ThemaLiteraturRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
18.02.2010
 

Hegemanns Quellenliste

Axololita Overkill

Von Sebastian Hammelehle

Helene Hegemann: Keine Inspiration unerwähnt lassenZur Großansicht
dpa

Helene Hegemann: Keine Inspiration unerwähnt lassen

Sex, Sex, Sex, und das auf sechs Seiten. Helene Hegemann lässt ihrem umstrittenen Bestseller "Axolotl Roadkill" eine Quellenliste anfügen. Die zeigt: Die Jugend ist harmloser, als man denkt - aber nichts verkauft sich besser als eine 17-Jährige, die schmutzige Wörter benutzt.

Es ist bekanntlich nichts schwieriger, als einen Kulturpessimisten zu widerlegen: Die Jugend liest nicht mehr, sie ist verroht, schaut lieber Sexfilmchen im Netz - selbst die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften gibt schon Merkblätter über "Gewalt- und Pornovideos auf Schülerhandys" heraus.

Wer also hätte sich noch getraut, einer 17-Jährigen ein Buch zu schenken - und dann auch noch ein Buch aus Papier? Carl Hegemann hat sich getraut. Er aber ließ, wenn die Informationen der "Süddeutschen Zeitung" stimmen, seiner Tochter nicht die "Buddenbrooks" oder "Der Fänger im Roggen" zukommen, womit bildungsbeflissene Eltern ihre Kinder einstmals an das geschriebene Wort heranzuführen gedachten. Nein, das Buch war "Strobo", der in Buchform gebrachte autobiografische Blog des Berliners Airen.

Helene Hegemann hat sich daraus für ihren eigenen Debütroman "Axolotl Roadkill" kräftig bedient. Damit hat sie das größte Literaturfälschungstrara seit Feridun Zaimoglus "Leyla" ausgelöst, wenn nicht gar seit Konrad Kujaus "Hitler-Tagebüchern".

Nun hat ihr Verlag, Ullstein, eine sechsseitige Liste mit Quellennachweisen und Danksagungen veröffentlicht, die dem mittlerweile für den Preis der Leipziger Buchmesse nominierten Roman ab der nächsten Auflage angefügt werden soll - die allerdings zeigt: Die Jugend kann eben auch mal harmloser sein, als man denkt.

"Ich bin übelst geil"

Es ist ein umfangreicher, in seiner Detailgenauigkeit jeder HipHop-Platte der Sampling-verliebten Neunziger und jedem Literaturseminar zur Ehre kommender Anmerkungapparat, der keine Inspiration unerwähnt lässt - selbst private Korrespondenzen werden genannt, Popsongs oder Jim Jarmuschs Buch "The Golden Rules Of Filmmaking", das, so die Liste "wiederum Jean-Luc Godard zitiert". Ein Zitat ist eben ein Zitat ist ein Zitat.

Bei Airen hat Hegemann vor allem die sexuell expliziten Stellen abgeschrieben. Einer der Dialoge aus "Axolotl Roadkill", der, wie Hegemann nun einräumt, relativ wörtlich aus "Strobo" übernommen wurde, geht so: "Ich ficke nicht mehr." - "Mann, Alter, ich bin übelst geil." - "Aber warum denn nicht?" - "Ich will nicht."

Bislang war man ja davon ausgegangen: Wer auch nur einmal auf einem deutschen Schulhof unterwegs war, hat derartige Sätze en masse abgespeichert. Helene Hegemann aber schrieb sie ab.

Hätte ihr Buch ohne die einschlägigen Stellen den gleichen Wirbel verursacht? Das Sexualleben junger Mädchen ist eines der verlockendsten Marketinginstrumente, das man sich vorstellen kann. Als die - erwachsene - Schauspielerin Megan Fox kürzlich mal was für ihr Image tun wollte, behauptete sie in der "Gala", sie habe die Libido eines Teenagers. Helene Hegemann ist ein Teenager. Die Libidogeschichten ihres Buchs aber werden nicht in der Klatschpresse diskutiert, sondern im Feuilleton. Voyeure, so scheint es, gibt es nicht nur im bildungsfernen Milieu, es gibt sie auch im Kulturbetrieb.

Besonders dann, wenn ein Fall so viele Reizwörter und Klischees mit sich bringt, wie der von Helene Hegemann: Sie ist in Berlin aufgewachsen! Der Stadt, von der man nicht immer ganz genau wusste, ob das Metropolenmotto nun "arm, aber sexy" oder "arm, aber geil" war. Oder ist das nur ein von Hauptstadtrappern und Bezirkspolitikern verantwortetes Zerrbild?

Und dann war ihr Vater auch noch Dramaturg an der Volksbühne. Jener Spielstätte, an der seine Tochter, wenn er sie denn einmal zu einer Probe mitgenommen hat, schon mit zwei Jahren das Wort "ficken" gelernt haben dürfte. Aber wie sagte einst James Brown? "Talkin' loud and sayin' nothing." Unter den Berliner Theaterintellektuellen und ihren Kindern geht es trotz aller verbaler Kraftmeierei auf der Bühne privat offenbar derart gesittet zu, dass man sich der drastischen Erlebnisse anderer bedienen muss, um den eigenen Roman auszuschmücken.

So bleibt angesichts der breiten Aufregung um "Axolotl Roadkill" und ähnlicher, vermeintlich die sexuelle Verderbtheit und Pornogesättigtheit unserer Jugend beweisenden Enthüllungen, ein Beigeschmack: Geht es hier eigentlich immer um die Seele der Heranwachsenden und, wie in Hegemanns speziellem Fall, gar um das Urheberrecht - oder zeigt sich hier doch eher die moralisch verbrämte Begeisterung über eine 17-Jährige, die mal ordentlich das Wort "ficken" benutzt?

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 155 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
01.03.2010 von Roque Spiegel: ...

Ich gesehe, ich war schon bei Feuchtgebiete eher verwundert, dass es so ein Ekelbuch in die Beststellerliste geschafft hat. Und auch bei Axolotl Roadkill hab ich so meine Schwierigkeiten, zum einen, weil die junge Dame gerne [...] mehr...

01.03.2010 von Gunhild Simon: Axolotl

Ach, jetzt, da ich ein wenig geblättert habe, geht mir Ihr Standpunkt auf. Es geht also um die Jugend, die man um ihr Abgrenzungsobjekt gebracht hat. Man weiß ja, daß im Reifungsprozeß eine Ablösung von den elterlichen [...] mehr...

25.02.2010 von hakkensack: Tinseltown Rebellion!

Quellenangabe im Anhang zum literarischen Text? Hö!Hö! Wer schreibt, speist sich aus dem Vorhandenen. Da mögen mir doch mal die Diskutanten Gegenbeispiele von Gutzkow über Jahnn bis z.B. Bukowski herbei bringen. Was anderes ist [...] mehr...

21.02.2010 von myschkin64: Ich habe das ...

Ich habe das Buch völlig unvoreingenommen gelesen, habe mir eine eigene Meinung gebildet und fand es gut. Dann bin ich hier ganz naiv ins Forum gegangen, wie das IQ-Minderbemittelte machmal tun, um herauszufinden, was Andere [...] mehr...

21.02.2010 von Ein netter Netter: Hmm

Beide in einem Post zu erwähnen, tut schon weh genug. Hegemann kann einfach *nichts*. So einfach ist das. Sie (oder wer auch immer) hat einfach nur kitschige Wohlfühlirrlichterei für die Counter-Culture interessierten zu bieten. [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
alles aus der Rubrik Literatur
alles zum Thema Literatur

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP