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28.07.2010
 

Vorgelesen

Die wichtigsten Bücher der Woche

Von Ulrich Baron und Sibylle Mulot

Argentiniens Hauptstadt Buenos Aires: Kulisse für spannende GesellschaftsstudienZur Großansicht
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Argentiniens Hauptstadt Buenos Aires: Kulisse für spannende Gesellschaftsstudien

Argentinien literarisch? Nicht nur, weil das Land offizielles Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse ist, sollte man Claudia Piñeros phantastischen Roman lesen. Katharina Riese seziert ihre eigene Kindheit. Und in Unni Lindells Krimi wird auch seziert - aber buchstäblich.

Claudia Piñero: "Die Donnerstagswitwen"

Im ersten Kapitel erfährt man ein wenig über das Familienleben von Ronie und Virginia. Im zweiten etwas über das Haus ihrer Nachbarn und über die drei Leichen in deren Swimmingpool. Im dritten wird die Gated Community beschrieben, in der man zusammengelebt hat - ein goldener Käfig für die Wohlhabenden Argentiniens, durch einen bewachten Zaun abgeschirmt.

Im Schwerpunktland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse zählt die 1960 in Buenos Aires geborene Claudia Piñero zu den Bestellerautorinnen. Ihr Roman erinnert weniger an die Labyrinthe der Einbildungskraft ihres Landmanns Jorge Luis Borges oder an die avantgardistischen Romane eines Julio Cortázar als an die verstörenden Visionen eines J. G. Ballard, in denen ein Hochhaus zur Kampfzone wird und ein moderner Robinson auf einer Verkehrsinsel strandet.

Mit ihrer Ich-Erzählerin Virginia lässt Claudia Piñero eine Immobilienmaklerin zu Wort kommen, die den Pferdefuß solcher künstlicher Paradiese kennt. Der Zaun hält nicht nur Diebe fern, sondern auch die Einsicht, dass das umhegte Leben für viele nur Durchgangstation ist. Ein fataler "Prozess des Vergessens" scheint alle zu befallen, die sich dort ansiedeln. Bis die nächste Krise ihre Geldquellen versiegen lässt und ihnen mit der nackten Realität auch der Tod hinter den Zaun folgt. Ulrich Baron

Buchtipp

Claudia Piñeiro:
Die Donnerstagswitwen.

Aus dem Spanischen von Peter Kultzen.

Unionsverlag; 316 Seiten; 19,90 Euro.

Einfach und bequem: Direkt im SPIEGEL-Shop bestellen.


Katharina Riese: "Vilma heiratet ihre Enkelin. Skizzenbuch"

Katharina Riese schreibt satirische Texte, ätzend, poetisch - und überzeitlich. Später nachgelesen "funktionieren" sie immer noch bestens (wie "Der Papa kommt zum zweiten Mal", ein Sammelband aus dem Jahr 1996). Eine Meisterin der scharfen Kurzform also?

Nicht nur. Die in Wien lebende, 1946 in Linz geborene Schriftstellerin hat jetzt ein größeres Werk vorgelegt. In "Vilma heiratet ihre Enkelin" hat sie ihre eigene Kindheit beschworen und minutiös rekonstruiert. Rasant und ironisch auch dieser Text - wobei Rieses Tempo und ihre stilistische Brillanz die Langsamkeit kindlicher Störerfahrungen wohl oft überspielt, vergnügt am Abgrund tanzend.

Riese kann ihr Leiden an der sprachlichen Eigenart der lieben Mitmenschen auch hier nicht verbergen - gerade hier nicht! Der Unmut über verbale Grausamkeiten und Stereotypen wurde früh für sie konstitutiv. Gleichzeitig atmet der Text die schönste Kinderpoesie, und der Entlarvungsgestus ist stark abgemildert.

