• Drucken
  • Senden
  • Feedback
12.10.2009
 

Erich-Kästner-Comic

Luft holen und lächeln

Von Christoph Dallach

Erich-Kästner-Comic: Aus der Zeit gefallen
Fotos
Isabel Kreitz

Die Comic-Künstlerin Isabel Kreitz hat sich Kästners Kinderklassiker "Pünktchen und Anton" vorgenommen - und daraus ein wunderbares Bilderbuch gezaubert, wie aus der Zeit gefallen. Ihre Inspiration: der Groß-Illustrator Walter Trier.

Der Künstler Walter Trier (1890-1951) ist ein Phantom: Sein Name ist nur Liebhabern und Spezialisten geläufig - seine Bilder jedoch sind einem Millionenpublikum bekannt. Wer mal ein Kinderbuch von Erich Kästner in der Hand hielt, hat sicher die prägnanten Illustrationen bemerkt.

Alle zwölf Kinderromane von Kästner schmückte Trier kongenial mit Bildern aus, die so berühmt wurden wie die Geschichten. So wie der Buchdeckel von "Emil und die Detektive", wo zwei Knaben auf einem surreal gelb strahlenden Platz, hinter einer Litfaßsäule verborgen, einem davoneilenden Mann nachblicken. Ein Motiv, das in der Geschichte übrigens gar nicht auftaucht.

Es erschien vor 80 Jahren, erinnert ein wenig an Pop Art und Comics - und inspiriert Künstler bis heute, zum Beispiel Isabel Kreitz. Die 1967 geborene Hamburgerin gilt vielen als Deutschlands beste Comic-Zeichnerin und bewies bereits, dass sie sich erstklassig auf Adaptionen literarischer Vorlagen ("Die Entdeckung der Currywurst" nach Uwe Timm) versteht.

Eine besondere Vorliebe scheint die Hanseatin für die Herren Trier und Kästner zu haben. Kästners Roman "Der 35. Mai" verwandelte Kreitz in einen kunstvollen Comic, wobei der Coup darin bestand, dass ihre Bilder wie von Walter Trier skizziert schienen. Eine tolle Hommage, für die Kreitz vergangenes Jahr mit dem "Max & Moritz"-Preis, dem deutschen Comic-Oscar, ausgezeichnet wurde.

Wunderbare Hommage

Nun legt sie mit "Pünktchen und Anton" eine weitere Kästner/Trier-Adaption nach, die ihr so exzellent gelungen ist wie die erste. Bereits das Titelbild ist eine wunderbare Hommage an das Trier-Original. Auch aus dem Rest der berühmten Geschichte vom reichen Pünktchen und armen Anton hat sie ein wie aus der Zeit gefallenes Bilderbuch gezaubert.

Dabei war Walter Trier von Kästners Vorlage anfangs wohl wenig begeistert: Er fand sie zu klischeehaft und soll der Verlegerin nach Lektüre des Manuskripts von einer Veröffentlichung abgeraten haben. Das konnte er sich erlauben, denn Trier war lange vor Kästner ein Star.

In Prag geboren, wurde er in Berlin in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts zum Groß-Illustrator. Seine beschwingten, oft farbenfrohen, erstaunlich zeitlosen Bilder schmückten Zeitschriften, Werbeplakate und Bücher. "Wer, im damaligen Berlin mit Ziffern im Kopf, stupide vom Lärm der Stadt durch die Straßen hetzte und am erst besten Kiosk einen ,Trier' sah, blieb stehen, holte Luft und - lächelte", schwärmte Kästner.

Vor den Nazis floh Trier nach London, produzierte politische Karikaturen und noch viele Illustrationen und siedelte nach dem Krieg nach Kanada um, wo er 1951 in seinem Atelier starb.

Nun, fast 60 Jahre später, sind dennoch neue Walter-Trier-Bilder zu sehen, gefunden in Kästners Nachlass. Ergänzt um Texte von Harry Rowohlt, ergeben auch sie ein tolles Werk, erschienen im selben Verlag wie das Kreitz-Bilderbuch.

Mal schauen, wer besser ankommt: der alte Meister oder die junge Comic-Künstlerin.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 6 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
12.10.2009 von peterbruells: Kann man auch den Titel malen?

Nicht jeder lässt beim Lesen Bilder im Kopf entstehen. Selbst als Kind passierte mir das eher selten und bis heute verknüpfe ich unfairerweise Aussagen wie "So habe ich mir das beim Lesen nicht vorgestellt" mit [...] mehr...

12.10.2009 von Noberta: Werde ich mir gleich kaufen - Ich freu mich schon!

Also, ich habe schon den 35. Mai von Isabel Kreitz gelesen und war begeistert! Wirklich magisch fand ich das, als hätte man einen original Comic von Walter Trier irgendwo auf einem alten Dachboden gefunden. Hat ihm wirklich alle [...] mehr...

12.10.2009 von dolcetta: Kleine Anmerkung am Rande

Walter Trier, von mir sehr geschätzt, hat also alle Kinderbücher von Kästner bebildert? Das stimmt nicht; nach seinem Tod zeichnete Horst Lemke für die Illustrationen verantwortlich. mehr...

12.10.2009 von Wooster: achwas

"Walter Trier (1890-1951) ist ein Phantom: Sein Name ist nur Liebhabern und Spezialisten geläufig" Widerspruch: Ich kenn den Namen und mag seine Zeichnungen seit 59 Jahren. Und ich bin kein Spezialist. Und wieso [...] mehr...

12.10.2009 von tri4ever: Phantasie

Es mag durchaus stimmen, dass dieser Comic exzellent gezeichnet ist, da bin ich kein Experte. Meiner Ansicht jedoch sollte man die Bücher von Erich Kästner einfach lesen und sich keine Comics dazu anschauen. Seine liebevolle [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
alles aus der Rubrik Literatur
alles zum Thema KulturSPIEGEL-Tageskarte

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Buchtipp

Erich Kästner/Isabel Kreitz: "Pünktchen und Anton".

Dressler Verlag, Hamburg; 100 Seiten; 16,90 Euro.

Einfach und bequem: Direkt im SPIEGEL-Shop bestellen

Walter Trier/Harry Rowohlt: "Der Lustige Dampfer".

Dressler Verlag, Hamburg; 32 Seiten; 14,90 Euro.

Einfach und bequem: Direkt im SPIEGEL-Shop bestellen






TOP



TOP