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27.08.2009
 

TV-Buch

Aufklärung in verzappelten Zeiten

Von Matthias Matussek

Die Spannbreite der Peinlichkeit - fürs Erste ermessen von Volkmusiker Hinterseer Zur Großansicht
SWR

Die Spannbreite der Peinlichkeit - fürs Erste ermessen von Volkmusiker Hinterseer

Sieh an: Man kann also noch leidenschaftlich gegen die Blödheit der Mattscheibe kämpfen. Der Journalist Alexander Kissler rechnet in seinem Buch "Dummgeglotzt" mit dem Fernsehen ab - der Windmühlenkampf eines seltenen und einsamen Ritters.

Das Erstaunlichste an der Polemik "Dummgeglotzt" des "SZ"-Autors Alexander Kissler ist nicht der Befund, sondern der Weg dorthin, der mit imponierender Ausdauer und wahrer Todesverachtung beschritten wird.

Dass wir uns zu Tode amüsieren, wissen wir seit Neil Postman. Und dass es immer noch flacher geht, ist auch nicht neu. Doch Kissler, der mit einem profunden Buch zur Philosophie und zur Gottesfrage ("Der aufgeklärte Gott") vor einem Jahr Aufsehen erregt hat, macht nun bitterernst.

Er hat sich das Triviale schlechthin - das Fernsehen - vorgeknöpft. Er will sich "hingeben" und das über Wochen hinweg, denn: "Den Blick der Medusa, der die Welt verhext, bezwingt man nur, wenn man ihm standhält."

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Gleich im Vorwort stellt er das Resultat seiner TV-Expedition klar: Von den rund sieben Milliarden Euro, die das öffentlich-rechtliche Fernsehen pro Jahr an Gebührengeldern ausgibt, hat er "keine Minute erwischt, die den Aufwand gelohnt hätte". Auf das ZDF würde er gleich ganz verzichten.

Wimmern und flimmern

Verfall überall, ganz besonders bei den Privatsendern. Schlüssellochszenen, Schönheits-OPs, Brüllereien im Hartz-IV-Sumpf, die endlosen Alpenpanoramen mit ihren Silbereisens und Hinterseers, die sogenannten Schicksalsrecherchen mit mächtig aufgedrehten Reportern, Schattenriss-Zeugen und dramatischen Kommentaren aus dem Off - die Geduld, mit der Kissler das alles minutiös beschreibt, hat einen eigenen Witz.

Er schildert den Verlauf von Lichters Kochshow wie eine Theaterkritik, er zählt die verständnisvollen "Hmms" und "Okays" von Kerner nach, und die Dramaturgie eines Abends bei Anne Will wird zu einem bizarren Argumentationskonzert mit verschiedenen Stimmen - penibel recherchiert und in dieser Penibilität komisch und durchaus relevant.

Kissler surft nicht über die Oberfläche, sondern versucht, einzudringen in die Tiefen des Fernsehorkus, in immer neuen, vergeblichen Anläufen. "Lauter Fehlbohrungen, doch kein Grundwasser", würde Gottfried Benn sagen, und Seite um Seite wird dem Leser bewusster, wie sehr es sich bei der Glotze um ein Paralleluniversum handelt, voller Scheindebatten, bevölkert von Scheinmenschen mit Scheinfrisuren, die Scheinkonflikte austragen.

Verzweifelt engagiert

Kissler staunt, er polemisiert, er spottet und höhnt, aber seine Leidenschaftlichkeit kommt nicht zynisch oder abgebrüht daher, sondern verzweifelt. Verzweifelt über die bisweilen groteske Lügenhaftigkeit des Mediums. Verzweifelt auch darüber, dass wir uns an dessen Lügenhaftigkeit so vollständig gewöhnt haben, dass sie weitergereicht und zur Lebensmaxime werden.

Kissler fragt anlässlich einer TV-Schönheitsoperation zum Beispiel ganz ernst, ob die Klientin, die dort ihren Körper zu Markte trägt - sie will Schlagersängerin werden - hinterher glücklicher sein wird. Fragen, die sonst keiner mehr stellt.

Dieses Buch ist ein Paradox. Es versucht sich, in einer schrillen und verzappelten Welt, mit der geduldigen, stillen Arbeit der Aufklärung.


Alexander Kissler: "Dummgeglotzt - wie das Fernsehen und verblödet", Gütersloher Verlagshaus; 192 S., 16,95 Euro

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insgesamt 25 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
28.08.2009 von cobobka: .

Wenn jemand ein Buch schreibt, in dem es heißt: "Von den rund sieben Milliarden Euro, die das öffentlich-rechtliche Fernsehen pro Jahr an Gebührengeldern ausgibt, hat er "keine Minute erwischt, die den Aufwand gelohnt [...] mehr...

27.08.2009 von jean-luc2305: schon abGEZockt?

Eine verbrecherisch arbeitende Organisation wie die GEZ, die ausländische Erasmus-Studenten mit Mahnbriefen überzieht, chronisch unterfinanzierten Schulen und Universitäten jeden Fernsehapparat, der dort für Videoaufführungen [...] mehr...

27.08.2009 von Bala Clava: Ein bisschen GEiZ muss sein

Wie immer du's zu nennen beliebst: Ich nenne es bürgerlichen Widerstand oder zivilen Ungehorsam. Gegen mafiöse Organisationen gibt's ein unveräußerliches, individuelles Notwehrrecht. Wer Computer zu "neuartigen [...] mehr...

27.08.2009 von laberhannes: wozu

braucht man da ein buch? aber ich gebe zu, daß ich einiges vermisse. zum beispiel formel 1. leider wird das medium zur manipulation missbraucht, nicht nur zur verdummung. und leider frisst es zuviel zeit. da ist man doch lieber [...] mehr...

27.08.2009 von snickerman: Ja ne is klar...

Als ich die Rezension zur Hälfte durch hatte, las ich: Gleich im Vorwort stellt er das Resultat seiner TV-Expedition klar: Von den rund sieben Milliarden Euro, die das öffentlich-rechtliche Fernsehen pro Jahr an Gebührengeldern [...] mehr...

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