Von Ulrich Baron und Daniel Haas
Caroline Alexander: "Der Krieg des Achill. Die Ilias und ihre Geschichte"
(Aus dem Amerikanischen von Ulrike Bischoff, 319 Seiten, Berlin Verlag, 24,90 Euro)
Von so einer Eingreiftruppe träumen sie vermutlich alle, vor allem jene Staatschefs, die ein Land befrieden sollen, in dem ihnen ein unberechenbarer Gegner gegenübersteht. "Zu den Myrmidonen aber ging und ließ sich rüsten Achilleus,/ Alle durch die Lagerhütten hin mit Waffen. Die aber, wie Wölfe,/ Rohfressende, denen um das Zwerchfell unsägliche Kraft ist". Männer wie Raubtiere also, die ihrem General in einen Krieg folgen, der nach dem Willen der Götter nur als Tragödie enden kann.
"Der Krieg des Achill" nennt die amerikanische Publizistin Caroline Alexander ihre mit Kulturkritik, Philologie und Geschichtskunde angereicherte Nacherzählung der "Ilias". Tatsächlich ist diese Ursprungsakte der europäischen Weltliteratur vor allem das: die Auseinandersetzung eines Soldaten mit seiner Profession. Wann ist Krieg gerechtfertigt? Unter welchen Umständen muss man eingreifen? Ist Gehorsam oberste Pflicht, auch wenn die Befehlsstrukturen fragwürdig geworden sind?
Männer wie Wölfe - aber eben auch: Helden mit Zweifeln, mit Angst und einem tiefen Wunsch nach Frieden. Moderne Krieger, solche, die man eher aus Kubricks oder Coppolas Vietnam-Filmen kennt als aus plumpen Sandalen-Haudrauf-Filmen.
Alexander enthält sich jeglicher Querverweise zum aktuellen politischen Weltgeschehen. So kann man ihr streckenweise arg nüchtern geschriebenes Werk selber als Folie über die Berichterstattung der globalen Krisenpolitik legen. Es ist schon frappierend, wie anschlussfähig dieser über 2000 Jahre alte Text ist. Anders gesagt: Auch deutsche Obristen könnten lernen von diesem Achilleus, der die Legitimität seines Einsatzes von Anfang an hinterfragt.
Wie so viele Übertexte des literarischen Weltkanons - die Bibel, Dantes "Göttliche Komödie", Cervantes' "Don Quichote" -, kreist man auch die "Ilias" am besten mit vorbereitender Lektüre ein. Dann wird man selbst irgendwann zum Wolf, allerdings des Lesens, und verbeißt sich in ein berauschendes Sprachwerk. Alexanders Monografie ist hierfür ein exzellenter Appetithappen. Daniel Haas
Jo Nesbø: "Leopard"
(Aus dem Norwegischen von Günther Frauenlob und Maike Dörries. Ullstein, 699 Seiten, 21,95 Euro)
Wer eine Handgranate im Mund hat, sollte nicht an dem ziehen, was da raushängt. Für einen Leopoldsapfel gilt dasselbe, nur dauert das Sterben damit etwas länger. Was ein Leopoldsapfel genau ist, erfährt man erst nach rund 200 Seiten, und wer diese mörderischen Früchte in Norwegen verteilt, nach ein paar hundert mehr.
So weit hier die Spannungsbögen gezogen sind, so weit muss die junge Kommissarin Kaja Solness reisen, um ihren Kollegen Harry Hole für die Jagd nach dem Serienmörder zu gewinnen. Vor den katastrophalen Folgen seiner Jagd nach dem "Schneemann" hatte Hole sich von Oslo nach Hongkong geflüchtet und war von Whisky auf Opium umgestiegen. Erst als er erfährt, dass sein Vater im Sterben liegt, lässt er sich zur Rückkehr überreden und landet mitten in einem schmutzigen Kampf um die Kompetenzen bei der Mordermittlung.
