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09.07.2010
 

Wichtige Literaturauszeichnung

Büchner-Preis für Reinhard Jirgl

Preisträger Reinhard Jirgl: "Epische Fülle und sinnliche Anschaulichkeit"Zur Großansicht
DDP

Preisträger Reinhard Jirgl: "Epische Fülle und sinnliche Anschaulichkeit"

Die bedeutendste deutsche Literaturauszeichnung geht 2010 an Reinhard Jirgl. Das teilte die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt mit. Mit Jirgl wird ein Autor preisgekrönt, der sich in radikal konstruierten Sätzen gut verkäuflicher Stapelware verweigert.

Hamburg/Darmstadt - Während Paul, der orakelnde Oktopus, sich in Oberhausen auf die Vorhersage des Spiels Uruguay-Deutschland vorbereitet, wurde in Darmstadt eine nicht weniger bedeutende Nachricht verkündet: Der 57-jährige Berliner Schriftsteller Reinhard Jirgl erhält den Georg-Büchner-Preis. Das teilte die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung mit. Der mit 40.000 Euro dotierte Preis gilt als wichtigste literarische Auszeichnung in Deutschland.

Jirgl habe in einem Romanwerk "von epischer Fülle und sinnlicher Anschaulichkeit ein eindringliches, oft verstörend suggestives Panorama der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert entfaltet", heißt es in der Begründung. Dabei lasse er die historischen Umbrüche aus unterschiedlichsten Perspektiven alltäglichen Erlebens gegenwärtig werden und mache so zuletzt in den großen Romanen "Die Unvollendeten" und "Die Stille" die Stimmen der Vergessenen und Verschütteten wieder hörbar.

Der Georg-Büchner-Preis wird seit 1951 jährlich vergeben. Geehrt werden Autoren, die "durch ihre Arbeiten und Werke in besonderem Maße hervortreten und die an der Gestaltung des gegenwärtigen deutschen Kulturlebens wesentlichen Anteil haben", wie es in der Satzung heißt.

Der Preis wird auf der Herbsttagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung am 23. Oktober in Darmstadt übergeben. 2009 hatte der österreichische Schriftsteller Walter Kappacher die Auszeichnung erhalten, 2008 Josef Winkler.

Examen als "Eck-Samen"

Reinhard Jirgl wurde am 16. Januar 1953 in Ost-Berlin geboren. Er machte eine Lehre als Elektromechaniker und studierte danach ab 1971 Elektronik an der Berliner Humboldt-Universität. Noch während des Studiums begann er mit ersten Prosatexten. Ab 1975 schrieb Jirgl kontinuierlich und brachte es bis zur politischen Wende in der DDR im Jahre 1989 auf sechs unveröffentlichte Bücher. Erst nach dem Mauerfall 1990 erschien sein erstes Buch "Mutter Vater Roman" - zu DDR-Zeiten war es wegen "nichtmarxistischer Geschichtsauffassung" abgelehnt worden.

Die entscheidende Änderung in der öffentlichen Wahrnehmung, auch seine persönliche Wende, wie Jirgl es beschreibt, kam 1993, als er für seinen Roman "Abschied von den Feinden" mit dem Alfred-Döblin-Preis ausgezeichnet und Autor des Carl Hanser Verlags wurde, der seitdem seine Bücher veröffentlicht.

1995 erschien Jirgls Roman "Abschied von den Feinden", eine tragische deutsche Geschichte zweier Brüder: Einer ist in den Westen gegangen, einer im Osten geblieben. In dem Buch zeigt sich exemplarisch Jirgls Schreibstil, der sich auch an Sprachkünstlern wie Arno Schmidt orientiert.

Die Pubertät bezeichnet Jirgl als Zeit "spontaner Erektionen & allgemeiner Überschätzung alles Schleimhäutigen". Es tritt ein Professor auf, der dem Weiblichen ("die Spitzen ihrer Brüste prägten sich in den Blusenstoff") so zugetan ist, dass das Examen mancher Studentin zum "Eck-Samen" wird. "Da hat nun 'Gans-Deutschland' etwas zu lachen: so ging es unter dem 'EsEhDe-Reschiem' zu", urteilte DER SPIEGEL.

Mit "Die Unvollendeten" (2003 erschienen) erzählte Jirgl die im Spätsommer 1945 mit der Flucht von drei Frauen aus dem Sudetenland einsetzende, mehrere Generationen übergreifende Geschichte einer Familie, für die die neue Heimat nie wirklich Heimat wird.

Auch hier nutzte Jirgl das Stilmittel der radikalen Verfremdung: Die Flüchtlinge werden in Güterwagen "hin1gepfercht" - für die Silbe "ein" steht jeweils die Ziffer 1, ein "und" wird bei ihm entweder zu "&" oder "u", Ausrufungszeichen stehen vor den Wörtern, nicht dahinter, unübliche Bindestriche lassen den Lesefluss stocken.

Ein Freund von Anna, der, noch fast Kind, an die Ostfront geschickt worden ist, erzählt dem Mädchen von dem "Gefangenenzug" und wie "1 Etwas-in-Lumpen genau vor die Stiefel des Scharführers niederstürzte", wie der zutrat und dem "Gefangenen-am-Boden in den Kopf" schoss: "!Das hört nich !auf : Hörte überhaupt nich mehr !auf: dieser !Alptraum ..."

Angesichts der Bestsellererfolge, den die mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Schriftsteller (darunter Uwe Tellkamp und Julia Franck) in den vergangenen Jahren erzielten, erweist sich die Jury-Entscheidung für Jirgl als eine konsequente Rückbesinnung auf eine Literatur jenseits gut verkäuflicher Stapelware: Jirgls Bücher sind nicht leicht konsumierbar - oder, wie es die Akademie in ihrer Begründung ausdrückt, "geschützt durch den Firnis eines avantgardistischen Schreibgestus."

sha/dpa/ddp/APD

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