Von Ulrich Baron
Larssons ehemaliger Kollege Anders Hellberg sagte dem Bestsellerautor mangelnde Professionalität nach und behauptete, der habe gar nicht schreiben können. Kurdu Baksi, politischer Weggefährte und Autor der gerade in Schweden erschienenen Biografie "Min vän Stieg Larsson" ("Mein Freund Stieg Larsson") beschreibt ihn als einen Mann, dem der Kampf gegen den Rechtsextremismus wichtiger gewesen sei, als die Beachtung journalistischer Grundregeln.
Das bestätigt freilich nur den Eindruck, den man als Leser längst hatte: Der Ruhm des Journalisten Stieg Larsson hatte trotz seines antifaschistischen Engagements beim schwedischen Magazin "Expo" nie jene Strahlkraft, die der Erfolg des Romanautors posthum entfalten sollte. Doch journalistische Professionalität und Talent zum Thriller-Autor haben wenig miteinander zu tun.
Fegefeuer des journalistischen Super-GAUs
Weder Larssons journalistische Ex-Kollegin Liza Marklund, noch der Jurist John Grisham sind in ihren Metiers durch Spitzenleistungen aufgefallen, bevor sie sich dem Schreiben von Thrillern zuwandten. Auch am Anfang von "Verblendung" scheint die journalistische Karriere des Helden Mikael "Kalle" Blomquist gescheitert. Er ist wegen übler Nachrede gegen einen Großindustriellen zu einer Haft- und Geldstrafe verurteilt worden. Damit hat das fiktive Gericht seinem literarischen Helden vergleichbare journalistische Schwächen vorgeworfen, wie man sie Stieg Larsson selbst jetzt nachsagt.
Aber gerade der Gang durch das Fegefeuer seines journalistischen Super-GAUs hat Blomquist von etwas befreit, was die Arbeit richtiger Journalisten so viel mühsamer und langweiliger macht als die ihrer Krimi-Kollegen: Im Kriminalroman wird die lästige Beweispflicht durch eine spannende Jagd auf die Täter ersetzt. Am Ende ist der Fall geklärt, und oft wird durch einen Showdown verhindert, dass die Bösen doch noch freigesprochen werden.
So gelingt im Krimi, was im Leben nie glücken will. Larssons Trilogie kreist um zwei Menschen, die nach niederschmetternden Schicksalsschlägen über sich selbst hinauswachsen und der Macht des Geldes wie der des Staates erfolgreich trotzen. Der eine, indem er mit seinem ungeliebten, von Astrid Lindgrens kleinem Detektiv Kalle Blomquist inspiriertem Spitznamen Ernst macht, und vom Journalismus zur direkten Aktion überwechselt. Und Lisbeth Salander, das missbrauchte Kind des schwedischen Wohlfahrtstaates, indem sie das Vorbild Pippi Langstrumpfs mit dem einer schwarzen Rächerin kombiniert, der die perfekte Beherrschung des Internets fast magische Kräfte verleiht.
"Das Jahr nach Stieg"
Als Krimiautor konnte Larsson so schreiben, wie ein Journalist nie schreiben dürfte. Wenn man ihn jetzt einen "mediokren" Journalisten nennt, macht ihn das als Schöpfer der Millennium-Trilogie eher glaubwürdiger. Geht es darin doch nicht nur um Sozialkritik, sondern um Sozialkritik plus Wunscherfüllung. Dass Eva Gabrielsson ihrem Lebensgefährten beim Schreiben geholfen haben will, spricht nicht gegen seine Originalität, sonst müsste man jede Lektorin stets als Co-Autorin nennen. Es erklärt aber die Vehemenz, mit der sie sich dagegen wehrt, dass mit den Tantiemen auch die Verfügungsgewalt über Larssons Werk an dessen Familie geht - sie ist nicht mit ihm verheiratet.
Auch Eva Gabrielsson arbeitet an einer Biografie, die den Titel "Das Jahr nach Stieg" tragen soll. Und sie kann als Beraterin immerhin auf die Bühnenfassung von "Verblendung" Einfluss nehmen, die unter dem Originaltitel "Männer, die Frauen hassen" Ende dieses Jahres am Kopenhagener Nørrebro-Theater aufgeführt werden soll.
Ob Larssons vierter Roman, von dem sie 200 Seiten auf einen Computer haben will, jemals erscheinen wird, bleibt aber ungewiss. Dafür wird seine eigene Geschichte nun umso öfter erzählt werden.
Es ist die Geschichte eines nicht mehr jungen Mannes, der zu viel geraucht, zu viel Kaffee getrunken und aus dem, was er selbst nicht werden konnte, eine Romanserie gemacht hat. Es ist eine Geschichte, die kein Happy End, ja bislang nicht einmal ein anständiges Ende bekommen hat.
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Erinnert mich vage an das was Günter Wallraff nach seinem Erfolg von "Ganz unten" erlebt hat. mehr...
Das ist in erster, zweiter und auch dritter Linie wurscht! Die Millennium-Trilogie war eines der besten zeitgenössischen Krimi- und gesellschaftskritischen Werke, das ich je gelesen, ja verschlungen habe. Sie hat einen ihr [...] mehr...
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