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26.10.2009
 

Erotische Memoiren

Sex wie bei Shakespeare

Von Nora Reinhardt

Kritiker Karasek: Beichte in der dritten Person
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DPA

Kritiker Karasek: Beichte in der dritten Person

Es ist ein literarischer Blick durchs Schlüsselloch: Der Kritiker Hellmuth Karasek gleicht seine amourösen Erfahrungen mit denen weltberühmter Autoren ab - in einem Lehrstück darüber, "was Männer von Frauen wollen".

Hellmuth Karasek hat sich auf seine literarischen Fähigkeiten besonnen. Nachdem er zuletzt als Joker in der "5-Millionen-SKL-Show" aufgetreten ist und für Tintenfüller geworben hat, hat der langjährige SPIEGEL-Kulturchef nun mal wieder ein Buch geschrieben. Es ist sein 21. Und zumindest der eigenwillige Titel "Ihr tausendfaches Weh und Ach" kann locker mit den anderen 20 mithalten: Etwa mit dem Bestseller "Süßer Vogel Jugend oder Der Abend wirft längere Schatten" und mit dem Glossenband "Vom Küssen der Kröten und andere Zwischenfälle".

Tausendfaches Weh und Ach? Ob er ein Buch über Hüftleiden schreibe, habe seine Frau gescherzt, als sie den Titel hörte, erzählt Karasek. Aber das "ewig Weh und Ach, so tausendfach" hat er aus Goethes Faust entwendet - es geht also um Größeres als um Hüftleiden: darum, "was Männer von Frauen wollen", so der Untertitel.

"Sex-Appeal ohne Mätzchen"

Thematisch macht das Buch genau da weiter, wo Karasek mit den Lobgesängen auf Pooths Brüste, "ihre Bronzebräune" und ihren "Sex-Appeal ohne billige Mätzchen" in der "Bild" aufgehört hat: Er verarbeitet auf 270 Seiten seine erotischen Jugendsünden - und bringt auch dabei ab und zu seine Wertschätzung jenen Frauen gegenüber zum Ausdruck, die "herrlich braun gebrannt" sind, "und das am ganzen Körper". Oh weh.

Buchcover "Ihr tausendfaches Weh und Ach"
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Hoffamnn und Campe

Buchcover "Ihr tausendfaches Weh und Ach"

Der aus Funk und Fernsehen bekannte Literaturkritiker hat, ganz Kenner der Erzähltechniken, einen vornehmen Er-Erzähler gewählt, im Fachblatt für intime Angelegenheiten, der "Bunten", jedoch bekannt: "Ja, das habe ich wirklich erlebt."

Sein Buch ist also eine Beichte in der dritten Person, was ein bisschen verschämt wirkt. Ebenso wie die erste Lesung seines Textes beim Hamburger Harbourfront Literaturfestival, wo er die schlüpfrigen Szenen die Moderatorin Stella Jürgensen vortragen ließ.

So erfuhr der Zuhörer von einer Frau, wie "er", Karasek, die Schwester seines Nachhilfeschülers verführte: "Auch das Öffnen ihrer Bluse gelang ihm, Knopf um Knopf lenkte er sie mit Küssen ab. Natürlich vernestelte er sich, als er ihren Büstenhalter zu öffnen versuchte, aber dann sah er zwei wunderbare Halbkugeln...". Ach.

Erotische Kulturgeschichte

In Karaseks sexuellen Memoiren geht es aber nicht nur um seinen eigenen Erfahrungsschatz, sondern auch um den Erfahrungsschatz anderer männlicher Autoren: Nestroy und Shakespeare, Casanova und Stefan Zweig - eine Art erotische Kulturgeschichte, in die sich der 75 Jahre alte Professor mit seinen Tagebucherinnerungen einfügt. Und immer, ach, geht es auch um das Dilemma zwischen "Nestwärmer und Nestflüchter", zwischen treuer Ehe und aufregender Affäre. "Die Treue ist keine Frage der Moral, sondern der Bequemlichkeit, der Feigheit und des Mangels an Gelegenheit", heißt es lapidar.

Mangel an Gelegenheit machte Karasek jedenfalls selten zu schaffen, und so sieht man staunend durch ein literarisches Schlüsselloch, wie Karasek einmal Sex mit der Frau eines Freundes hat: "Ach, was haben wir's gut!, dachte er, als er einmal mit der viel jüngeren Frau eines viel älteren Freundes vormittags aus dem Hotelbett aufstand." Oder wie der 29-jährige Karasek seine damalige Frau mit einem Kollegen in flagranti erwischte, "mit einem Arbeitskollegen", der "mit Hosen, Schuhen und Jacke in der Hand" aus der Wohnung türmte.

Oh Weh. Ach, ach.


Buch. Hellmuth Karasek: Ihr tausendfaches Weh und Ach. Was Männer von Frauen wollen. Hoffmann und Campe. 22 Euro.

Lesereise bis Februar, u.a. in Pforzheim, Hamburg, Braunschweig, Berlin, Erfurt. Karten über die jeweilige Buchhandlung erhältlich, Termine auf der Verlagsseite.

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