Von Jörg Böckem
Bangor im US-Bundesstaat Maine, Mitte der Achtziger. Der zwölfjährige Joseph öffnet die elterliche Haustür. Draußen steht ein muskelbepackter, tätowierter Mann. "Ich bin gerade aus dem Thomaston-Staatsgefängnis entlassen worden", sagt der Mann. "Ich möchte dir nur sagen, dass die Bücher deines Vaters das einzige waren, das mich im Knast davon abgehalten hat, jemanden umzubringen." Die Macht der Fiktion, lernt der Junge früh, reicht in die Realität hinein.
Rund fünfundzwanzig Jahre später: Der Junge von damals hat nach einigen mit Preisen überhäuften Kurzgeschichten und einem extrem erfolgreichen Roman eine Comicserie geschrieben: "Locke & Key - Willkommen in Lovecraft". Schon nach wenigen Bildern ist klar, wo die Reise hingeht: Ein altes Farmhaus im Mendocino Valley, inmitten einer idyllischen Landschaft; Wälder und Wiesen, ein See. Zwei halbwüchsige Jungs klopfen an die Haustür, im Gesicht ein Lächeln, hinter dem Rücken eine Axt, ein Jagdmesser und einen Revolver. Auf der Ladefläche ihres Pick-ups liegen zwei blutverschmierte Leichen. Die Vertreibung aus dem vermeintlichen Paradies, in dem, werden wir Leser später erfahren, nicht gar so paradiesische Zustände herrschen, steht kurz bevor. An diesem Tag werden zwei Menschen sterben, für alle anderen wird nichts mehr so sein wie zuvor.
Joe Hill, der mit seinem Debütroman "Heart-Shaped Box" (auf deutsch unter dem Titel "Blind" bei Heyne erschienen) im vergangenen Jahr einen weltweiten Bestseller hinlegte, erzählt in seinem großartigen Comic "Locke & Key" die Geschichte der Familie Locke. Nach dem Gemetzel, bei dem der Ehemann und Vater ums Leben kommt und alle anderen Schaden an Geist und Seele nehmen, ziehen sie auf den alten Stammsitz der Familie, das Keyhouse, nahe dem Ort Lovecraft in Massachusetts.
"Dawn of the Dead" am Kindergeburtstag
Die Lockes können den Schreckensbildern in ihrem Kopf nur schwer entfliehen: Ty, der älteste Sohn, vergräbt sich in Arbeit und Grübeleien, von Selbsthass und Scham zerfressen, seine Mutter flüchtet in den Alkohol, Tochter Kinsey versucht, durch Anpassung aus der Welt zu verschwinden. Bode, der jüngste der Familie, bleibt allein in seiner Phantasiewelt und erkundet die Geheimnisse seines neuen Zuhauses. Im Keyhouse existieren geheimnisvolle Türen, die denjenigen, der sie durchschreitet, in einen Geist verwandeln oder Alter, Rasse und Geschlecht verändern. Im Brunnen haust ein geheimnisvolles Geistwesen, das entkommen will, hinter alldem lauert ein altes Familiengeheimnis, und auch der Schrecken der jüngeren Vergangenheit bricht in Gestalt des jungen sadistischen Mörders Sam Lesser erneut über die Familie hinein.
"Wer sein Leben neu beginnen möchte, sollte nicht in eine Stadt namens Lovecraft ziehen," sagt Hill über sein Werk. Der Autor, der seine Geschichte als eine Art modernes Grimm'sches Märchen beschreibt, das davon handelt, wie junge Menschen ihre Identität erforschen und konstruieren, kennt sich aus mit dem Horror. Und mit dem Problem, eine eigene Identität zu finden: Joe Hill ist ein Pseudonym, abgeleitet von seinen beiden Vornamen Joseph Hillstrom. Sein Nachname ist King. Joseph Kings Vater heißt Stephen, er ist der erfolgreichste Horrorschriftsteller der Welt. Seinen Bestseller "Shining" hat er vor Jahrzehnten seinem Sohn gewidmet.