Jo Nesbøs Kommissar Hole ist ein Nachfahre der Waljäger und Polarhelden Norwegens. Ein anarchischer Einzelgänger, der sich als Junge in die Finsternis gestürzt hat, um seine Furcht davor zu überwinden. Dass die Spuren des Mörders und seiner tödlichen Äpfel in den Kongo führen, passt dazu. Dort hat schon Joseph Conrad das "Herz der Finsternis" entdeckt, aber Nesbø zeigt in seinem bislang härtesten Thriller, dass dieses Herz auch in einer norwegischen Schneehütte schlagen kann. Ulrich Baron
Aatish Taseer: "Terra Islamica. Auf der Suche nach der Welt meines Vaters"
(C. H. Beck, 363 Seiten, 24,95 Euro)
Seit V. S. Naipaul 1981 sein Buch "Eine islamische Reise" ("Among the Believers") veröffentlicht hat, ist eine neue Generation herangewachsen, haben sich die Gegensätze zwischen westlicher und islamischer Welt noch einmal dramatisch verschärft. Zu dieser neuen Generation zählt auch der 1980 geborene Aatish Taseer. Taseer fühlt sich dem westlichen Säkularismus verbundener als der Welt seines seit der Kindheit meist abwesenden Vaters, der im muslimischen Pakistan eine politische Karriere gemacht hat.
Auch ohne den Westen bieten Konflikte zwischen Sikhs, Muslims und Hindus, Vätern und Söhnen, Arm und Reich hier Zündstoff. Taseers Reise von Istanbul bis Pakistan enthüllt eine Welt voller Gegensätze und Kränkungen, deren Bewohner sich nach einem islamischen Gegenstück zum übermächtigen westlichen "Weltsystem" sehnen, auch wenn sie eher weltlich orientiert sind.
Gleich zu Beginn aber erläutert ihm ein türkischer Theologiestudent in Istanbul, dass es nicht um eine bloße Alternative gehe: "Muslim sein, heißt über der Geschichte stehen." Damit erhebt er sich nicht nur über die materielle Macht des Westens und dessen Werte, sondern über alle Kräfte des Wandels schlechthin. Respekt gegenüber Juden und Christen sei für ihn zwar durchaus angebracht, beschränkt sich aber auf das, was im Koran für sie vorgesehen ist. Ein Dialog mit solch radikalen Muslimen ist also möglich, nur ändert er nichts.
Aatish Taseers Buch zeigt solche Zuspitzungen, aber auch die Vielfalt individueller Motive, die sich hinter der Konfrontation von Islam und Westen verbergen - ein würdiger Nachfolger zu Naipauls Darstellung. Ulrich Baron
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Hierzu passt m. M. n.: "Der Hundertjährige, der aus dem Fenter stieg und verschwand." v. Jonas Jonasson. Stand auch schon auf der Bestsellerliste des Spiegel. Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und [...] mehr...
Ich verschlinge alles von John Irving und warte schon sehnsüchtig auf sein neues Buch, das im Mai kommt. Besonders gut udn empfehlenswert: The New Hampshire Hotel Owen Meany The Cider House Rules Genial! mehr...
Übersetzungen sind nie so gut wie das Original, sagt die Binse, und die hat zuweilen doch recht. Ist mir aufgefallen bei den Übersetzungen der Romane von T. C. Boyle. Die sind sogar sehr gut, aber im Deutschen ist es schlicht [...] mehr...
Ach... das ist aber umständlich. Man legt einfach irgend ein Lesezeichen in den Anhang (den Kassenzettel vom letzten Einkauf, die Stellenanzeige, auf die man sich bewerben wollte oder den Wisch mit dem 4-stelligen Zahlencode [...] mehr...
Ja - irgendwie blöd mit den Anhängen, aber oft so hilfreich. Für mich habe ich die Lösung gefunden: ich kopiere den Anhang, mir ist das vor- und zurückblättern einfach zu lästig. mehr...
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