Von Christoph Schröder
Wenn das französische Sprichwort stimmt, nach dem Abschiednehmen immer auch ein Stück Sterben bedeutet ("partir, c'est mourir un peu"), müsste Ilma Rakusa schon viele kleine Tode durchlitten haben. Geboren wurde die Kritikerin, Essayistin, Übersetzerin und Schriftstellerin im Jahr 1946 im slowakischen Rimavská Sobota als Tochter einer ungarischen Mutter und eines slowenischen Vaters. Aufgewachsen ist sie in der politischen Unübersichtlichkeit der Nachkriegsjahre, in Ljubljana, Budapest, Triest und Zürich, wo sie heute noch lebt. Unter anderem.
Das sind die dürren äußeren Daten eines Lebens, die Ilma Rakusa in ihrem neuen Buch "Mehr Meer" nun mit Inhalt gefüllt hat, mit Reflexionen, Gerüchen, Farben, Sinneseindrücken.
"Erinnerungspassagen" ist der Untertitel des Buches, das in vielen kurzen Kapiteln vom Werdegang des kleinen, auf die Welt neugierigen Mädchens zur europäischen Intellektuellen erzählt.
"Ich war ein Unterwegskind", schreibt sie und begibt sich auf die Spuren der Vergangenheit: "Den Osten Europas, über den sich das Netz der Familiengeschichte breitet, habe ich kreuz und quer bereist, vor allem auf Schienen."
Das Unterwegssein ist eine Familiengewohnheit, die die Autorin nicht mehr losgelassen hat. Es geht um die Bewegung an sich, um Menschen, um Essen, um Kunst, um Eindrücke. "Ich will", schreibt Rakusa, "keine zweite Existenz erproben, will nur meine Poren öffnen. Meine Sinne und Denkräume ausweiten. Darin liegt ein Stückchen Glück."
Es ist ein Glück, das oft mit Mühen bezahlt wird: Das Zimmer in Paris, das die junge Studentin sich mietet, ist ein ungemütlicher Schlauch, dafür aber in bester Lage, und für die Unbequemlichkeit entschädigt die Liebe zu einem Organisten.
Eine andere eindringliche Passage ist der Studienzeit in St. Petersburg gewidmet, das seinerzeit noch Leningrad hieß. Das beängstigenden Sowjetszenario, Bespitzelung und Schikanen inklusive, wird erträglich durch die Musik, durch Lektüre und Freundschaften.
Die Sprachen, die Ilma Rakusa im Lauf der Jahre erlernt, bilden ein kosmopolitisches Mosaik im Kopf; jeder Klang hat seine Bedeutung, jeder Tonfall seine emotionale Entsprechung: Slowenisch, Deutsch, Ungarisch, Russisch.
Es sind zwei Bewegungen, die "Mehr Meer" in Einklang miteinander bringt: Die grenzüberschreitende, nach außen gewandte und die nach innen gerichtete, sich selbst eingrenzende. Als die jugendliche Rakusa die Romane Dostojewskijs, allen voran "Schuld und Sühne" für sich entdeckt, ist die Welt da draußen abgemeldet.
In der Literatur, so scheint es, findet sich jener Halt, der dem Unterwegskind ansonsten stets abging: "Ich war verloren an diese Parallelwelt." Eine Parallelwelt bilden auch die Kirchen, die orthodoxen Gottesdienste, die immer wieder zu Stationen der Einkehr werden.
Es gibt kein Dogma in "Mehr Meer" und auch kein Fazit. Die nichtchronologische Montagetechnik, derer sich Rakusa bedient, um sich selbst zu sortieren, steht einem Anspruch auf Vollständigkeit entgegen.
Ihre Wahrnehmungsästhetik ist so feinsinnig wie punktuell; es genügt ein Geruch, um alles in Gang zu setzen. "Ein Sekundenlink, und der Film rollt ab. Wo er reißt, reißt er. Ich feilsche nicht um das Ganze."
Wenn es so etwas gibt wie ein Motto, dann könnten es die letzten Worte des Buches sein: "Staune und vertraue". Beneidenswert, wer sich beide Fähigkeiten bewahrt hat.
Buch Ilma Rakusa: "Mehr Meer. Erinnerungspassagen". Literaturverlag Droschl, Graz/Wien; 322 Seiten; 23 Euro.
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Es heißt "la petite mort"! mehr...
Die "kleinen Tode" beziehen sich im Französischen eigentlich auf den Orgasmus (le petit mort) und nicht auf den Abschied. Naja, irgendwie hängt auch das miteinander zusammen. "Mehr Meer" ist als Titel [...] mehr...
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