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12.03.2010
 

Broders Bücher

Erst der Porno, dann die Pleite

Von Henryk M. Broder

Zentrale der Lehman Brothers: Pleite am 15. SeptemberZur Großansicht
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Zentrale der Lehman Brothers: Pleite am 15. September

Eine Übersetzerin für Schlüpfriges, ein junger Banker und ein abgetauchter Schriftsteller: In "Das war ich nicht" verknotet Kristof Magnusson drei Lebensläufe zu einem Roman - und erzählt nebenbei die Geschichte der Finanzkrise. Bemerkenswert: Er fing an, zu schreiben, bevor die Krise los ging.

Gelobt sei der Herr, der uns Lesen und Schreiben gelehrt hat! Wir hatten fast schon den Glauben an ihn verloren. Entweder wollte er uns auf die Probe stellen und sehen, wo unsere Schmerzgrenzen liegen, oder er war wirklich von einer wohlstandsverwahrlosten, 17-jährigen Schülerin angetan, die im Copy-and-Paste-Verfahren einen Roman fabriziert hatte, mit dem sie fast das komplette deutsche Feuilleton um den Verstand brachte.

Nun aber können wir wieder an Gott glauben. Die Sache mit Helene H. war wohl ein Ausrutscher. Kann jedem mal passieren. Schwamm drüber. Jetzt kommt Kristof Magnusson, und sein neuer Roman ("Das war ich nicht") ist ein Beweis, dass Gott doch etwas von Literatur versteht.

Magnusson, 1976 in Hamburg geboren, hat ein Buch über die Banken- und Finanzkrise geschrieben, die Milliardenguthaben vernichtet und das Land seiner Vorfahren, Island, in den Staatsbankrott getrieben hat. Der Witz dabei ist: Er hat das Buch vor der Krise geschrieben, zumindest begonnen, sozusagen als Anleitung zur Krise. Dabei ist er kein Ökonom, sondern gelernter Kirchenmusiker, der auch Literatur studiert hat. Und so hat er sich einen einfachen und doch raffinierten Plot einfallen lassen. Da ist Jasper, ein junger deutscher "Trader", der für eine Bank in Chicago arbeitet. Er handelt mit "Futures und Optionen", hat dabei aber kein Glück. Setzt er auf fallende Kurse, steigen sie. Ändert er seine Richtung, tun es auch die Kurse. Jasper verliert immer, am Ende sind es viele Millionen Dollar.

Da ist Meike, eine junge Deutsche, die ihr Geld damit verdient, dass sie Groschenromane und Hausfrauenpornos übersetzt. Sie lebt in der alternativen Hamburger Szene, im Schanzenviertel, wo man gerne "Produkte aus der Region" kauft und das bürgerliche Leben so lange verachtet, bis man ihm anheim fällt.

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Und da ist Henry, ein erfolgreicher amerikanischer Schriftsteller, Pulitzerpreisträger, der einen Roman über die Terroranschläge von 9/11 schreiben will. Der Geist ist willig, doch der Wille ist schwach. Während der Verlag das noch ungeschriebene Buch schon promotet, taucht Henry ab, mietet sich in ein Hotel ein und lässt das Leben an sich vorüberziehen.

Die Erlebnisse dieser drei Charaktere werden von Magnusson zu einer Geschichte verknotet, handwerklich geschickt, auf eine konventionelle und traditionelle Art, die freilich aus der Mode gekommen ist. So haben früher Hans Fallada und Oskar Maria Graf ihre Geschichten erzählt, Sinclair Lewis und Upton Sinclair. Es gibt eine Handlung, der Autor räsoniert nicht über seine Befindlichkeit, sondern verleiht seinen Figuren Leben und Glaubwürdigkeit. Und der Leser erfährt, wie es in der Welt zugeht: In den Wohnküchen der Hamburger Alternativen, im Händlersaal einer Großbank und in den Kassenräumen des Kulturbetriebs.

Magnusson hat sich an den Schauplätzen seines Romans umgesehen, Akribie mit Phantasie aufgeladen und auch Glück gehabt. Die Krise kam ihm entgegen. Oder hat er die Krise etwa herbeigeschrieben?

Wie es auch war: Für diese 283 Seiten hat sich jeder Einsatz gelohnt.


Kristof Magnusson, Das war ich nicht, Kunstmann Verlag, 283 Seiten, 19,90 Euro

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Zur Person

DPA

Henryk M. Broder, Jahrgang 1946, ist Autor für den SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE und hat zahlreiche Bücher veröffentlicht, unter anderem "Erbarmen mit den Deutschen" (1993) und "Hurra, wir kapitulieren", eine Attacke auf die Appeasement-Politik Europas gegenüber dem aggressiven Islamismus, sowie zuletzt "Kritik der reinen Toleranz".

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