• Drucken
  • Senden
  • Feedback
15.02.2000
 

Robert Schneider

Alpensaga und amerikanischer Traum

Von Uschi Behrendt

In seinem dritten Buch "Die Unberührten" bedient sich Robert Schneider beim Groschenheft. Das Ergebnis ist eine Art Vorarlberg-Saga und der gescheiterte Versuch, einen Emigrantenroman zu schreiben.

"Die Unberührten": Alpensaga goes America

"Die Unberührten": Alpensaga goes America

"Schlafes Bruder" war sein gefeiertes Debüt. Der zweite Roman "Die Luftgängerin" ein Flop. Mit "Die Unberührten" veröffentlicht Robert Schneider den dritten Band seiner Trilogie. In fünf Kapiteln verfolgt der österreichische Autor den Weg der verträumten Sängerin Antonia. Ihr gelingt das, wovon viele nur träumen: Sie schafft den Sprung aus einem Bergdorf in Vorarlberg nach Amerika, wo aus der verarmten Bettlerin ein Opernstar wird.

"Hier war sie jedenfalls gelandet. In einem Haus mit einem griechischen Tempel, mit 38 Cembali, einem dutzend Angestellten sowie einem entzückenden Laubwäldchen mit Schwimmteich." Aus Aschenputtel wird im zweiten Teil des Romans die trällernde "Königin der Nacht" in der New Yorker Metropolitan Opera. Aron, der reiche Korrepetitor, hat die verarmte Antonia zufällig auf der Straße singen hören. Und weil er sie groß heraus bringt, wird er ihr neuer Prinz. Ein Plot, als hätte ihn Robert Schneider aus einem Groschenheft abgeschrieben.

Es wimmelt nur so von übertriebenen Formulierungen, schablonenhaften Figuren und abgegriffenen Klischees. "Das Haar wurde ihnen aschig und spröd, das Gesicht madenweiß, unter den Augen bildeten sich Ringe". Unterbrochen wird der Erzählfluss durch ein Dialekt-Kauderwelsch in der wörtlichen Rede der Einwanderer. So wird aus der durchaus reizvollen Thematik - dem Leben und Leiden der Emigranten, die vor hundert Jahren ihr Glück in der Neuen Welt suchten - eine triviale Romanze.

Wer bis hierher durchgehalten hat, verdankt es zwei Dingen: Zum einen der Hauptfigur Antonia. Schneider hat einen trotzigen, störrischen Charakter geschaffen, der fesselt. Zum anderen durch den ersten Teil des Romans, der in Schneiders Heimat Vorarlberg spielt. Schneider beschreibt miniaturartig den Zerfall der alten, geordneten, alpinen Idylle. Die abergläubischen Menschen im engen Dorf St. Damian werden gebeutelt von den industriellen Veränderungen. Arm und arbeitslos hocken sie eingezwängt zwischen den Wäldern und Bergen, "wo jedes Fenster ein Auge ist". Diese Passagen über die sozialen Umwälzungen im Vorarlberg der zwanziger Jahre sind authentisch und mit überraschenden Wendungen erzählt.

Mit Abstrichen gelingt es Schneider mit den "Unberührten", eine Art Vorarlberg-Saga zu schreiben. Komplett gescheitert ist jedoch sein Versuch, den Heimatroman in eine Emigrantengeschichte zu überführen. Wäre er doch lieber im Dorf geblieben.

Robert Schneider: "Die Unberührten". Knaus Verlag, München; 256 Seiten; 38 Mark.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
alles aus der Rubrik Literatur

© SPIEGEL ONLINE 2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP