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06.06.2009
 

Werteverfall in Russland

"Kunst kann von der Krise profitieren"

Alexander Solschenizyn war das wichtigste Sprachrohr der russischen Dissidenten - seine Witwe Natalja setzt das Lebenswerk des Nobelpreisträgers fort. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht sie über Russlands Werteverfall - und warum gerade die Finanzkrise eine große Chance bietet.

SPIEGEL ONLINE: Frau Solschenizyna, gibt es im heutigen Russland einen Schriftsteller, der in die Fußstapfen Ihres Mannes treten könnte?

Solschenizyna: Zurzeit nicht. Nach dem Tod meines Mannes erklärte Eduard Limonow, dass er der "Erbe Solschenizyns" sei. Ich bin Schriftsteller, ich bin Politiker, und ich bin ein Lehrer des Lebens, hat er gesagt. Das ist natürlich Unsinn. Limonow ist nicht untalentiert und hat recht viel Charisma, aber er ist schon seit langem nur noch eine Figur in der Regenbogenpresse. Solschenizyn hat immer davon geträumt, dass ein wahrer, großer Schriftsteller auftaucht.



SPIEGEL ONLINE: Was ist mit jüngeren Bestseller-Autoren wie Wladimir Sorokin?

Solschenizyna: Sorokin wird sehr viel gelesen, das stimmt. Sein Prinzip ist es, die Leser zu schockieren und zu überwältigen. Die Geschichten fangen immer schön an, und später ist der nette Lehrer ein Kinderschänder und das nette Mädchen isst Fäkalien. Sorokin soll ein normaler, glücklicher Familienvater sein. Wenn das stimmt, ist seine ganze Literatur nur ein Projekt.

SPIEGEL ONLINE: Die heutigen Autoren schreiben nicht aus selbsterlebtem Leid heraus, wie ihr Mann es getan hat. Ist das ein Problem?

Solschenizyna: Es gibt Ausnahmen. Oleg Pawlow und Sachar Prilepin zum Beispiel. (Anmerk. d. Red.: Der russische Autor Oleg Pawlow arbeitete unter anderem als Gefängnisaufseher, Sachar Prilepin kämpfte im Tschetschenien-Krieg). Es gibt heute, wie übrigens schon immer, Autoren, die mit der Literatur spielen, und andere, die aus tiefstem Herzen schreiben. Doch bis jetzt gibt es keinen wirklich herausragenden Schriftsteller.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben gerade den Solschenizyn-Literaturpreis postum dem sibirischen Autor Viktor Astafjew verliehen. Warum ihm?

Solschenizyna: Astafjew war der erste, der die harte, volle Wahrheit über den sowjetisch-deutschen Krieg erzählt hat. Er hat auch sehr viel über das Leben der einfachen Leute geschrieben. Seine Bücher sind herzzerreißend. Er war kein Dissident, aber er war ein unabhängiger Mensch. Seine Kritik hat eher sozialen als politischen Charakter.

SPIEGEL ONLINE: Wählen Sie die Preisträger eher nach literarischen oder nach politischen Kriterien aus?

Solschenizyna: Nach literarischen natürlich. Aber wir versuchen Preisträger zu finden, deren Werk auf wahren, dauerhaften Werten basiert. Ein Land ist nur dann lebensfähig, wenn für eine maßgebliche Zahl von Menschen diese Grundwerte wichtig sind.

SPIEGEL ONLINE: Von welchen Werten sprechen Sie?

Solschenizyna: Von universellen, allgemeinen. Von Werten, die gleichermaßen gelten für Indonesien, Deutschland oder Russland. Die Tageskultur, das Fernsehen, stehen leider wenig für solche Werte.

SPIEGEL ONLINE: Fehlt es der russischen Gesellschaft denn an Moral?

Solschenizyna: Als Russland politisch frei wurde, ging es den Leuten zunächst darum, alles auszuprobieren, was vorher verboten war. Die einen delektierten sich an Pornofilmen, die anderen wollten sich schnell und um jeden Preis ein Auto leisten. Das ist verständlich, aber gleichzeitig ist dieses Rennen nach materiellen Werten bedauerlich. Tief drinnen spüren die Menschen, dass sie nicht das Richtige tun. Darum ärgert es sie so, wenn jemand kommt und sie an etwas Höheres erinnern will. Es ist übrigens so, dass sich jede Konsumgesellschaft, die frei von Werten ist, schließlich sogar gegen jeden Versuch wendet, höhere Werte zu fördern.

SPIEGEL ONLINE: Wird das durch die Wirtschaftskrise schlimmer werden?

Solschenizyna: Nicht unbedingt. Die Krise könnte auch einen positiven Effekt haben und die moralische und soziale Atmosphäre reinigen. Solange das Leben gut läuft, denkt niemand darüber nach. Aber wenn das Leben schwieriger wird, fangen die Menschen an zu grübeln. Vielleicht bringt uns die Krise dazu, dass wir unsere Werte neu definieren.

SPIEGEL ONLINE: Kann die Kunst dabei wirklich eine Rolle spielen?

Solschenizyna: In der Vergangenheit waren die Kirche und teilweise auch die Künste die Wächter der Werte. In einer freien Marktwirtschaft und Konsumgesellschaft wird Kunst unabdingbar zu einer Handelsware. Zwar kann diese Verwandlung glücklicherweise nie vollständig sein, aber die Kunst kann leider keine wirklich wichtige, moralische Rolle spielen. Vielleicht wird sich auch das in der Krise ändern.

SPIEGEL ONLINE: Lesen die Menschen in diesen Zeiten Solschenizyn, zum Beispiel den "Archipel Gulag", den erschütternden Bericht über den Terror in Stalins Lagerwesen?

Solschenizyna: Ja, in den vergangenen drei Jahren wurde "Archipel Gulag" immer wieder nachgedruckt und war sofort ausverkauft. Das Interesse an diesem Buch bricht nicht ab, es wird eher größer. Das gilt auch für andere Werke Solschenizyns. Kürzlich gab es eine Umfrage unter Verlegern, womit sie in 2008 hauptsächlich ihr Geld verdient haben. Sie sagten, dass die Leute statt der kleinen Taschenbücher von verschiedenen Autoren jetzt die dicken Solschenizyn-Bände kaufen. Die Verleger erklärten das so: In der Krise können die Menschen auf die Literatur verzichten, die nicht so essentiell ist. Wenn das Leben ernster wird, dann werden auch die Leser ernsthafter.

Das Interview führte Ann-Dorit Boy, Moskau

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06.06.2009 von mnborken: ...

Volle Zustimmung. Meine These...: Der Werteverfall allerorten überhaupt ist für die maßlose Gier verantwortlich. Sehr anschaulich zu sehen bei der Entstehungsgeschichte der Weltwirtschaftskrise. Gier & Egoismus sind nicht [...] mehr...

06.06.2009 von wwh: Alte Klischees

Das Gespräch mit Solschenizyna ist interessant, nur ist mir absolut schleierhaft, wie daraus die reißerische Überschrift vom „Werteverfall in Russland“ abgeleitet werden kann. Die Orientierung am Konsum beklagt sie in allen [...] mehr...

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