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08.10.2009
 

Nobelpreisträgerin Müller in Berlin

"Nicht ich bin es, es sind die Bücher"

Von Daniel Haas

Literaturnobelpreis 2009: Herta Müller
Fotos
DPA

Eine stille, nachdenkliche Person im Blitzlichtgewitter: Herta Müllers erster Auftritt nach Bekanntgabe der Entscheidung des Nobel-Komitees war ein Lehrstück in Integrität. Für sie zählt allein ihr Werk als Instrument des Gedenkens. Preise? "Machen auch nichts Besseres aus mir".

Die Pressefrau des Hanser-Verlags versucht, die Fotografen im Zaum zu halten. Das Geknipse störe. Und das viele Blitzlicht. Sie sagt das mit einem Leidenston, als fürchte sie nicht wieder gut zumachende Abnutzungserscheinungen dieser wertvollen Ressource namens Herta Müller.

Dabei werden die Bilder, die heute bei der Berliner Pressekonferenz geschossen wurden, die Autorin erst zu dem machen, was ein Nobelpreisträger im öffentlichen Bewusstsein vor allem ist: ein Image, eine Marke, eine Ikone.

Vielleicht wollte die Verlagsdame aber auch einfach den literarischen Menschen vor dem bildmedialen schützen; Herta Müller, die Autorin, noch nicht ganz zu Herta Müller, dem Phänomen werden lassen. Doch dafür ist es natürlich zu spät, das belegt schon der Amazon-Verkaufsrang. Auf Semantik kommt es nicht mehr an, wenn das Label stimmt. Literaturnobelpreis 2009.

Das ist nicht schlimm, es kann der Sache der Literatur sogar gut tun. Müller, eine der bedeutendsten politischen Stimmen der europäischen, wenn nicht der Weltdichtung, soll das Gütesiegel Nobelpreis ruhig helfen, ein paar tausend Bücher mehr loszuschlagen. Der regimekritische, demokratisch-humanistische Diskurs, den ihr Werk fortschreibt, kann nicht genug Gehör finden.

Die Autorin selbst posiert artig für die Fotografen, sie lässt ein Lächeln sehen, das aus Verlegenheit und Amüsement gemischt erscheint. So viel Aufmerksamkeit für einen Menschen, der doch nur "seine Arbeit macht", wie Müller sagt.

Dass ihr Gesicht, das in seiner angespannten Blässe an Stummfilmdiven der Dreißiger erinnert, jetzt zum Zeichen literarischen Mehrwerts wird, das ist ihr womöglich noch gar nicht klar. Die Frage, wie sie die Ehrung aufgenommen habe, aber pariert sie mit jener Integrität, die alle großen Dichter ausweist: "Nicht ich bin es, es sind die Bücher."

Im Lauf der Konferenz spricht sie dann doch noch über sich, ihre Vita. Ihr gefährdetes Leben in Rumänien. Die Bedrohungen durch den Geheimdienst. Die Erleichterung, als die Diktatur 1989 endlich zusammenbricht. Da lebte sie bereits drei Jahre in Deutschland, das Land, das sie "gerettet" habe.

Politische und ästhetische Wirkung

Aber die politische Biografie ist von der ästhetischen nicht zu trennen. Konzentriert, fast bedächtig einen Gedanken aus dem andern entwickelnd, skizziert Müller ihre Poetik: "Die Literatur geht immer da hin, wo die Beschädigung einer Person ist", sagt sie. "Die Themen stoßen mir zu."

Die ideologischen und historischen Zusammenstöße des späten 20. Jahrhunderts - die zwischen den Systemen und die zwischen Tätern und Opfern -, sie bilden die Textur dieses Werks, das heute in Berlin und überall auf der Welt gefeiert wird.

Die grazile, vom Blitzlichtgewitter umbrauste Autorin wird sich von diesen Traumata nicht lösen, und wenn man ihr noch so viele Preise verleiht. "Es ist bitter, dass Menschen nicht zurückkehren, wenn sie ermordet werden", sagt sie. Daraus leitet sich bis heute ihr schriftstellerisches Mandat ab: das Gedenken aufzufächern in Geschichten und Poesie.

