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29.01.2010
 

Zum Tod von Jerome D. Salinger

Der Heilige von Cornish

Von Wolfgang Höbel

Seine wenigen Bücher sind legendäre Erfolge, sein Leben legendenumrankt. Der verstorbene Jerome D. Salinger galt als halbverrückter Sonderling, der in selbstgewählter Abgeschiedenheit seit Jahrzehnten nur noch für sich selbst schreibt. Der Strahlkraft seiner poetischen Rebellen konnte die Flucht vor der Öffentlichkeit nichts anhaben.

Ein echt prophetischer Satz, der sich in seinem vielleicht schönsten Buch "Franny und Zooey" findet, lautet so: "Diese Pedanten und kleinen Zerstückler machen mich einfach so krank - ich könnte heulen."

Der Schriftsteller Jerome D. Salinger hat in seinen wenigen Büchern von jungen Helden erzählt, denen oft zum Heulen ist und deren Nerven gefährlich zerrüttet sind. Ihre Welt ist bevölkert mit heuchlerischen Erwachsenen, oft abstoßenden Gleichaltrigen und mit Geschwistern, die entweder tot sind oder weit weg oder voller Liebe und genauso hilflos wie sie. Aber die jugendlichen Verbündeten, die hier zusammenfinden, sind auch beseelt von einem anrührenden Glauben an die Möglichkeit einer freundlicheren, klügeren, helleren Welt.

Salinger wurde für "Der Fänger im Roggen", für "Franny und Zooey" und die gar nicht besonders vielen restlichen Storys geliebt und mit einem oft feierlichen Ernst verehrt wie kaum ein anderer Autor des 20. Jahrhunderts. Für viele seiner Jünger war der 1919 geborene Mann, der von 1965 an keinen Text mehr veröffentlichte, der sich konsequent auf seinen Landsitz in Cornish im US-Bundesstaat New Hampshire zurückzog und der sich Journalisten verweigerte, eine Art Heiliger.

Zugleich wurden seine Bücher und er selber auf eine Art pedantisch begafft und analysiert, mit Gerüchten und Legenden zugemüllt und nach allen Regeln der Interpretationskunst zerstückelt, dass es ein großes Elend war. Jerome D. Salinger und Holden Caulfield, der Ich-Erzähler in "Der Fänger im Roggen", landeten quasi gemeinsam auf der Couch.

Bekenntnis eines Rebellen mit gutem Grund

Und es half ihnen nichts, dass sie rigoros die Aussage verweigerten. "Ich dachte mir aus, dass ich mich taubstumm stellen würde. Auf diese Weise brauchte ich keine verdammten, blöden, nutzlosen Gespräche mit irgendjemand zu führen", verkündet Caulfield im Buch. "Falls jemand mir etwas mitzuteilen hatte, müsste er es eben auf einen Zettel schreiben. Das würde die Leute bald langweilen, dachte ich, und dann hätte ich für den Rest meines Lebens alle Gespräche hinter mir. Alle würden mich für einen armen taubstummen Hund halten und mich in Ruhe lassen."

"Der Fänger im Roggen" ist das Bekenntnis eines Rebellen mit gutem Grund. Holden Caulfield rennt auf und davon aus der Schule und einer verlogenen Karrierewelt, er ekelt sich aber auch vor der Flachköpfigkeit und Borniertheit seiner Mitschüler. Er flüchtet sich nach New York, zu einem ebenso schönen wie gletscherkalten Mädchen namens Sally Hayes und in den Suff, und nur die unbändige Liebe seiner kleinen Schwester (und ein ganz kleines bisschen auch die eigene Bequemlichkeit) bringen ihn am Ende des Buchs dazu, sich vorläufig in die Gesellschaft, eine andere Schule und sein Schicksal zu fügen.

Seine Sprache aber wird er behalten, eine Sprache, die ohne jede Rücksicht von seiner Not und seinen Abenteuern und seinem inbrünstigen Weltekel erzählt, die roh ist und voller Flüche und doch die eines hochgebildeten, zwischen Selbsthass und Überheblichkeit schwankenden Ausreißers. Irgendwelche Pedanten haben dann auch gleich nachgezählt, wie oft das Wort "Fuck" vorkommt in diesem Buch. Sie kamen auf die Zahl 44.

