno antwortete: 'Das mach' ich gern, wenn ich ihn sehe.'"

Hoffmann & Campe

Hier finden Sie ein Interview mit den Autorinnen.


Britta Nagel und Julia Engelbrecht-Schnür: "Wo bist Du? Demenz - Abschied zu Lebzeiten"; Hoffmann und Campe; 25 Euro

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Die Autorinnen
Hoffmann & Campe
Julia Engelbrecht-Schnür, Jahrgang 1966, ist freie Journalistin und Fotografin. Sie lebt in Hamburg. Alle Aufnahmen in dem Buch "Wo bist du?" stammen von ihr. Britta Nagel, Jahrgang 1960, lebt als Kulturjournalistin in Hamburg. Sie hat mehrere Architekturbücher veröffentlicht.
Cover von "Wo bist Du?"

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