Im Alter von neun Jahren hat Joe Hill in dem Film "Creepshow" von Horror-Legende George Romero nach einem Script seines Vaters mitgespielt, an seinem zwölften Geburtstag hat er seine Freunde zu einer Vorführung von "Dawn Of The Dead" eingeladen. Eines der Lieblingsspiele in seiner Kindheit war ein Rollenspiel, das auf einer Geschichte des Horroraltmeisters H. P. Lovecraft basierte. Naheliegend, dass Joseph King sich als Erwachsener dem Horror-Genre zuwendet.
Realer Schrecken trifft übersinnliche Bedrohung
Zu Beginn seiner Karriere als Schriftsteller hat er sich entschieden, ein Pseudonym zu wählen - er wollte nicht vom Ruhm seines Vaters profitieren. Zur Zeit seiner ersten Publikation war das noch anders. Als Elfjähriger veröffentlichte Hill, der nach eigenen Angaben schon immer Schriftsteller werden wollte, einen, wie er heute sagt, sehr schlechten Artikel in der Lokalzeitung. "Von Joseph King, dem Sohn des Bestsellerautoren Stephen King" stand darunter. Das beschämt ihn noch heute. Damals schwor er sich, nie wieder unter dem Namen King zu publizieren.
Joe Hill dann also. Als Joe Hill noch Joseph King hieß, ist er nicht nur in die Welt des Horrors hineingewachsen, er hat sich auch früh für Comics begeistert. "Als kleiner Junge hatte ich stapelweise Plastiktüten mit Comics im Keller meiner Eltern", sagt er. Schon als Zwölfjähriger hat er sich mit einem Spiderman-Script an einem Talentwettbewerb des Marvel-Verlags beteiligt, mit wenig Erfolg. "Gib's auf, Junge" kritzelte damals Marvel-Chefredakteur Jim Shooter persönlich auf das Ablehnungsschreiben. Die Begeisterung für Comics blieb, rund zwanzig Jahre später schrieb Hill ein Script für "Spider-Man Unlimited" und einen Beitrag für die Horror-Reihe "Grave Tales"; ein Projekt für DC-Vertigo ist in Planung.
"Als mir die Idee zu 'Locke & Key' kam, war mir von Anfang an klar, dass es ein Comic werden musste. Die Idee hätte in keiner anderen Form funktioniert." Als Comic funktioniert sie vortrefflich: Hill komponiert seine Geschichte komplex und packend, er wechselt geschickt Stimmungen, Zeit- und Erzählebenen, ohne den Fluss der Geschichte zu stören, Gabriel Rodriguez findet die passenden Bilder.
In einem Interview hat Hill Truman Capotes "Kaltblütig", die erschütternde Dokumentation eines realen Mehrfachmordes, als furchterregendstes Buch bezeichnet, das er je gelesen habe. In "Locke & Key" finden sich Anklänge davon: Hill schildert eindrucksvoll, wie der plötzliche Einbruch von Gewalt und Tod das Leben, Denken und Fühlen vor allem der jungen Protagonisten verändert. Darüber hinaus verschränkt er kunstvoll den realen Schrecken mit der übersinnlichen Bedrohung. Kein Wunder, dass die Comics in den USA und Großbritannien auch ohne den Namen King auf dem Einband zu Bestsellern wurden.
"Locke & Key - Willkommen in Lovecraft", Joe Hill, Gabriel Rodriguez, Panini, 160 Seiten, 16,95 Euro
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Übersetzungen sind nie so gut wie das Original, sagt die Binse, und die hat zuweilen doch recht. Ist mir aufgefallen bei den Übersetzungen der Romane von T. C. Boyle. Die sind sogar sehr gut, aber im Deutschen ist es schlicht [...] mehr...
Ach... das ist aber umständlich. Man legt einfach irgend ein Lesezeichen in den Anhang (den Kassenzettel vom letzten Einkauf, die Stellenanzeige, auf die man sich bewerben wollte oder den Wisch mit dem 4-stelligen Zahlencode [...] mehr...
Ja - irgendwie blöd mit den Anhängen, aber oft so hilfreich. Für mich habe ich die Lösung gefunden: ich kopiere den Anhang, mir ist das vor- und zurückblättern einfach zu lästig. mehr...
Jaja, die Übersetzung von Matthias Jendis. Man hat jetzt wirklich schon viele Lobeshymnen drüber gehört, sie ist wirklich von geschliffenem Deutsch und bemüht sich offenbar sehr, den Originalton Melvilles bestmöglich zu [...] mehr...
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