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21.06.2010
 

Reise

Zwischen Tipi und Ein-Mann-Zelt

Von Maren Keller

"Cool Camping"-Führer: Ganzseitige Bilder und kleine Geschichten rund um die Plätze, lustige Details, subjektive BeobachtungenZur Großansicht

"Cool Camping"-Führer: Ganzseitige Bilder und kleine Geschichten rund um die Plätze, lustige Details, subjektive Beobachtungen

Dass Campen cool ist, behauptet ein neuer Reiseführer und listet "80 sensationelle Plätze" auf. Aber wie schön schläft man wirklich in Uhlenköper, dem empfohlenen Zeltplatz in der Lüneburger Heide? Ein Selbstversuch.

Es scheint eine innere Verwandtschaft zwischen Rucola und Camping zu geben, die bisher unerkannt geblieben ist. Denn meine Oma erzählte einmal, dass Rucola früher Kaninchenfutter gewesen sei. In erster Linie also billig. Heute hingegen ist Rucola ja irgendwie schick. Und nun scheint dem Camping die Rucola-Karriere bevorzustehen. Zumindest wenn man dem Reiseführer "Cool Camping" glauben darf.

Auf dessen Rückseite steht: "Campen ist cool!" Und als wäre das nicht genug: "Dieses Buch ruft eine neue Ära aus, für eine neue Generation." Neue Ära? Neue Generation? Wie sonst, außer im Selbstversuch, sollte man dieses Versprechen testen? Am Ende des Versuches werde ich gelernt haben, dass das Campen noch genauso wie früher ist. Dass dies der vielleicht unpraktischste Reiseführer aller Zeiten ist. Aber auch, warum er trotzdem zu empfehlen ist.

Der Campingführer liest sich, als sei ihm eine Liaison zwischen Lonely Planet und ADAC-Zeltplatzführer voraus gegangen. Und die "80 sensationellen Plätze zum Zelten" (so der Untertitel) scheinen so sensationell zu sein, dass sich die Autoren nicht entscheiden konnten und sieben Plätze in der Top Five erwähnen. Auf Platz eins: La Fresneda. Katalonien. Der Himmel dort: natürlich "strahlend blau". Der Horizont: "fern". Olivenbäume. Naturschutzgebiet. Und der holländische Betreiber macht abends selber Tapas für die Gäste.

1967 Kilometer entfernt: Uhlenköper, Lüneburger Heide. Zwar nicht in der Top Five, dafür in der Nähe von Hamburg. Ich habe ja noch nicht einmal ein eigenes Zelt, geschweige denn Urlaub. Aber Wochenende. Und da klingt "Lüneburger Heide" doch ganz verlockend.

Abgelegene Rückzugsgebiete

Eine Freund leiht mir ein Zelt. Gerne wäre er mitgekommen, schreibt der Freund. Nur leider habe er für das Wochenende schon einen Ausflug nach Rügen geplant. In ein Hotel wohlgemerkt. Es kann eben nicht jeder zur neuen Generation gehören. Und so sitze ich etwas einsam im Zug. Hamburg - Uelzen: 44 Minuten. Ohne Umsteigen. Läuft ja alles, denke ich. Bis ich in Uelzen ankomme. Von dort solle man den Bus bis zum Campingplatz nehmen, steht im Reiseführer. Was dort nicht steht, ist, dass dieser Bus am Sonntag gar nicht und samstags nur bis zur Mittagszeit fährt.

Ungefragt beginnt der Taxifahrer während der Fahrt von den Vorteilen des Campingplatzes zu berichten. Vor allem "aus ökologischer Sicht". Ich erwäge kurzzeitig, das nächste Mal in Begleitung des Taxifahrers statt des Campingführers zu verreisen. Beide scheinen ähnlich viele Hintergrundinformationen zu dem Campingplatz zu kennen. Nur weiß der Taxifahrer auch noch, wie man ihn erreichen kann. Kein unbedeutender Vorteil.

Dann konzentriere ich mich darauf, dass es beim Camping ja auch irgendwie um Abgeschiedenheit gehen soll. Oder wie es im Vorwort heißt: "Diese Plätze sind retreats - Rückzugsgebiete." Also Natur, Wildnis, Einsamkeit. Und welch bessere Voraussetzungen könnte es dafür geben, als die Erreichbarkeit mit dem Linienbus.

