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18.03.2010
 

Preis der Leipziger Buchmesse

Gänseblümchen statt Skandal

Aus Leipzig berichtet Wiebke Porombka

Georg Klein freut sich über den Leipziger Buchpreis: Surreale HorrorshowZur Großansicht
dpa

Georg Klein freut sich über den Leipziger Buchpreis: Surreale Horrorshow

Erleichterung: Nicht die als Plagiatorin enttarnte Helene Hegemann hat den Preis der Leipziger Buchmesse gewonnen, sondern der etablierte und über alle Zweifel erhabene Autor Georg Klein. Doch war da im Aufatmen nicht auch eine leise Enttäuschung zu hören, ob des entgangenen Skandals?

Ein wenig lauter hätte man sich den Stoßseufzer dann doch vorgestellt: Nein, Helene Hegemann hat den Preis der Leipziger Buchmesse nicht gewonnen. Alle, die sich in den vergangenen Tagen und Wochen angesichts ihrer Nominierung um die Zukunft der aktuellen Literatur oder gar der gesamten Buchkultur Sorgen gemacht haben, konnten ihren Adrenalinspiegel also wieder herunterfahren, als am Donnerstag um kurz nach halb fünf verkündet wurde: The Winner is Georg Klein.

Nicht nur der Stoßseufzer, auch der Jubel hielt sich allerdings in Grenzen, was wiederum daran gelegen haben mag, dass am Ende dann doch die meisten auf den 1951 in Augsburg geborenen Klein getippt hatten. Allenfalls Lutz Seilers melancholischen Erzählungsband "Die Zeitwaage" oder Jan Faktors voluminösen Roman mit dem ebenso lustigen wie nicht zu merkenden Titel "Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder Im Reich des Heiligen Hodensack-Bimbams von Prag" hatte mancher noch auf der Rechnung gehabt. Die fünfte im Bunde, Anne Weber, schien ohnehin eher wie ein Zugeständnis an die Frauenquote auf der Nominierungsliste.

Vier Gänseblümchen des Dankes verteilte Klein, symbolisch natürlich, in seiner kurzen Rede bei der Entgegennahme von Preis und Blumenstrauß, und wer seinen "Roman unserer Kindheit" gelesen hat, der musste sich über diese possierliche Formulierung schon ein bisschen wundern. "Es blutet und blutet", lautet der erste Satz dieses Romans - der in den vergangenen Tagen in fast jeder Rezension mit einer Mischung aus Faszination und leichtem Ekel zitiert worden ist. Und der Roman löst wahrlich ein, was der erste Satz verspricht.

Klein entfaltet eine surreale Horrorshow, vordergründig angesiedelt in der süddeutschen Provinz als kindliche Sommerferienidylle der sechziger Jahre. Aber allein die Erzählerfigur zeugt schon für das grandios Bizarre, zuweilen Verstörende von Kleins Roman: Es handelt sich um ein Ungeborenes, das seine bitterbösen Sätze aus dem Mutterleib hervorzischt, -stößt und -zirpt. Und während Kleins Kinderbande sich noch in abenteuerlichen Spielen und Entdeckungen wähnt, sieht der Leser die grauenhafte Fratze des Zweiten Weltkriegs, wie sie sich in die Körper und Köpfe der Menschen in dieser Kleinstadt eingeschrieben hat.

Der Untergang der Literatur findet nicht statt

Die Jury habe sich nicht unter Druck setzen lassen, hatte die Jury-Vorsitzende Verena Auffermann in ihrer Eröffnungsrede ausdrücklich hervorgehoben. Ihre Entscheidung habe sie nicht nach juristischen, sondern nach ästhetischen Gesichtspunkten gefällt. Auffermann spielte damit auf das Skandalon an, als das Helene Hegemanns Coming-Of-Age-Roman "Axolotl Roadkill" gehandelt worden ist und das für reichlich Zündstoff im sonst doch eher gemächlichen Literaturbetrieb gesorgt hatte.

