Von David Kleingers
Zum Glück werden Comics auch hierzulande nicht mehr pauschal als pubertärer Kinderkram abgetan, sondern im besten Fall gleichwertig zu anderen Kunstformen gehandelt. Doch leider gelten feuilletonistische Wertschätzung und breite Aufmerksamkeit oft nur einer Handvoll gediegener Graphic Novels, die von vornherein als Erwachsenenliteratur identifiziert und ernstgenommen werden.
Aber gerade abseits des Kanons warten aufregende Entdeckungen. Eine der schönsten ist die "Scott Pilgrim"-Reihe von Bryan Lee O'Malley. Sein unkonventioneller Bildungsbilderroman im Pocket-Format begeistert mit ebenso viel Herzblut wie Humor, ist in Nordamerika längst ein Pop-Phänomen und wird derzeit von Regisseur Edgar Wright ("Shaun of the Dead") verfilmt.
Dieser Erfolg ließ sich nicht erwarten, als 2004 mit "Scott Pilgrim's Precious Little Life" der erste von mittlerweile fünf Bänden im unabhängigen Verlag Oni Press erschien. Ohne nennenswerte Werbung, dafür mit effektiver Mundpropaganda und euphorischen Rezensionen hat der kanadische Comic seitdem eine globale Fan-Gemeinde gewonnen. Dabei erscheint O'Malleys Fortsetzungsgeschichte auf den ersten Blick wie die Antithese zu üppig gestalteten Comic-Renommierprodukten: In schlichter schwarz-weißer Aufmachung und mit einem naiv-niedlichen Zeichenstil, der irgendwo zwischen japanischem Manga und europäischer Ligne Claire liegt, wird der Alltag des 23-jährigen Scott Pilgrim bebildert.
Leichtfüßiger Loser
Scott, der seinen Namen einem Song der All-Girl-Band Plumtree aus Halifax verdankt, lebt in Toronto und ist eher antriebsschwacher Habenichts denn strahlender Held. Mit seinem schwulen Kumpel Wallace teilt er sich eine winzige Einzimmerwohnung - und platonisch auch das einzige Bett darin. Und wenn er tatsächlich aufsteht, spielt er Bass in der Band Sex Bob-Omb. Gitarrist Stephen "The Talent" Stills und die lakonische Drummerin Kim Pine kennen als langjährige Freunde Scotts dessen diverse Defizite, ob nun monetärer, intellektueller oder zwischenmenschlicher Art.
Dazu zählt auch Scotts Hang zu problematischen Paarbeziehungen. So sorgen zunächst seine keuschen Dates mit der 17-jährigen Highschool-Schülerin Knives Chau für Aufregung im Bekanntenkreis. Doch dann entdeckt Scott auf einer Party die Amerikanerin Ramona V. Flowers, und fortan ist es um den leichtfüßigen Loser geschehen: Unbedingt muss er dieses enigmatische "Ninja Delivery Girl" aus New York kennenlernen, das als Rollschuhkurierin durch die Stadt und seine Träume rast.
Dank seiner Hartnäckigkeit bekommt Scott schließlich seine ersehnte Verabredung mit der äußerst reservierten Ramona - und sogar einen ersten Kuss. Aber das sich zart anbahnende Glück droht gleich wieder zu zerbrechen, denn Ramonas geheimnisvolle Vergangenheit hält üble Überraschungen bereit. Genauer: Ihre insgesamt sieben schurkischen Ex-Freunde, die mit allerhand Superkräften gegen den ahnungslosen Scott antreten wollen. Nur wenn er die spektakulären Duelle mit den Verflossenen siegreich übersteht, darf sich Scott zaghafte Hoffnungen auf Zweisamkeit machen.
Die Auseinandersetzungen zwischen Scott und Ramonas "Evil-Exes" stellen den übergreifenden Spannungsbogen der Reihe, die im kommenden Jahr mit dem sechsten und letzten Band ihren Abschluss finden soll. Der wesentliche Reiz von O'Malleys pointierter Slacker-Saga liegt jedoch weniger in den bizarren Showdowns - bei denen die chronische Couchkartoffel Scott Pilgrim mit Videospielerfahrung punkten kann - als vielmehr in der liebevoll eingefangenen Lebenswelt seiner Figuren.
Vegetarische Aufläufe
Der stimmige Dialogwitz sowie die detailfreudige Darstellung Torontos verleihen dem monochromen Comic dabei eine unverwechselbare Färbung: O'Malleys Tableaus sind auch eine Hommage an die Metropole am Lake Ontario, die hier vom umtriebigen Dundas Square über das Casa Loma und die U-Bahn nach Yorktown bis hin zu den tatsächlich existierenden Clubs und Kleidermärkten präsent ist. Und natürlich trinken die Bewohner bei O'Malley ihren Kaffee bei Tim Hortons oder Second Cup und nicht bei der US-Konkurrenz.
Das richtige Gespür für Ort und Sprache wird auch für den Erfolg von Edgar Wrights Kinoadaption "Scott Pilgrim Vs. The World" entscheidend sein. Das offizielle Produktionsblog über die Dreharbeiten in Toronto ist mit Blick auf die Vorlage zumindest vielversprechend, wie auch die Besetzung der Titelrolle mit dem kanadischen Jungstar Michael Cera, bekannt aus dem Kinofilm "Juno" und der Serie "Arrested Development".
In den schlagfertigen Texten wiederum zeigt O'Malley, Jahrgang 1979, genaue Kenntnis jugendlicher Befindlichkeiten: Scott und seine Freunde dozieren seitenlang über vegetarische Aufläufe und können sich ausführlich über arrogante Elektropopbands aus Montreal ereifern, doch wenn es um Gefühlsfragen geht, geraten sie rührend ins Straucheln. Das macht sie zu Identifikationsfiguren für beiderlei Geschlecht, weshalb "Scott Pilgrim" ebenso viele männliche wie weibliche Fans hat und nicht wie viele andere Comics als reines Jungsding gilt. Die bewusste Lo-Fi-Ästhetik kann und will auch gar nicht verbergen, dass O' Malley bei aller charmanten Ironie ein episches Drama über Freundschaft, Loyalität und Liebe gelungen ist. Oder, um den passenden musikalischen Vergleich zu bemühen, eine große Oper im Garagensound.
Wie die wechselvolle Herzensbildung seines zuletzt arg gebeutelten Helden ausgeht, offenbart sich erst im nächsten Jahr. Dass man Scott Pilgrim danach schmerzlich vermissen wird, ist hingegen schon heute sicher.
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