SPIEGEL ONLINE: Airen, die Plagiatsvorwürfe gegen die Berliner Autorin Helene Hegemann, die aus Ihrem Blog abgeschrieben hatte, sind zu einem der größten Literaturskandale der vergangenen Jahre geworden. Jetzt liegt Ihr neues Buch friedlich neben dem von Hegemann auf den Tischen der Buchhandlungen. Haben Sie sich auch persönlich angefreundet?
Airen: Nein. Wir haben uns gar nicht kennengelernt. Ich glaube, dass das in einer Situation, wo man so gegeneinander gestellt wird, auch ganz normal ist. Wobei ich eigentlich Grund haben müsste, sie zu mögen. Durch sie hat sich mein Leben zum Positiven verändert. Trotzdem: Als ich Helene Hegemann bei Harald Schmidt sitzen sah und sie so frisch aussah, war sie mir prompt unsympathisch. Ich habe gedacht, sie wäre so fertig wie ich. Als der Skandal hochkochte, konnte ich drei Tage lang nicht schlafen und habe die ganze Zeit geschwitzt. Das war schlimm.
SPIEGEL ONLINE: Warum?
Airen: Bei den meisten Menschen, die berühmt werden, geht das Schritt für Schritt, so wie bei Helene Hegemann wohl auch. Sie hat gelernt, damit umzugehen. Aber wenn das so schnell geht wie in meinem Fall, dann kann man wichtig und unwichtig nicht mehr auseinanderhalten. Man liest seinen Namen in der Zeitung und muss die ganze Zeit überlegen, ob man das Richtige gesagt hat, wie man bei den Leuten ankommt, wie es weitergeht. Ich habe vorher ja lange gar nichts gemacht. Hatte nichts zu tun, nichts zu denken. Auf einmal hatte ich all diese wichtigen Dinge im Kopf, wollte all diese Sachen sagen. Das hat mich umgehauen.
SPIEGEL ONLINE: Wie hat sich Ihr Leben seitdem verändert?
Airen: Ich konnte mich im Arbeitsleben nie richtig beweisen. All die kommunikativen Fähigkeiten, die man da braucht, die fehlten mir. Und jetzt? So wie es ausschaut, kann ich jetzt erst einmal eine Weile schreiben. Ich kann mich auf Dinge fokussieren, die mir Spaß machen. Was ich mir vorher nie zugetraut hätte. Ich kann Schriftsteller sein.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben lange Zeit nur gebloggt, bevor Sie mit "Strobo" Ihren ersten Roman veröffentlichten. Was ist für Sie das Reizvolle am Bloggen?
Airen: Am Anfang war es die Anonymität. Man kann irgendwo sein und einfach schreiben. Irgendwann wurde der Blog mein bester Freund. Mein Gesprächspartner. Was ich sonst niemandem erzählen konnte, weil ich nicht so viele Freunde hatte. Als ich in Mexiko war, war das genauso. Da habe ich ja nicht viele Deutsche um mich gehabt. Die Sachen, die ich rauslassen wollte, sind in den Blog geflossen.
SPIEGEL ONLINE: Warum brauchen Sie eigentlich noch das Medium Buch?
Airen: Das Lektorat macht den Unterschied. Als der Blumenbar Verlag auf mich zukam und anbot, ein Buch mit mir zu machen, habe ich mich erst gefragt, ob das wirklich funktionieren kann. Aber die neue Anordnung der Blog-Einträge hat aus dem Blog einen Roman gemacht.
SPIEGEL ONLINE: Ihr zweites Buch "I Am Airen Man" erzählt nun eindrucksvoll, wie Sie dem Berliner Feierleben entfliehen, indem Sie nach Mexiko ziehen. Dort landen Sie relativ bald wieder in den Clubs, und das alte Drogenleben geht von vorne los, bevor die Liebe Sie rettet. Was treibt Airen immer wieder zu den Drogen?
