Von Henryk M. Broder
In Island, das so groß ist wie Bayern und Baden-Württemberg zusammen, leben etwa 320.000 Menschen, so viele wie in Bielefeld. Etwa zwei Drittel der Isländer sind in und rund um die Hauptstadt Reykjavik zu Hause. Der Rest des Landes ist dünn besiedelt, so dünn, dass man in einigen Gegenden bessere Chancen hat, eine Elfe zu überfahren, als eine Tankstelle zu finden. Und fragt man auf dem Land einen Einheimischen nach dem Weg, muss man damit rechnen, dass er zu einer Geschichte ausholt: Wer auf welchem Hof gelebt hat, was er getan hat und woran er gestorben ist.
Die Isländer sind Weltmeister im Geschichtenerzählen. In keinem anderen Land der Welt werden, im Verhältnis zur Einwohnerzahl, so viele Bücher geschrieben, verlegt und gelesen. Isländische Literatur ist, gleich nach dem Kabeljau, der wichtigste Exportartikel des Landes.
Die Bibel der Isländer sind die Sagas, die im 10. und 11. Jahrhundert spielen, der "Gründerzeit" des isländischen Freistaats. Sie sind, "neben den Romanen von Halldor Laxness, Islands wichtigster Beitrag zur Weltliteratur", schreibt Arthur Bollason im Vorwort zu seinem bereits 2008 erschienenen Reisebegleiter für literarisch interessierte Island-Besucher, die mehr wissen wollen als nur wie viel der Eintritt in die blaue Lagune kostet und wo man gut und preiswert essen kann.
Arthur Bollason:
Island
Ein Reisebegleiter.
Insel-Taschenbuch; 221 Seiten; 10 Euro.
Arthur Bollason, Erzähler, Journalist und Übersetzer, nimmt seine Leser an die Hand und führt sie zu den Schauplätzen der isländischen Geschichte, die in der Literatur des Landes immer wieder beschrieben werden. Weil es so gut wie keine archäologischen Funde gibt, muss der Leser auf der Rundreise seine Phantasie mobilisieren.
Seefahrer und Vulkanreisende
Hier also könnten die Abenteuer von Erich dem Roten gespielt haben, einem Siedler, der im Jahre 986 wegen Totschlags für vogelfrei erklärt wurde, worauf er das Land auf dem Seeweg verließ und dabei Grönland entdeckte. Sein Sohn, Leifur Eiriksson, drang noch weiter in den Westen vor. 500 Jahre vor Kolumbus landete er in Amerika, natürlich ohne zu wissen, wo er an Land gegangen war.
Oder die Erzählung vom Dorf Kirkjubaejarklaustur. Dort wurde 1186 das erste Nonnenkloster Islands gegründet, in dem die Gottesdienerinnen auch sehr irdische Freuden genossen, vor allem dann, wenn Mönche aus einem nahe gelegenen Kloster zu Besuch kamen.
Die isländische Landschaft ist bizarr, die isländische Literatur oft skurril. Fest steht, dass die Landschaft die Literatur beeinflusst hat. Aber könnte es nicht auch umgekehrt sein? Jules Verne lässt seine "Reise zum Mittelpunkt der Erde" (1864) am Vulkan Snaefellsjökull anfangen, den auch Halldor Laxness in seinem Roman "Am Gletscher" (1968) zum Mittelpunkt einer Geschichte macht.
Jules Vernes Roman ist reine Phantasie, Laxness beschreibt das wirkliche Leben. In Island, das wird einem nach der Lektüre des literarischen Reisebegleiters von Bollason klar, liegen Phantasie und Realität dicht beieinander.
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Broder mit Tucholsky zu vergleichen - ist gar nicht so abwegig. Beide haben/hatten ein Schwaeche fuer den Norden. Und - ein pol. Streigespraech zwischen den beiden, haette ich gerne einmal erlebt ... mehr...
Bei Broders Beiträgen lächelt man schon, ehe man die erste gelungene Formulierung gelesen hat. mehr...
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