Schließlich verhandelt Riese hier auch keine Typen, sondern die eigene, erkennbare Bürgersfamilie in Linz, die in der Not nach dem Zweiten Weltkrieg nur noch eine kuriose bürgerliche Restform leben konnte. Ein Zeit- und Familienbild der ganz besonderen Art. Zum Schluss geht Großmutter Vilma tatsächlich mit der kleinen Enkelin auf "Hochzeitsreise", während die hart arbeitende leibliche Mutter sich dem Kind immer mehr entfremdet. Sibylle Mulot

Buchtipp

Katharina Riese:
Vilma heiratet ihre Enkelin. Skizzenbuch.

Sonderzahl Verlag; 167 Seiten; 18 Euro.


Unni Lindell: "Was dir verborgen bleibt"

Mit ihrer 1996 begonnen Serie um den Osloer Kommissar Cato Isaksen gehört die 1957 geborene Norwegerin Unni Lindell zu den interessantesten Autorinnen des skandinavischen Krimis. Während man auf die Übersetzungen von "Mørkemannen" (2008) und "Sukkerdøden" noch warten muss, bietet die deutsche Neuausgabe ihres im Original 2000 erschienenen Krimis "Sørgekåpen" einen vielversprechenden Einstieg in die Serie.

Wenige Tage nach der Jahrtausendwende wird in Oslo die Leiche einer brutal ermordeten jungen Frau entdeckt. Bald konzentriert sich der Verdacht auf ihren Ex-Mann Johnny, der sie wiederholt misshandelt und bedroht hatte. Als Johnny den gemeinsamen Sohn entführt, scheint sich der Verdacht zu bestätigen, doch bald tauchen Hinweise darauf auf, dass Ester Lønn kein ganz unschuldiges Opfer war.

Geschickt baut Unni Lindell eine plausibel erscheinende Lösung auf, die sich später als Kippfigur erweist. In der dramatischen Schlussphase werden die Rollen getauscht, und Cato Isaksen erkennt fast zu spät, dass er sich um die falsche Person gesorgt hat. Lindells Plot erreicht die Qualitäten eines Highsmith-Romans, auch wenn sich die Ausführung auf die konventionelle Perspektive des Kommissars konzentriert. Schade nur, dass bei der Neuausgabe dieses Buchs, das über die Grenzens seines Genres hinausstrebt, der ursprüngliche Titel "Trauermantel" zum nichtssagenden "Was dir verborgen bleibt" verwässert worden ist. Ulrich Baron

Buchtipp

Unni Lindell:
Was dir verborgen bleibt.

Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs.

Fischer Taschenbuch; 393 Seiten; 9,95 Euro.

Einfach und bequem: Direkt im SPIEGEL-Shop bestellen.



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insgesamt 1135 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
29.01.2012 von coisalouca: Lesenswert!

Ich verschlinge alles von John Irving und warte schon sehnsüchtig auf sein neues Buch, das im Mai kommt. Besonders gut udn empfehlenswert: The New Hampshire Hotel Owen Meany The Cider House Rules Genial! mehr...

27.01.2012 von sophistocat:

Übersetzungen sind nie so gut wie das Original, sagt die Binse, und die hat zuweilen doch recht. Ist mir aufgefallen bei den Übersetzungen der Romane von T. C. Boyle. Die sind sogar sehr gut, aber im Deutschen ist es schlicht [...] mehr...

26.01.2012 von sophistocat:

Ach... das ist aber umständlich. Man legt einfach irgend ein Lesezeichen in den Anhang (den Kassenzettel vom letzten Einkauf, die Stellenanzeige, auf die man sich bewerben wollte oder den Wisch mit dem 4-stelligen Zahlencode [...] mehr...

26.01.2012 von sinta:

Ja - irgendwie blöd mit den Anhängen, aber oft so hilfreich. Für mich habe ich die Lösung gefunden: ich kopiere den Anhang, mir ist das vor- und zurückblättern einfach zu lästig. mehr...

26.01.2012 von Ty Coon:

Jaja, die Übersetzung von Matthias Jendis. Man hat jetzt wirklich schon viele Lobeshymnen drüber gehört, sie ist wirklich von geschliffenem Deutsch und bemüht sich offenbar sehr, den Originalton Melvilles bestmöglich zu [...] mehr...

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