Von Ulrich Baron und Sibylle Mulot
Land gewinnen: Dafür muss man raus aus den Metropolen, weg von den urbanen Zentren des Geschäftsverkehrs. Und hinein ins weite Feld der Literatur: Dort finden Stadtflüchtlinge die schönsten Terrains zur Erholung und Anregung. Weil literarische Landschaften immer auch unberechenbar sind, kann man sich dort auch ein bisschen verunsichern lassen - aber das mögen aufgeschlossene Fährtensucher ja.
Folge zwei: Landvermessungen
Willa Cather: "Meine Antonia"
"Sie war tief und ein wenig rauchig, und man hörte stets den Atem dahinter mitschwingen", heißt es von der Stimme der Titelheldin: "Alles, was sie sagte, schien unmittelbar aus ihrem Herzen zu kommen." Antonia, die Tochter einer armen böhmischen Einwandererfamilie, ist die Kindheitsfreundin des Erzählers. Die beiden wachsen in der nordamerikanischen Prärie auf, die die 1873 geborene Willa Cather noch im Urzustand erlebt hat.
"Ich wollte geradewegs weiter durch das rote Gras gehen und über den Rand der Welt hinaus, der nicht mehr allzu weit weg sein konnte", heißt es dazu im Roman: "Die laue Luft um mich herum verriet mir, dass die Welt hier zu Ende war; es gab nur noch die Erde und die Sonne und den Himmel, und wenn man noch ein Stückchen weiterging, würde es nur noch die Sonne und den Himmel geben…"
Mit Antonias Stimme im Ohr und solch grandiosen Beschreibungen vor Augen gibt es nur eins: Mitgehen - über den Rand der Welt hinaus. (Ulrich Baron)
Willa Cather:
Meine Antonia
btb Verlag; 318 Seiten; 9 Euro.
"Sie werden leben wie Gott in Frankreich! Hundertachtzig Hektar nur für Sie!" Ein Bauernhof mit Weinbergen und Lavendelfeldern, in der Dauphiné! Von Siedlungswerbern wird Anna Tünes Vater, der seinen eigenen Hof in Posen verloren hat, zu Beginn der fünfziger Jahre regelrecht nach Frankreich gelockt. Dort herrsche schließlich Landflucht, auch Deutsche seien willkommen, so kurz nach dem Krieg - Hauptsache Bauer!
Vater Tüne willigt ein und verlässt Deutschland mit seiner Familie, ohne zu wissen, was ihn erwartet: Land ist nicht gleich Land. Seine Tochter, damals ein kleines Mädchen, entwirft aus der Erinnerung ein sensibles Bild von diesem Abenteuer, rekonstruiert ihr eignes Wurzelschlagen dort, aber auch die Herkunftsgeschichte ihrer Eltern und den merkwürdigen Sonderstatus, den sie und ihre Familie immer einnahmen.
Sie beschreibt ihre Freunde, ihren Alltag, ihre Tiere, die sonnendurchglühte Landschaft - und den Abschied, als die Familie einige Jahre später zurückkehrt. Faszinierend erzählt, aus einem bislang unbekannten Blickwinkel. (Sibylle Mulot)
Anna Tüne:
Von der Wiederherstellung des Glücks.
Eine deutsche Kindheit in Frankreich.
Galiani Verlag; 226 Seiten; 16,95 Euro.
Jean-Henri Fabre: "Erinnerungen eines Insektenforschers. Band. I"
Vergessen Sie die Dino-Remakes aus "Jurassic Park" und Gigers "Alien". Der französische Entomologe Jean-Henri Fabre (1823-1915) erzählt von Bestien, die ihre Opfer mit dem Giftdolch lähmen, um sie ihrer Brut als lebende Fleischkonserven vorzusetzen. Und wer sein Buch im Garten eines Sommerhauses liest, kann diese Monstren dort auch live erleben. Der Homer der Insektenwelt beschreibt nämlich Grabwespen und Prachtkäfer, erklärt Stachel, Chitinpanzer und deren Schwachstellen, die seine sechsbeinigen Jägerinnen mit tödlicher Präzision zu treffen wissen.
Unter Fabres Anleitung verwandelt sich jede Wiese in einen phantastischen Dschungel voller exotischer Wesen, die sich zum Kampf ums Dasein mit prachtvollen Rüstungen, schrecklichen Waffen und perfiden Tricks gewappnet haben. Wenn es regnet, eignet sich dieses Buch auch hervorragend zum Vorlesen. Wer seine Kinder nicht mit Mord und Totschlag konfrontieren will, kann sie dann mit dem Treiben der Mistkäfer bestens unterhalten. (Ulrich Baron)
Jean-Henri Fabre:
Erinnerungen eines Insektenforschers. Band I
Matthes & Seitz Verlag; 416 Seiten; 36,90 Euro.
Andrea Giovene: "Das Haus der Häuser"
Oliven und Zitronen, Kaktusfeigen und über der Straße Geruch von Lämmern und Milch: In den 1930er Jahren verlässt Giuliano Sansevero, Sohn eines italienischen Fürstengeschlechts, die Pariser und Mailänder Boheme und zieht sich in ein kalabresisches Dorf zurück.
Das Baumaterial für sein Haus wird noch auf Eselsrücken transportiert, doch die moderne Welt folgt dem Weltflüchtigen auf dem Fuße. Das erinnert an Giuseppe Tomasi de Lampedusas "Gattopardo", an Axel Munthes "Buch von San Michele" und Carlo Levis "Jesus kam nur bis Eboli" und lädt zur Entdeckung eines in Deutschland noch kaum bekannten Erzählers ein. In seiner fünfteiligen "Autobiographie des Giuliano Sensevero" hat Andrea Giovene (1904-1994) sein bewegtes Leben eines Homme de lettres aus einem neapolitanischen Adelsgeschlecht reflektiert.
"Das Haus der Häuser" ist deren dritter Teil, die Beschreibung eines Paradieses, dessen Tage gezählt sind. Denn alles hat ein Ende - der schönste Urlaub und auch die schönsten Bücher. (Ulrich Baron)
Andrea Giovene:
Das Haus der Häuser
Osburg Verlag; 356 Seiten; 19,95 Euro.
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