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24.02.2010
 

Vorgelesen

Die wichtigsten Bücher der Woche

Von Ulrich Baron und Daniel Haas

Auf Martha's Vineyard sind die Reichen zu Hause - und, wie im Roman, auch die NeurosenZur Großansicht
AFP

Auf Martha's Vineyard sind die Reichen zu Hause - und, wie im Roman, auch die Neurosen

Die Reichen sind auch reich an Neurosen. Das gilt jedenfalls für Elizabeth Kellys urkomischen Gesellschaftsroman "Die verrückten Flanagans". Gar nicht witzig: die Gewalt gegen Kinder im düsteren Krimi "In ewiger Nacht". Ein Lesespaß mit Punch: der Hardboiled-Roman "Baby Moll".

Elizabeth Kelly: "Die verrückten Flanagans"
(Aus dem Amerikanischen von Wolfgang Müller. Blessing Verlag, 400 Seiten, 19,95 Euro)

Collie Flanagan ist das Idealbild eines jungen Nordamerikaners - wohlerzogen, strebsam und intelligent. Auch etwas langweilig, doch er hat ja seine Familie. Deren Mitglieder sind verrückt, gewalttätig - und stinkreich. Unter dem Schutzschirm des bedrohlichen Großvaters und umgeben von einer Hundemeute, die vom Dackel bis zum Bullenbeißer nichts zu wünschen übrig lässt, hausen sie in einem Landhaus auf Martha's Vineyard. Die Brandung des Atlantiks spült ihnen Surfer bis vor die Küchentür, wo sie Tom, der Onkel, "mit einem Sperrfeuer von Obszönitäten" davonjagt.

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Dass Collies Vater den Onkel gerne als Tante verunglimpft, ist nur eine Quelle häuslicher Gewalt. Eine andere ist, dass Collies Mutter vor allem drei Leidenschaften huldigt: dem Kommunismus, dem Vaterhass und dem Jähzorn. Und dann ist da Collies jüngerer Bruder Bingo, der sich alles erlauben darf, weil er mit einem "Unwiderstehlichkeitsfaktor" gesegnet und überhaupt ein tolles Früchtchen ist.

Darf man dem Erzähler also trauen, wenn er beteuert, unschuldig daran zu sein, dass sich der Unwiderstehliche schon als Kleinkind mit kochendem Wasser verbrüht hat und später um ein Haar erstickt wäre? Zum Glück spielt das keine Rolle, denn hier geht es nicht um Wahrheit, sondern um urkomische Übertreibung, um ein Feuerwerk des schrägen Sprachwitzes. So gibt es ein heimtückisches Pferd, das "keinen moralischen Kern" besitzt, und eine Mutter, die beim Anblick ihres dahinsiechenden Jüngsten so heftig zittert, "dass ich sie nur verschwommen wahrnahm". Ulrich Baron

Polina Daschkowa: "In ewiger Nacht"
(Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt. Aufbau, 452 Seiten, 19,95 Euro)

"Sie wären gern ein kleines Mädchen", sagt der Mann ohne Gedächtnis zu Olga Filippowa, als sie ihn in ihrer psychiatrischen Klinik untersucht: "Sie möchten, dass jemand ihnen über den Kopf streicht, die Decke zurechtzupft und Ihnen ein Märchen vorliest, ein schön gruseliges." Doch nicht allen Kindern werden Märchen vorgelesen. Kinderprostitution und Kinderpornographie suchen auch das postsowjetische Moskau heim - und dazu ein Serienmörder, der aus gefallenen Mädchen Engel machen will.

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Während Olga noch über ihren neuen Patienten rätselt, dem sie seinen Gedächtnisverlust nicht recht glauben mag, ist sie selbst längst in einen Fall verstrickt, der weit in die Zeit vor Perestroika und Glasnost zurückreicht.

Schon damals waren Minderjährige die Opfer gewesen, blinde Waisen zunächst, denen ein "Zauberer" versprach, drei Wünsche zu erfüllen: "Schokolade, Sehen, Mama", waren das damals gewesen. Inzwischen sind Russlands Kinder anspruchsvoller geworden, aber leider nicht vorsichtiger.

Die 1960 geborene Polina Daschkowa zählt zu den erfolgreichsten russischen Krimiautorinnen. Sie kann nicht nur mörderisch spannend erzählen, sondern zeigt auch ein vielschichtiges Bild des russischen Alltagslebens. Ulrich Baron

John Farris: "Baby Moll"
(Aus dem Amerikanischen von Andreas Brunstermann, Rotbuch, 224 Seiten, 9,95 Euro)

Wenn ein Krimiautor bereits über 40 Romane veröffentlich hat, ist das ein gutes Zeichen. Man kann ihm vertrauen, ähnlich wie man einem Boxer vertraut, der schon viele Kämpfe hinter sich hat. Vielleicht ist dieser Fighter kein großer Stilist, vielleicht ist er nur der Prügelknabe für billige Auftritte, aber er hält sich wacker. Er ist sich für den Job nicht zu schade.

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John Farris steht schon lange im Ring, er hat einen harten Punch, in seinen Romanen wird nicht psychologisiert oder philosophiert. In "Baby Moll" geht es um den ehemaligen Consigliere eines Florida-Mafiosos. Er will aussteigen, wird aber vom Ex-Boss erpresst. Noch einen Job soll er machen: den Killer finden, der die Entourage des Dons hartnäckig dezimiert.

Der Roman spielt in den späten Fünfzigern, der Kalte Krieg ist in vollem Gange. Senator McCarthy bläst zur Kommunisten-Hatz, für Regierungsmitarbeiter werden sogar Loyalitätstests eingeführt. Misstrauen prägt also die Gesellschaft, und genau diese Stimmung bestimmt auch die Welt von "Baby Moll": Der Pate fürchtet alle; es wird gespitzelt, intrigiert, gekillt.

Am Ende gibt es eine Pointe, durch die die Grenzen von Gut und Böse verschwimmen. Das trifft einen wie ein Schlag. So muss es sein: Kriminalliteratur nicht als Streicheleinheit, sondern als Sparring. Daniel Haas

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