"Der Fänger im Roggen" war eine Sensation, als er 1951 herauskam. William Faulkner nannte es später das "beste Buch der gegenwärtigen Schriftstellergeneration". Und sofort machten sich die Erklärer und Zerstückler ans Werk. Sie benannten Goethes Werther und Mark Twains Huckleberry Finn und alle möglichen Roman- und Filmhelden als Holden Caulfields Vorfahren. Sie priesen die lakonische, vom Slang der frühen Nachkriegsjahre bestimmte Sprache als authentischen Ausdruck einer desillusionierten Jugend. Und sie ermittelten, dass der Autor Salinger womöglich autobiografische Horrorerlebnisse verarbeitet hat.

Merkwürdig taumelnder Zauber

Über den Nervenzusammenbruch, den der 1944 bei der Landung in der Normandie eingesetzte Soldat Salinger am Ende des Zweiten Weltkriegs in Deutschland erlitt, ist im Lauf der Jahre fast ebenso viel geschrieben worden wie über die störrische Poesie seiner jungen Helden. Dass Hemingway ihm bei einer Begegnung 1944 in Paris "teuflisches Talent" bescheinigte und aus lauter Begeisterung sogleich einem Huhn den Kopf abschoss, ist eine der besseren Legenden, die sich um Salinger ranken.

Man hat ihn als praktizierenden Zen-Buddhisten geoutet, als Pädophilen verdächtigt und als interessierten Gesprächspartner des Ober-Scientologen Ron L. Hubbard der allermerkwürdigsten Umtriebe bezichtigt. Und spätestens seit ihn 1967 angeblich auch noch Frau und Kinder verließen, handelte man ihn als komplett durchgedrehten Sonderling. Dazu passte, dass einige seiner Fans, darunter Charles Manson und Mark Chapman, der John Lennon erschoss, sich als Mörder und Attentäter hervortaten.

Dem leuchtenden, merkwürdig taumelnden Zauber seiner Bücher und ihrer Helden konnte all das nichts anhaben. Auch nicht Esmé, der Titelheldin von Salingers Erzählung "Für Esmé - mit Liebe und Unrat", angetan mit dem "schönsten Kleid, das ein so junges Mädchen an einem so verregneten Tag tragen konnte". Sie träumt von einem kurzen, großartigen Triumph und einem starken Abgang: "Ich will Jazz beim Radio singen und scheffelweise Geld verdienen", sagt sie. "Dann, wenn ich dreißig bin, setze ich mich zur Ruhe und lebe auf einer Ranch in Ohio."

Der Autor Salinger hat es seiner Heldin gleichgetan. Er setzte sich zwar nicht auf einer Ranch in Ohio zur Ruhe, dafür in einem Ostküstenkaff in New Hampshire. Dort lebte der Mann bis ins hohe Alter von 91 Jahren in einem geräumigen Holzhaus und setzte gegen Biografen und Plagiatoren und Neugierige, die in seinem Müll wühlten, sehr teure Anwälte in Gang. Und schrieb angeblich wie ein Besessener bis zu 100 Seiten am Tag. Telefonisch beschied er im Jahr 1973 einen Reporter: "Ich schreibe gerne und viel. Aber ich schreibe für mich selbst, zu meinem eigenen Vergnügen."

Am Mittwoch ist Jerome David Salinger im Alter von 91 Jahren gestorben. Gut möglich, dass der Eremit von Cornish der Welt dann doch noch ein paar seiner himmlischen, traurigen, himmlisch traurigen Geschichten hinterlassen hat.

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insgesamt 12 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
29.01.2010 von Monark: +

Diesen Kommentar kann ich so gar nicht nachvollziehen. Wo gibt es denn eine "literarische Monokultur"? Es kann doch jeder lesen, was er will, das Angebot ist groß genug. Weltliteratur ist Salinger deshalb, weil er [...] mehr...

29.01.2010 von redhead72: ...

Es hat schon etwas Kurioses an sich: vor ein paar Tagen habe ich ein Interview mit Charles Bukowski gelesen, in dem der große BUK zu erkennen gab, dass J.D. Salinger ihn sehr beeinflusst hat. Als großer Fan des "Dirty Old [...] mehr...

29.01.2010 von Moxxo: /

Das sind eben die Auswüchse einer literarischen Monokultur. "Weltliteratur", ein so schön schwammiges Wort. Ginge esw allein nach der Popularität, müssten auch "Twilight" und "Quotations from [...] mehr...

29.01.2010 von saul7: ++++

es wird sicherlich interessant sein zu erfahren,ob Salinger testamentarisch verfügt hat, was mit seinem literarischen Nachlass zu geschehen hat. Man darf gespannt sein.... mehr...

29.01.2010 von Der Markt: Holden Caulfield will never die

Danke, J.D. Salinger, für dieses wunderbare Buch. Für mich eines der besten Bücher. Holden Caulfield will never die! Danke. R.I.P. mehr...

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