Von Henryk M. Broder
Im Prinzip lässt sich jede gute Geschichte auf einen Satz reduzieren: Boy meets girl. Oder: Girl meets boy. Davon lebt die Literatur, das Kino und das kleine Fernsehspiel im ZDF. Geht die Sache schlecht aus, ist es Kunst. Gibt's ein Happy End, ist es Unterhaltung.
"Mauerblümchen", eine 150-Seiten-Geschichte der in Berlin lebenden amerikanischen Autorin Holly-Jane Rahlens, hat zwar ein Happy End, will trotzdem mehr als Unterhaltung sein, wenn auch nicht unbedingt Kunst: eine Liebesgeschichte vor einer historischen Kulisse. Sie fängt mit zwei kurzen Sätzen an. "Die Mauer ist offen. Und ich bin zu."
Genau 14 Tage nach dem Mauerfall, am 23. November 1989, steigt Molly am Bahnhof Charlottenburg in die S-Bahn ein, um in die Schönhauser Allee in Ost-Berlin zu fahren, vorbei am Zoologischen Garten, Bahnhof Friedrichstraße und Alexanderplatz. Molly ist Amerikanerin, 18 Jahre alt, 1,86 Meter groß, hat "gigantische Füße, Riesenhände, üppige Brüste" und trägt Schuhgröße 44, "ein Turm, ein Berg, ein Monster von einem Mädchen", dabei schüchtern, verlegen und zurückhaltend, vor allem im Umgang mit Jungs, die sich nicht einmal trauen, sie zum Tanzen aufzufordern. "Ich gehöre einfach nicht dazu."
Ein verwegen aussehender Ost-Berliner
Am Bahnhof Savignyplatz steigt ein junger Mann zu, "titanisch groß, vielleicht 1,95", in einer schwarzen Lederjacke, "er sieht verwegen aus, aber gleichzeitig sanft", die Blicke treffen sich kurz. Was dann passiert, ist eine Romanze in Echtzeit, Molly und Mick, so heißt der verwegen aussehende junge Mann aus der soeben kollabierten DDR, fahren kreuz und quer durch Berlin, mit der U-Bahn und der S-Bahn, die zur Reichsbahn der DDR gehört, durch tote Bahnhöfe und vorbei an Sperranlagen, die immer noch die Grenze zwischen Ost und West markieren. Ältere Leser haben diese Bilder in der Erinnerung gespeichert, jüngere könnten meinen, sie wären mit Indiana Jones in den Verliesen der deutschen Geschichte unterwegs.
Ein Besuch im Mitropa-Restaurant im Bahnhof Friedrichstraße, wo "alles, aber auch wirklich alles nach Kohl" stinkt, reanimiert nicht nur den Geruch der DDR, sondern auch die Diktatur der Kellner über die Kunden. Bevor Mick und Molly zwei separate Plätze zugewiesen werden, weil es gegen die Vorschriften wäre, zwei Gäste an einem Vierertisch zu platzieren, verlassen sie die unwirtliche Stätte. "Gehen Sie doch dahin zurück, wo Sie herkommen!" ruft ihnen der Kellner nach. "Mitropa, mon amour", denkt Molly.
Das sind witzige Szenen, die mit vielen authentischen Details ausgemalt werden. Doch je länger Molly und Mick unterwegs sind, umso ernster wird die Geschichte. Kurz vor dem Bahnhof Schönhauser Allee kippt sie leider ins Erzieherische, denn Molly ist nicht nur Amerikanerin, sie ist auch die Enkelin von Juden, die Berlin 1938 verlassen mussten. Und ihr Opa väterlicherseits ist im Krieg als deutscher Soldat gefallen. Von da an berichtet Molly nicht, was sie sieht, sondern was sie fühlt. Eine zufällige Romanze am Rande des Mauerfalls führt in den Abgrund der deutschen Geschichte. Und das ist einfach zu viel des Guten. Wie eine Leberwurstplatte bei Mitropa.
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