Von Christoph Schröder
"Armen" heißt der wind- und wasserumtoste Fleck vor der bretonischen Küste, wörtlich übersetzt: "der Stein". Nur bei passablem Wetter ist er zu erreichen, bei Sturm ist die An- und Abfahrt zu gefährlich. Und es ist oft Sturm. Unterbrochen nur von kurzen Landgängen, hat Jean-Pierre Abraham in den Sechzigern mehrere Jahre auf Armen zugebracht, als Leuchtturmwärter. Ein einsames Geschäft. Der 2003 verstorbene Journalist und Schriftsteller hat ihm ein schmales, aber hochintensives Buch abgerungen, das nun auch in deutscher Übersetzung vorliegt: "Der Leuchtturm".
Das Ich, das aus diesem Text spricht, ist eines, das mit seiner Tätigkeit und der Landschaft nahezu verschmolzen ist. Zwei Männer halten sich stets zugleich auf dem Leuchtturm auf, und doch ist jeder für sich allein. Der Rhythmus der Tag- und Nachtschichten bestimmt das Dasein. Die Arbeit ist hart und nicht selten auch gefährlich, hier muss geschrubbt, geputzt und gearbeitet werden, es stinkt nach Öl, erhitzten Motoren und feuchten Mauern. Der Turm muss nicht bewohnt, er muss verteidigt werden. Permanent.
Möglichst perfekt zu funktionieren, Tag um Tag, das wird zum einzigen Bezugspunkt, den der Erzähler hat: "Die Lampe wieder anzünden. In den Lichtkreis eintauchen. Gehen. Jedes Mal, wenn ich auf den Leuchtturm zurückkehre, wieder darin eingeschlossen bin, weiß ich aufs neue: nach all den Wanderjahren in der Fremde ist Armen eine Heimkehr." Das nämlich ist die Kehrseite von Abrahams erstaunlicher Erzählerfigur: So robust sie sich nach außen hin präsentieren muss, so fragil erscheint sie aus der in ihren Tagebucheinträgen aufgezeichneten Innenperspektive.
Sieben Monate, von November bis Mai eines unbestimmten Jahres, kämpft der Erzähler nicht nur gegen die Unberechenbarkeit der Wellen, sondern vor allem gegen die eigene Instabilität, gegen die Ängste, gegen die Leere. All das blitzt in kurzen nächtlichen Sätzen immer wieder auf, wie auch die Biografie des Protokollanten allenfalls in Andeutungen aufscheint. Doch es wird klar: Hier versucht einer, sich vor den eigenen Dämonen zu schützen, sich selbst ruhig zu stellen, der eigenen Unstetigkeit die Konstante des Ortes entgegenzusetzen. Der Leuchtturm wird zum Schauplatz eines existentiellen Kampfes, an dem die Gespenster der Vergangenheit gegen die "stumpfen Seelen alter Seemänner", wie es einmal heißt, antreten.
"Seit zu vielen Jahren schon", schreibt der Mann in sein Tagebuch, "verhielt ich mich ganz ruhig. Das Leben verlief dumpf und angenehm, unlebbar. Ja, ein neues Leben beginnen, aufschreien. Doch gegen wen oder was? Wenn ich mich auflehnen muss, dann einzig und allein gegen mich selbst." Nicht ohne Pathos sind solche Sätze, und doch führen sie in den dunklen Kern des Buches. Fast scheint es, als sei Armen selbst beseelt, als machte der Leuchtturm etwas mit den Menschen, die sich auf ihm befinden. Zwei Dinge lassen sich dem entgegensetzen: Eleganz und Licht in dieses unheimliche Universum bringt ein Vermeer-Bildband, den der Leuchtturmwärter auf seinem Zimmer liegen hat. Und natürlich ist es das Schreiben, das sich gegen die Verzweiflung wendet und eine Art von Selbstkontrolle aufrecht erhält. Die radikale Gegenwart des Augenblicks setzt die Dunkelheit der Erinnerung außer Kraft - was auch immer dort lauern mag.
Keine Geschichte wolle er erfinden, notiert der Erzähler, sondern "das Unnütze zum Bersten bringen, das mit jeder Stunde anschwillt". Es ist das riskante Unterfangen eines Menschen, der mit dem wirklichen Leben oder dem, was man im Allgemeinen darunter versteht, nichts anzufangen weiß und der sich aus diesem Grund der ganzen Härte einer kargen Existenz aussetzt.
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