Von Ulrich Baron und Sibylle Mulot
Charlie English: "Das Buch vom Schnee"
(Aus dem Englischen von Heike Steffen, Rogner & Bernhard, 320 Seiten, 19,90 Euro)
Vermummt wie ein Weihnachtsmann tritt uns Journalist und Familienvater Charlie English auf dem Autorenfoto entgegen und nimmt uns mit auf seine Reisen zu Schnee und Eis. Er will sich beweisen: Ein durchschnittlich trainierter Schreibtischmann, der aufs Ganze geht. Was schert mich Weib, was schert mich Kind - wenn ich die Gelegenheit habe, bei einem Eskimo die Kunst des Iglu-Bauens zu erlernen, Lawinengebiete in den französischen Alpen zu durchqueren oder in den USA zu den höchsten Schneeverwehungen zu reisen, auf der Suche nach den größten und schönsten Schneeflocken der Welt. (Sie sind gigantisch).
English ist schneesüchtig. Irgendwann kommen seine Frau und die Kinder sogar mit. Sie fahren durch Vermont und besuchen die Scheune, wo der dickköpfige Bauer Bentley vor 80 Jahren die ersten sensationellen Schneekristallfotosotos machte.
Stilistisch souverän breitet English seine Schneeschätze vor uns aus, mischt Erlebnis mit Reflexion und wissenschaftlicher Betrachtung und krönt das Ganze mit einem Anhang à la "Schotts Sammelsurium". Was will man mehr? Ein ebenso informatives wie persönliches Buch, das uns an verschneiten oder schneelosen Abenden wunderbar die Zeit vertreibt.
Sibylle Mulot
Patrick Leigh Fermor: "Der Baum des Reisenden: Eine Fahrt durch die Karibik"
(Aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié. Dörlemann Verlag, 640 Seiten, 33 Euro)
Gerade mal 60 Jahre ist es her, dass der 1932 geborene Patric Leigh Fermor seinen karibischen Reisebericht in England veröffentlicht hat, und doch führt er heute in eine Welt, die es so nicht mehr gibt. Die Entwicklung von Kreuzfahrten zum Massentourismus hat Westindientouren in Nummernrevuen mit austauschbaren Etappen verwandelt.
Dagegen erscheinen Fermors mitreißende Beschreibungen von Inseln wie Guadeloupe, Martinique, Dominica und Barbados sowie ihren kleinen Schwestern als phantastische Variationen eines großen Themas: des gewaltsamen Vordringens der Europäer in eine Inselwelt, deren eingeborene Bevölkerung von Zuwanderern und afrikanischen Sklaven verdrängt wurde.
Verschwunden ist dabei auch der Brauch der Kariben, Leuten, gegen die man einen Groll hegte, beim nächsten Gelage einfach den Schädel einzuschlagen, bevor sich daraus ein hässlicher Streit entwickeln konnte.
Jede Insel ist hier noch ein Paradies für sich. Sie alle sind verloren, doch leben sie in Geschichten fort, die Fermor dort erlebt oder vor Ort aufgespürt hat. Ulrich Baron
Chelsea Cain: "Gretchen"
(Deutsch von Fred Kinzel. Limes, 352 Seiten, 19,95 Euro)
Mit ihren Thrillern über die Hassliebe zwischen der Serienmörderin Gretchen Lowell und dem Detective Archie Sheridan hat die 1972 geborene Chelsea Cain die Konstellation von "Das Schweigen der Lämmer" umgekehrt. Eine Frau ist hier die große Manipulatorin. Ihren männlichen Gegenspielern schneidet sie gerne blutige Herzen in die Brust, und nun ist das bildhübsche, aber moralisch verwerfliche Gretchen einem Hochsicherheitstrakt entkommen, während ihr Jäger in der Psychiatrie gelandet ist.
Derweil erleben die Teilnehmer einer Tour zu Gretchens populärsten Tatorten eine böse Überraschung inklusive Todesopfer. Kein Zweifel: Gretchen ist Kult, aber ist sie diesmal auch Täterin? Oder sind ihre Fans zu weit gegangen?
Sie habe "viele witzige Fakten zum Thema Tod benutzt", die sie in Michael Largos "Final Exits: The Illustrated Encyclopedia of How We Die" gefunden habe, verrät die Autorin in ihrer Danksagung. Auch deshalb zählt dieser Thriller zu jenen Büchern, die eine isolierende Schutzschicht wohligen Schauders zwischen Innen- und Außenwelt packen und einem damit matschige Weihnachten und nebliges Neujahr von Leib und Seele halten. Ulrich Baron
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