Von Henryk M. Broder
Gelobt sei der Herr, der uns Lesen und Schreiben gelehrt hat! Wir hatten fast schon den Glauben an ihn verloren. Entweder wollte er uns auf die Probe stellen und sehen, wo unsere Schmerzgrenzen liegen, oder er war wirklich von einer wohlstandsverwahrlosten, 17-jährigen Schülerin angetan, die im Copy-and-Paste-Verfahren einen Roman fabriziert hatte, mit dem sie fast das komplette deutsche Feuilleton um den Verstand brachte.
Nun aber können wir wieder an Gott glauben. Die Sache mit Helene H. war wohl ein Ausrutscher. Kann jedem mal passieren. Schwamm drüber. Jetzt kommt Kristof Magnusson, und sein neuer Roman ("Das war ich nicht") ist ein Beweis, dass Gott doch etwas von Literatur versteht.
Magnusson, 1976 in Hamburg geboren, hat ein Buch über die Banken- und Finanzkrise geschrieben, die Milliardenguthaben vernichtet und das Land seiner Vorfahren, Island, in den Staatsbankrott getrieben hat. Der Witz dabei ist: Er hat das Buch vor der Krise geschrieben, zumindest begonnen, sozusagen als Anleitung zur Krise. Dabei ist er kein Ökonom, sondern gelernter Kirchenmusiker, der auch Literatur studiert hat. Und so hat er sich einen einfachen und doch raffinierten Plot einfallen lassen. Da ist Jasper, ein junger deutscher "Trader", der für eine Bank in Chicago arbeitet. Er handelt mit "Futures und Optionen", hat dabei aber kein Glück. Setzt er auf fallende Kurse, steigen sie. Ändert er seine Richtung, tun es auch die Kurse. Jasper verliert immer, am Ende sind es viele Millionen Dollar.
Da ist Meike, eine junge Deutsche, die ihr Geld damit verdient, dass sie Groschenromane und Hausfrauenpornos übersetzt. Sie lebt in der alternativen Hamburger Szene, im Schanzenviertel, wo man gerne "Produkte aus der Region" kauft und das bürgerliche Leben so lange verachtet, bis man ihm anheim fällt.
Und da ist Henry, ein erfolgreicher amerikanischer Schriftsteller, Pulitzerpreisträger, der einen Roman über die Terroranschläge von 9/11 schreiben will. Der Geist ist willig, doch der Wille ist schwach. Während der Verlag das noch ungeschriebene Buch schon promotet, taucht Henry ab, mietet sich in ein Hotel ein und lässt das Leben an sich vorüberziehen.
Die Erlebnisse dieser drei Charaktere werden von Magnusson zu einer Geschichte verknotet, handwerklich geschickt, auf eine konventionelle und traditionelle Art, die freilich aus der Mode gekommen ist. So haben früher Hans Fallada und Oskar Maria Graf ihre Geschichten erzählt, Sinclair Lewis und Upton Sinclair. Es gibt eine Handlung, der Autor räsoniert nicht über seine Befindlichkeit, sondern verleiht seinen Figuren Leben und Glaubwürdigkeit. Und der Leser erfährt, wie es in der Welt zugeht: In den Wohnküchen der Hamburger Alternativen, im Händlersaal einer Großbank und in den Kassenräumen des Kulturbetriebs.
Magnusson hat sich an den Schauplätzen seines Romans umgesehen, Akribie mit Phantasie aufgeladen und auch Glück gehabt. Die Krise kam ihm entgegen. Oder hat er die Krise etwa herbeigeschrieben?
Wie es auch war: Für diese 283 Seiten hat sich jeder Einsatz gelohnt.
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Glauben Sie wirklich, dass es Herrn Broder (welcher jüdischen Glaubens oder zumindest jüdischer Abstammung ist) schwerfällt, Abstand zu den Nazis zu halten? Setzen. mehr...
Broder hat sich nicht distanziert - wie sollte man sich auch von einem Sch...haufen distanzieren - sondern nahm sich stattdessen das "Spatzenhirn mit Zöpfen" genüsslich zur Brust. [...] mehr...
...je mehr ich vom Broder lese und erfahre, desto sympathischer wird der mir. Bei den meisten anderen bemühten Geistern ist es umgekehrt. mehr...
Dem ist in der Tat zuzustimmen. Ich verstehe den Seufzer Ihres Vorredners aber durchaus. Viele kritische Geister sind enttäuscht, dass ein kluger Kopf wie Broder heute hauptsächlich dadurch auffällt, dass er sich von allzu [...] mehr...
Was Broder sollte, entscheidet immer noch Broder. Und das ist gut so. mehr...
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