Ihr Medium dafür ist die Sprache, und wie Müller dieses Arbeitsmaterial beschreibt, das ist ein atemberaubend inniger Moment inmitten des ganzen Rummels. Ruhig, als teile sie jemandem die Uhrzeit mit, sagt sie: "Ich habe kein Vertrauen in die Sprache." Und dann erklärt sie, wie dieses Zeichensystem für sie, die schreibende Künstlerin funktioniert. Wie es überhaupt erst mitteilsam, kommunikativ, sinnvoll werden kann: "Die Sprache entsteht durch den Text. Man muss das Gelebte wieder auflösen in einem anderen Medium. Das geht nur künstlich - und dann kann es wieder der Realität ähneln."

Dass das Wahre erst in der Verfremdung aufscheint; dass sich das Schreiben immer auch über die Kluft zwischen den Schrecken der Wirklichkeit und dem Text, der sie zu beschreiben versucht, hangelt, das ist eine Tatsache, die wir schnell vergessen. Denn wir haben ja den Autor, sein Bild - wir brauchen die Bücher nicht mehr. Insofern macht vielleicht doch jedes Foto das Werk ein wenig unkenntlicher, indem es seinen Schöpfer inszeniert und verwertet.

Wird die Logik des Marktes und seiner Preise ihre Arbeit also verändern? "Ich werde nichts Besseres oder Schlechteres", sagt Herta Müller.

Und da ist nicht der Hauch eines Lächelns in ihrem Gesicht, wenn sie erklärt: "Meine innere Sache ist das Schreiben, das gibt mir Halt."

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21.10.2009 von IB_31: Ansichtssache.....

Das ist Ihre Ansicht, es gibt Leute, die das völlig anders sehen. Ihre aber auch nicht ! ---Zitat--- Aber nochmal, Literatur hat viel mit Sprache zu tun, aber die Sprache ist nur das Transportmittel der Gedanken. [...] mehr...

21.10.2009 von Kryoniker:

Moment mal, hier sollten wir schon unterscheiden: Wenn ich für mich entscheide, daß mir eine gewisse Sprache einfach nicht zusagt, so habe ich diese Wertung für mich und nur für mich vorgenommen und nicht für andere. Ich wäre [...] mehr...

21.10.2009 von Nachtschwester Ingeborg:

Vielleicht, weil es immer schon darum ging? ---Zitatende--- Nein, "Sprachkunst" ist lediglich das Handwerk, nicht mehr und auch nicht weniger, diese hat mit Literatur nicht zwingend etwas zu tun. Zudem ist es auch [...] mehr...

21.10.2009 von Kryoniker:

Vielleicht, weil es immer schon darum ging? Wer Sprachkunst kultiviert, merkt schon früh genug, daß sie nie zum Selbstzweck pervertieren darf, da mache ich mir ehrlich gesagt keine Sorgen und denke mit Freuden an Rudyard [...] mehr...

21.10.2009 von Nachtschwester Ingeborg:

Weshalb sollte ein Literaturnobelpreis wegen des Faktors "Sprachkunst" vergeben werden? Natürlich geht es dabei um das Gesamte das ein Werk ausmacht, also die Themen, wie sie behandelt werden, den Ausdruck und vieles [...] mehr...

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Der erste Nobelpreis für Literatur wurde 1901 an den französischen Poeten und Philosophen Sully Prudhomme verliehen. Seitdem erhielten den renommierten Preis Autoren und Autorinnen unterschiedlichster Nationen und Kulturen. In den Jahren 1914, 1918, 1935 sowie von 1940 bis 1943 wurde kein Literaturnobelpreis vergeben. Viermal - 1904, 1917, 1966 und 1974 - mussten sich zwei Schriftsteller die Auszeichnung teilen. Zwei Autoren lehnten den Nobelpreis bisher ab. Er wird jeweils am 10. Dezember, dem Todestag des Preisstifters Alfred Nobel, in Stockholm überreicht. Hier die Preisträger im Überblick.

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