Von Henryk M. Broder
Ältere West-Berliner bekommen noch immer feuchte Augen, wenn irgendwo zwischen Kegelbahn und Kellerbar das "Insulanerlied" erklingt. Es war die Erkennungsmelodie des "Clubs der Insulaner", eines Kabarettprogramms, das von 1948 bis 1964 vom Rias (Radio im amerikanischen Sektor) ausgestrahlt wurde, ein Kessel Buntes aus Antikommunismus, Berliner Schnauze und moralischer Aufrüstung in Zeiten des Kalten Krieges. Der Refrain des Stücks fasste die Gemütslage der Frontstädter in sechs Worten zusammen: "Der Insulaner verliert die Ruhe nicht."
Vom Rias ist nur noch ein denkmalgeschützter Neonschriftzug übriggeblieben, die "Insulaner" sind alle tot, aber der Song ist unsterblich - wie die Berliner Bulette und die Currywurst.
Es erinnert an die "besondere politische Einheit West-Berlin", eine Oase der Freiheit inmitten einer Diktatur, die von westdeutschen Kriegsdienstverweigerern als Fluchtort und von Kneipengängern wegen der nicht vorhandenen Sperrstunde geschätzt wurde.
"Flanieren im Sitzen"
Ein opulenter Text- und Bildband lässt diese Ära nun wieder auferstehen, in zahlreichen Reminiszenzen und Porträts. Der Schriftsteller Hans Christoph Buch zum Beispiel, 1963 nach West-Berlin gekommen, hatte sich nach zehn Jahren "soweit an die Mauer gewöhnt, dass ich sie nur noch als Verkehrshindernis wahrnahm, wenn ich mehr oder weniger betrunken von einer Kneipentour durch Kreuzberg nach Hause fuhr".
Die Berliner hatten es sich auf ihrer vom Westen subventionierten Insel gemütlich eingerichtet, auch die sogenannte Szene war überschaubar und traf sich vorzugsweise in den Kneipen rund um den Savignyplatz, bei "Franz Diener" und der "Dicken Wirtin", im "Zwiebelfisch" und im "Terzo Mondo".
"Ein Ausgehprofi", erinnert sich der Autor Matthias Frings, "musste nichts tun, er ließ es geschehen, eine Art Flanieren im Sitzen". West-Berlin spielte Großstadt, war aber nur ein großes Dorf, in dem Rentner und Schrebergärtner das Sagen hatten und "umherschweifende Haschrebellen" mit "Smoke-Ins" im Tiergarten die Polizei provozierten.
Vögeln, engeln, teufeln
Die Studentenrevolte war eine Mischung aus "Rebellion und Wahn" (Peter Schneider), die sexuelle Anarchie ein "Märchen", das von der "Spaßgerilja" verbreitet wurde: "Dies heißt nun nicht: Wenn wir den ganzen Tag vögeln, dass dann alle Probleme gelöst wärn. Die Vögel sagen wahrscheinlich 'menscheln' dazu. Die Teufeln vielleicht 'engeln' und die Engel 'teufeln'" (Fritz Teufel).
West-Berlin, das Fenster zur Welt, war spaßig und spießig, gemütlich und exotisch, eine "biedermeierliche Idylle" vor dem Hintergrund eines "drohenden Atomkriegs" (Horst Bosetzky). Die Stadt der Flohmärkte und des KaDeWe, der Laubenpieper und der Nachtwandler, der Glücksritter und Desperados.
Mit dem Ende der besonderen politischen Einheit West-Berlin hat sich auch der West-Berliner aus der Geschichte verabschiedet, eine besondere Spezies von Mensch, der alles versteht und fast alles verzeiht. Nachdem der Boxer Bubi Scholz im Vollrausch seine Frau erschossen hatte, da verlor der Insulaner die ihm eigenen Ruhe nicht: "Wir sind doch alle nur Menschen."
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Nein, nur ich langweile..Sie sorgen dagegen mit ihren ansonsten schwer zu treffenden Selbsttoren und mit ihren "Veraeppelungen" der Berliner noch bis Weihnachten fuer mehr nachhaltige Unterhaltung als eine pappenvoll [...] mehr...
Sie könnten mir eigentlich statt unfruchtbarer, oft kleinlich versteckter Beckmesserei, mal wirklich helfen: von ca.1964 ist mir ein köstlicher Aufsatz "Wut über die verlorene Stille..." oder so ähnlich, von Fritze [...] mehr...
Nun, ich hatte Ihnen zur Wiedergutmachung ihrer selbstverordneten Leute-"Veraeppelung" eine Bruecke gebaut, die eigentlich zugleich eine gutgemeinte kleine Falle war. Meistens verhaelt es sich naemlich bei den [...] mehr...
Einverstanden! Trotzdem ist es aber auch nicht gerade verboten zu wissen, daß die Potsdamer Straße (ich glaube 134c?)Fontanes damals noch nicht mit Gaslaternen und Spülklos verwöhnt war wie etwa Londoner Wohnhäuser, was Mete [...] mehr...
Nun gut, zum "Veraeppeln" sollte man eigentlich sattelfest sein, hoffentlich haben Sie jetzt kein Problem an der Backe, denn ich habe nicht nur den kompletten Briefwechsel Theodors mit Mete im Buecherschrank, sondern [...] mehr...
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