Airen: Am Anfang war es reine Neugierde. Als ich 13 Jahre alt war, wollte ich auf dem Schulhof Gras von den Älteren kaufen. Ich war so ein kleiner Hippie, habe Jimi Hendrix gehört und wollte das mal ausprobieren. Später hat mich in München mal jemand mit zum Feiern genommen, da war ich 18 oder 19 Jahre alt. Ich habe meine erste Ecstasy-Tablette geschluckt und zum ersten Mal wirklich getanzt. Das war das Schlüsselerlebnis. Das wollte ich wiederholen. Irgendwann wurde es dann viel profaner. Da ging es ums gut drauf sein, darum, mit Leuten zu reden. Du denkst dir: Ich habe es jetzt in der Hand, ob ich einen krassen Tag erlebe oder einen normalen. Man lebt ja nur einmal, denkt man sich. Das will man ausschöpfen. Aus Liebe zum Leben, vielleicht.
SPIEGEL ONLINE: Manche Leute im Nachtleben sagen, beim Drogen nehmen treffe man immer interessante Leute. Stimmt das?
Airen: Weiß ich nicht. Es ist ja auch wahnsinnig viel hohler Quatsch, den man da redet und der an einen heran geredet wird.
SPIEGEL ONLINE: Es gibt zwei Welten in Ihrem Buch. Die Arbeitswelt und die Feierwelt. Kann man sich Airen ohne den Alltag, vor dem er fliehen muss, vorstellen?
Airen: Ja, sicher. Das hoffe ich. Mir würde es schwerfallen, noch einmal so etwas zu schreiben. Ich habe ja jetzt ein anderes Leben - eine Familie, Frau und Kind.
SPIEGEL ONLINE: Ihr erstes Buch beschrieb den Absturz im Berliner Nachtleben. Das zweite schildert die Flucht ans andere Ende der Welt und die Rettung. Was kommt als drittes: der Rückfall?
Airen: Nein. Als ich angefangen habe zu schreiben, war ich sehr schüchtern, ein Mensch, dem keiner etwas zugetraut hat. Ich habe bei jedem Gespräch angefangen, zu schwitzen und zu stottern. Nach fünf Tagen im Büro brauchte ich dann etwas, wo ich aufleben konnte. Das war das Wochenende. Bei einer Lesung war jetzt ein ehemaliger Chef von mir da, den hatte ich eingeladen. Der sagte, er habe es gar nicht glauben können, dass ich der Blogger Airen bin. Im Büro war ich der Typ, der immer hinter dem Bildschirm saß und nervös wurde, wenn ihn jemand ansprach.
SPIEGEL ONLINE: Was hat der Chef noch gesagt? Sie hatten doch große Angst, nie wieder einen Job zu bekommen, wenn herauskommt, was Sie nachts so getrieben haben.
Airen: Niemand im Büro konnte sich vorstellen, dass ich solche Sachen machte. Er sagte, dass er sich immer über meine gut geschriebenen E-Mails gewundert habe. Aber die Angst geht langsam weg. Ich habe jetzt für mich die Weichen gestellt, ich möchte weiter schreiben.
SPIEGEL ONLINE: Ihre Texte schöpfen ausschließlich aus Ihrem eigenen Leben. Könnten Sie auch über etwas anderes schreiben?
Airen: Ich habe nicht das Bedürfnis, mir eine Geschichte auszudenken. In jedem Leben passieren doch so viele interessante Sachen. Jeder Mensch hat Gefühle. Das in Worte umzusetzen, ist die große Herausforderung für mich. Um Stoff dafür zu sammeln, muss ich mich aber nicht jahrelang in Technoclubs abschießen. Das geht auch ohne Exzess, das können ganz langweilige Sachen sein. Ich habe jetzt mit meiner Frau den Plan, für ein paar Jahre nach Mexiko zurückzugehen und dort ein ruhiges Leben zu führen. Irgendwo am Strand, in einer Hütte. Wenn das Gefühl, das man hat, interessant ist, dann geht es doch nur darum, das dem Leser zu vermitteln.
SPIEGEL ONLINE: Warum benutzen Sie weiter das Pseudonym?
Airen: Wem bringt das etwas, wenn mein echter Name irgendwo steht? Die Anonymität ist kein Selbstzweck oder künstlerisches Programm. Es soll einfach nicht jeder auf mich stoßen, wenn er mich googelt.
Das Interview führte Tobias Rapp
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