Noch ein paar Tage vor der Eröffnung der Buchmesse hatte der Verband deutscher Schriftsteller mit der "Leipziger Erklärung zum Schutz geistigen Eigentums" vehement dazu aufgerufen, Plagiieren nicht als Kavaliersdelikt zu sehen. Was die Unterzeichner - unter anderem Günter Grass, Christa Wolf und die im vergangenen Jahr mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnete Sibylle Lewitscharoff - damit zum Ausdruck bringen wollten: Ihren Protest gegen eine mögliche Auszeichnung Hegemanns, die Teile ihres Buches ohne Quellenangaben aus dem Buch des Bloggers Airen übernommen hatte.

Ob die gerade mal 18-jährige Hegemann auch gestoßseufzt hat, war angesichts der Menschenmenge, die in der Glashalle der Leipziger Buchmesse der Preisverleihung beiwohnte, nicht auszumachen. Vermutlich aber wird nicht zuletzt sie selbst erleichtert sein, dass nun keine nächste Welle der Empörung über sie hereinbricht.

Nun ist und bleibt also doch noch alles in Ordnung in der Bücherwelt. Vermutlich aber waren Seufzer wie Jubel genau deshalb nicht ganz so laut. Seien wir ehrlich: Wäre es nicht auch irgendwie ganz schön gewesen, wenn Hegemann gewonnen hätte? Was hätte alles passieren können? Womöglich hätten Teile der Jury aus Protest das Podium verlassen. Womöglich wären Flaschen geflogen oder aber die Blumensträuße der in den beiden anderen Kategorien Ausgezeichneten. Vielleicht hätte Helene Hegemann gar geweint. Ob aus Freude oder aus Scham vor den hehren Granden der Literatur, wäre nicht mehr recht zu entscheiden gewesen in dem unglaublichen Getümmel. Und alle hätten am Ende sagen können, sie wären dabei gewesen am Beginn des Untergangs der Literatur.

Das hätte sicherlich einiges mehr an Kurzweil und an Diskussionsstoff geboten, als es das nun gibt. Dass mit Georg Klein aber nicht nur ein etablierter Autor, sondern mit "Roman unserer Kindheit" auch ein phantastisch irritierender und sprachlich ausgefeilter Roman den Preis gewonnen hat, tröstet nur allzu gut über den verpassten Skandal hinweg.

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insgesamt 4 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
19.03.2010 von saul7:

Ach was, die Verleihung des Preises an Klein geht in Ordnung. Die Hegemann hat ihn wahrlich nicht verdient. mehr...

19.03.2010 von ecolina: 1-2-3

1. Der Buchpreis ist keine Castingshow. 2. Offenbar gibt es immer wieder Probleme, zwischen Plagiat und Inspiration zu unterscheiden. Das ellenlange Abschreiben aus anderen Büchern und obendrein das "Vergessen" der [...] mehr...

19.03.2010 von Newspeak: ...

Mein Gott, laßt doch mal Frau Hegemann in Ruhe! Das Mädel hat nichts anderes getan, als Millionen Schriftsteller zuvor und Millionen, die noch kommen werden. Als ob Grass seine Zitate immer exakt kennzeichnen würde. Ich glaubte [...] mehr...

18.03.2010 von mar.: Porno-Lit??

Sensationalismus, Gelbe-Presse.. Man würde bei diesem Artikel denken, dass es sich um einen Artikel der Bild-Zeitung handelt. Aber.. Nein! es ist ein Komentar zur der Veleihung des Preises der Leipziger Buchmesse!! Fehlt es etwa [...] mehr...

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Preis der Leipziger Buchmesse 2010

Die Preisträger

Belletristik: Georg Klein "Roman unserer Kindheit"

Sachbuch/Essayistik: Ulrich Raulff "Kreis ohne Meister. Stefan Georges Nachleben"

Übersetzung: Aus dem amerikanischen Englisch von Ulrich Blumenbach : David Foster Wallace "Unendlicher Spaß"

Nominierungen: Belletristik

Nominierungen: Sachbuch/Essayistik

Nominierungen: Übersetzung







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