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20.02.2010
 

Skandalautorin Hegemann wird 18

Endlich voll!

Von Jenni Zylka

Helene Hegemann: Von 0 auf 18
Fotos
DPA

Einfache Feten sind megaout. Die umstrittene "Axolotl Roadkill"-Autorin Helene Hegemann feierte ihren 18. Geburtstag mit einer Buch-Release-Party in der Berliner Disco "Tresor". Erträglich war das eigentlich nur mit viel Alkohol und Drogen.

Seit fünf Jahren läuft auf MTV "My Super Sweet 16". In dieser US-Reality-Show kann man verwöhnten Rich Kids dabei zuschauen, wie sie kurz vor der Megaparty zum 16. Geburtstag auf den Nerven ihrer betuchten Eltern herumtrampeln, einen Flunsch ziehen und brüllen: "Ich wollte doch einen silberglänzenden Rolls!!! Keinen goldglänzenden!!!" Am Ende jeder Folge steht die große Party, DIE Party, auf der jeder gewesen sein musste, auf der sich Teenies mit Sleak Hair und Paillettentops die Seele aus dem Leib kreischen, weil der Hauptact des Abends tatsächliche eine lokale Rapgröße ist und weil das Geburtstagskind im Helikopter eingeflogen wurde. Die Show wird auch im dem Megaparty-Ritual eher kühl gegenüberstehenden Deutschland gern gesehen: Man lernt eben nie aus, was anderer Menschen Träume betrifft.

Helene Hegemann hat am Freitag ihre persönliche "My Super Sweet 18"-Megaparty gefeiert. Eine von der Sorte, wie sie intellektuellere, von Intendanten-Hause aus eher mit Kultur als mit Geld gefütterten Teenies sich erträumen könnten: Ihren Erwachsenen-Geburtstag zelebrierte die Autorin zusammen mit dem Ullstein-Verlag und jeder Menge vor Aufregung hyperventilierender Feuilletonisten besten Alters beim offiziellen Buch-Release ihres Debütromans "Axolotl Roadkill" im Berliner Vintage-Technoclub "Tresor".

Dort ist es bunkerartig und dunkel, die Wände sind aus Stein, und rosafarbene Helium-Luftballons an der Decke verleihen dem Abend einen zurückhaltend-zarten festlichen Schimmer. Nach clubtypisch ewig langem Schlangestehen vertrinken die Literaturinteressierten (oder Facebook-Freunde, wie ein Fotograf mutmaßt) ihre Getränkebons und sinnieren darüber, wie lange die letzte anständige Sause her ist, bis endlich der Ullstein-Verlag eine Erklärung darüber verliest, warum man hinter Hegemann als klar des Plagiats überführte Autorin stehen bleibe: Sie habe weiland "senkrecht gesessen" bei der Lektüre des Hegemann-Exposés, sagt die Sprecherin, weil es so gut sei, und da man bei der nächsten Auflage auch sämtliche geklaute Ideen in einem Anhang transparent mache, stehe dem Buchgenuss sozusagen nichts mehr im Weg.

Tagebuch einer Teeniemaus

Dann lesen die frische Volljährige und ihre Freundin Laura eine kurze Passage aus dem Buch, in der Heroin konsumiert wird, danach gibt es laute Musik, und obwohl es erst kurz nach 22 Uhr ist, haben die Getränkebons und das konsequente Lichtgeschummer ihre Wirkung getan: Die meisten Leute sind längst in den Cluballtag übergeglitten, trinken, rauchen und schreien sich über die Beats hinweg an, als ob sie selbst gerade erst 18 und die nächsten Tage zum Ausschlafen frei wären.

Irgendwie bekommt Hegemanns Marsch durch die Kulturinstitutionen so auf eine angemessene Art die magere Relevanz, die ihm zusteht: Ideen, Formulierungen und Textpassagen klauen ist und bleibt auch in jeder Blogsphäre unsympathisch und lahm, denn Literatur ist Sprache, und wenn die nicht originär ist, kriegt man - wie in der Schule - keine Punkte. Historische Beispiele für's Abschreiben machen die Tatsache dabei keinesfalls besser: Sich unerlaubt anderer Menschen Kopfarbeit zu bedienen, ist doof, wer mit Copy-Paste jegliche Art von Content erzeugt, ist faul oder ahnungslos, wer das glaubt, was bei Wikipedia steht, ohnehin.

Der kruden Buchrelease-Inszenierung im Technoclub, die durch massenweise illegale echte Drogen oder zumindest dem garantiert nervenaufreibenden Warten bis morgens 4 Uhr an Authentizität gewonnen hätte, sieht man so einfach zu deutlich an, für wen und von wem sie gemacht ist: Ansonsten trifft man sich eher unter den unbarmherzigen Halogenleuchten einer Buchhandlung. Der medienträchtige Skandal mit der Geschichte um eine durch das Nachtleben taumelnde Minderjährige verwässert zu Recht zum Tagebuch einer Teeniemaus, die so viel Fantasie und so wenig Medienkompetenz hat, wie es ihrem Alter eben entspricht.

Aber es ist immer lustig, zuzuschauen, wie alte, imaginationsfreudige Feuilletonrecken schon wieder ein Buch nach dem Umschlag beurteilen, und der tatsächlich ganz schön sprachbegabten Hegemann so einen "My Super Sweet 18"-Traum bescheren, wie er utopischer nicht sein kann: "Zu meinem 18. Geburtstag möchte ich ein Buch auf der SPIEGEL-Bestsellerliste versenken."

Hat ja geklappt.

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insgesamt 263 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
24.03.2010 von chirin: Literatur - durfte helene Hegemann bei anderen abschreiben?

Aber die Voyeure können nur aus ländlichen oder stark religiös geprägten Gebieten kommen, die älteren Berliner sind darin abgeklärt und lesen dieses Buch kaum.Meine Buchhändlerin sagte mir, das Buch ist ein Ladenhüter - wie [...] mehr...

20.03.2010 von Gunhild Simon: Axolotl

Hier findet sich mehr. Auch Aquaristsches neben Literarischem. http://www.blog1.institut1.de/gehatschelt-und-gehegt-helene-hegemann/ (Falls der hohe Sysop enen Link gestattet!) mehr...

20.03.2010 von Rainer Daeschler: Axolotl

Nein, ein mexikanicher Schwanzlurch (kein Scherz). mehr...

20.03.2010 von wildbrando: Unerträglich

Natürlich darf niemand irgendwo abschreiben und es hinterher als sein eigenes Werk preisen. Was mir wirklich die Galle hochtreibt, ist die Dreistigkeit mit der dann achselzuckend gefragt wird, was denn daran so schlimm sei. Es [...] mehr...

20.03.2010 von Kryoniker:

Jepp! Ich habe "Axolotl Roadkill" nicht gekauft und gedenke es auch nicht zu kaufen. Der Käufer hat es in der Hand, im doppelten Wortsinn. Wer ist eigentlich Axolotl? Irgendein mexikanischer Gott? mehr...

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