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08.07.2010
 

Fußball-Autor John King

"Fan kommt von Fanatismus"

Autor John King: "Die Leute fühlen sich ohnmächtig"
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REUTERS

Die WM ist ein Riesengeschäft - nicht nur davon ist John King genervt. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt der britische Fußballexperte, warum er Hooligans für die konsequenteren Fans hält, was es mit den "White Niggers" auf sich hat. Und weshalb er seinem Lieblingsclub den Abstieg wünscht.

SPIEGEL ONLINE: Herr King, mit englischen Hooligans gab es dieses Jahr keinen Ärger bei der WM. Südafrika war wohl doch zu weit weg.

John King: Genau. Heute reist eine andere Sorte Fans mit England zu den Turnieren. In den Qualifikationsspielen gibt es noch einige von der alten Schule, denn da ist es nicht so glamourös. Aber bei der WM sind die Tickets extrem teuer, alles ist durchkommerzialisiert und die Polizeiüberwachung ist sehr strikt.

SPIEGEL ONLINE: Klingt, als würden Sie die Gewalt vermissen.

King: Fan kommt von Fanatismus. Als ich 1976 das erste Mal zu einem Chelsea-Heimspiel ging, standen 20.000 Teenager auf der Tribüne. Damals ging es ums Singen, ums Herumschubsen. Es war vor allem Spaß.

SPIEGEL ONLINE: Die Vuvuzela-Spieler haben heute doch jede Menge Spaß.

King: Ich finde das alles seltsam, auch Trommeln oder Megafone. Man sollte selbst den Krach machen und nicht etwas anderes den Krach machen lassen.

SPIEGEL ONLINE: Und sich selber prügeln? Wurde nicht unter anderem aus diesem Grund die Premier League in England etabliert?

King: Man hat den Fußball zerstört mit der Premier League. Man hat reine Sitzplatzstadien gebaut. Die brauchte man nicht, aber mit den höheren Preisen wurden die Leute verdrängt, die man nicht mehr haben wollte. Dafür lockte man einen neuen Kundentypus an. Es heißt oft, die Premier League sei die beste Liga der Welt. Falsch. Die Stimmung ist ziemlich tot in vielen Stadien.

SPIEGEL ONLINE: Vorher gab es Tote. Denken Sie an die Katastrophe von Heysel, als beim Europapokalfinale 1985 zwischen Liverpool und Juventus Turin in Brüssel 39 Menschen ums Leben kamen.

King: Das ist der Hintergrund meines Buches "The Football Factory". Nach Heysel ging es bergab. Für viele war Fußball kein Spiel mehr. Dann kamen die Überwachungskameras und eben die Premier League. Aber die großen Clubs haben nach wie vor noch ihre Hooligangruppen, bei wichtigen Spielen können sie noch immer jede Menge Leute mobilisieren. Es wird heute nur weniger berichtet.

SPIEGEL ONLINE: Und die Spannungen zwischen den Milieus haben sich im Zug der Wirtschaftskrise weiter verschärft. In Ihrem Buch bezeichnen sich die Hauptfigur Tom und seine Gang-Kollegen selbst als "White Niggers", als gesellschaftliche Außenseiter.

King: Die herrschende politische Klasse blickt nicht nur herab auf Minderheiten, sondern auch auf die gewöhnlichen Weißen. Diese Leute fühlen sich vollkommen ohnmächtig. Sie dürfen sich nicht mal wirklich beklagen, denn wenn sie das tun, werden sie als Rechtsextremisten verurteilt.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch hassen die meisten Hooligans ihre migrantischen Mitbürger.

King: Klar, man beschimpft zum Beispiel die Schwarzen, aber es gibt in meinem Buch auch ein schwarzes Hooligan-Gang-Mitglied, und das war in den Neunzigern ja tatsächlich so. Am Ende wissen alle, dass die farbigen Jungs genauso sind wie sie. Und umgekehrt behandeln manche, die Worte wie "Nigger" peinlich vermeiden, Schwarze viel schlechter. Mir ging es um das Abbilden der Realität, und letztlich ist das Schimpfen auf die Schwarzen eine Fortführung des Stammesgehabes zwischen den Fußballclubs.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist gerade Fußball der Ort, wo all diese männlichen Obsessionen - Gewalt, Gang-Mentalität, Stammesverhalten - ausgelebt werden können?

King: Es ist ein Theater, es wird in den Medien darüber berichtet, es gibt eine klare Bilderwelt. Der Ablauf ist kontrolliert, auch wenn es manchmal zu Auseinandersetzungen kommt. Und wie ich in "Football Factory" schreibe: Fußball ist weit weniger gefährlich als Krieg. Es geht nicht darum, Leute umzubringen.

SPIEGEL ONLINE: Gehen Sie eigentlich noch zu Chelsea-Spielen?

King: Nicht mehr oft. Ich finde es ziemlich deprimierend. Die Stimmung ist raus, viele sind keine wirklichen Fans. Vielleicht sollten wir absteigen. Dann würden all die Luxusfans abhauen, und Chelsea würde wieder ein richtiger Fußballverein werden. Zurück in die kleinen Stadien, wo es mehr Spaß macht und die Karten billiger sind.

Das Interview führte Felix Bayer


John King: "The Football Factory" (Übersetzt von Gunnar Kwisinski), Heyne Hardcore, 448 Seiten, 8,95 Euro

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insgesamt 21 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
09.07.2010 von imagine: Und wie?

Dann sag mir doch mal jemand wo Fan in diesem Zusammenhang herkommen soll. Etwa von Gebläse oder Lüfter? mehr...

08.07.2010 von de.nada:

Manche behaupten ja, Verständnis komme von Verstand, und wo das eine nicht ist, sucht man auch das andere vergeblich. ;) Ja der Autor ist aber schon seltsam, weil bei Chelsea ja die Haupttribüne und somit die gehobene [...] mehr...

08.07.2010 von Bernd²: abartiger Ehrenkodex Mythos

Das kann man so auf keinen Fall stehen lassen. Ich habe vor einieger Zeit in einer Einrichtung in Braunschweig gearbeitet in der unter anderem Straftäter ihre"Arbeitsstunden leisten mussten. Oft waren das Hool oder [...] mehr...

08.07.2010 von de.nada:

Weil die anderen damit angefangen haben ! Das geht vermutlich auf die Neandertaler zurück. ;) mehr...

08.07.2010 von Bernd²: Dumme Bande

Dem kann ich mit Einschränkungen zustimmen. Zitat: Und wie ich in "Football Factory" schreibe: Fußball ist weit weniger gefährlich als Krieg. Es geht nicht darum, Leute umzubringen. Wa der schon mal in Polen bei [...] mehr...

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Zur Person

J. MacDonald / John King
John King, 50, liebt Fußball, Literatur und die Dynamik des Klassenkampfs. Deshalb ist sein Roman "The Football Factory" nicht nur eine Hommage an die Hooligan-Kultur, sondern eine dralle Schilderung der englischen Arbeiterklasse und ihrer Selbstbehauptungs-Rituale.

Aktuell plant der bekennende EU-Gegner King einen futuristischen Roman über den totalitären Superstaat. Und legt unterdessen in seinem Verlag London Books alte Bücher neu auf, die vom Leben in der englischen Hauptstadt handeln.

Buchtipp

John King:
The Football Factory.

Übersetzt von Gunnar Kwisinski.

Heyne Verlag; 448 Seiten; 8,95 Euro.

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