Es ginge übrigens auch ärgerlicher: Zu manchen Campingplatzen vermerkt der Reiseführer nur, man solle sich über Anfahrt oder Preise im Internet informieren. Was in etwa eine so große Unverschämtheit ist, als stünde hier, man könne ja in anderen Rezensionen nachlesen, was von diesem Campingführer zu halten sei.

Statt umfassender Informationen gibt es ganzseitige Bilder und kleine Geschichten rund um die Plätze, lustige Details, subjektive Beobachtungen. Dass der Besitzer des Belrepayre Trailer Parks Sohn eines berühmten Clowns ist und früher im Zirkus gearbeitet hat, kann man beispielsweise erfahren. Oder warum ein französischer Marquis beschloss, den Park um sein Jagdschlosses zum Campingplatz zu machen.

Alles beim Alten in der neuen Ära

Über den Platz in der Lüneburger Heide kann man lesen, die blühende Heide ziehe im August die Touristen in Scharen an. Noch ist es Juni. Auch gut. Dafür habe ich viel Auswahl, was den Platz angeht. Ein einsames Zelt steht dort und ein Tipi. Ich entscheide mich für die Mitte zwischen beiden. In dem Tipi wohne eine Jugendgruppe, sagt die freundliche Frau an der Rezeption. Wenn es mir zu laut werde, könne ich ja umziehen.

Später stellt sich heraus: Es ist eine Geburtstagsfahrt. Und die Gruppe befindet sich altersmäßig eher am unteren Rand der Jugend. Jonas ist zehn geworden. Ob das die neue Generation ist? Erste qualitative Interviews ergeben: Sieben von sieben Befragten finden Campen tatsächlich cool. Bis auf die Frösche und das Ungeziefer, sagt Caroline.

Vom Zelten selbst gibt es nicht viel Neues zu berichten. In wesentlichen Punkten ist auch in der neuen Ära des Campens alles beim Alten: Nachts wacht man mindestens einmal wegen frierender Füße auf, egal wie sehr die Sonne tagsüber schien. Morgens wacht man entsprechend verknittert auf, um überrascht festzustellen, wie glücklich man auf einmal ist.

Darum ist dieser Campingführer zu empfehlen. Unbedingt. Um das Fernweh zu füttern. Auch um Reisepläne zu machen. Und dann endlich wirklich einmal wieder Zelten zu gehen. Egal wie unpraktisch er ist. Was nur halb so vernichtend gemeint ist, wie es klingt. Schließlich hat diesen Text jemand geschrieben, der grundsätzlich und vorsätzlich ohne ein einziges Stück Funktionskleidung campen geht.


Sophie Dawson, Keith Didcock, Sam Pow, Paul Sullivan, Richard Waters, Penny Watson: "Cool Camping Europa. 80 sensationelle Plätze zum Zelten." Haffmans & Tolkemitt, Berlin 2010; 320 Seiten; 19,90 Euro.

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25.06.2010 von meinung.m: Campen ist WIRKLICH Cool

Zuerst einmal vielen Dank für den Artikel zu dem Buch. Die Wahrheit ist ja, das man solche Ratgeber zu 80% in den Müll hauen kann. Was nützt es mir zu Wissen das der Niederländischen Besitzer eines Campingplatzes in Spanien mit [...] mehr...

24.06.2010 von smile2010: Zwischen Tipi und Ein-Mann-Zelt oder Campen einmal anders!

Beim Lesen des Artikels und der Kommentare streuben sich mir die Nackenhaare. Es ist schade, dass beim Lesen der falsche Eindruck vom Campen entsteht. Hier wird es wie zu Omas Zeiten beschrieben, wo beim Bauern auf einem Feld ein [...] mehr...

21.06.2010 von fleischwurstfachvorleger: Campen - nein, danke!

Einmal habe ich mich von meiner Frau zum Campen breitschlagen lassen (ich weiß schon warum ich der Sheraton-Typ bin). Wir waren auf einem Geburtstag eingeladen (feucht-fröhlich) und es stand zur Auswahl: Matratzenlager oder [...] mehr...

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