Von Felix Bayer
"Bist du der nächste Eminem?", fragte die Anzeige. Logisch, dachten sich Bill und Gavin und setzten sich in den Bus. Dreizehn Stunden Fahrt, von Dundee, der schottischen Stadt, in der sie als große Freestyle-Talente galten, nach London, wo die Plattenfirma Polydor ein Vorrappen veranstaltete - auf der Suche nach dem neuen Eminem eben. Doch London wurde ein Desaster: Bill und Gavin wurden ausgelacht. Rappen mit schottischem Akzent, das ginge gar nicht; ein Plattenfirmenmann stöhnte gar: "Ihr klingt, als würden die Proclaimers anfangen zu rappen."
Was für eine Kränkung! Ausgerechnet die Proclaimers, bebrillte Zwillinge mit melodischen, braven Folksongs, gesungen mit breitestem Akzent - ein Symbol für Hinterwäldlertum. Dreizehn Stunden zurück, viel Zeit zum Nachdenken: "Wir dachten, dass wir gut seien, Talent hätten und dass unser schottischer Akzent ganz originell wäre", erinnert sich Gavin Bain, einer der Schottenrapper: "Aber wir waren wohl sehr naiv." Der Gedanke, alles hinzuschmeißen stand im Raum. Und dann kam die Idee, die eine unglaubliche, wahre Geschichte um eine große Lüge auslöste:
Wenn sie keine Schotten wollen, werden wir eben Amerikaner!
Aus Billy Boyd und Gavin Bain, den Kunststudenten aus Dundee, wurden 2003 Silibil N' Brains, zwei kiffende und skatende Rapper aus einem kalifornischen Kaff namens Hemet (Billy hatte dort Verwandschaft), die irgendwie aus Protest gegen George W. Bush in London gelandet waren. Silibil N' Brains machten sich einen Namen in der Londoner Clubszene, fanden einen renommierten Manager, der ihnen gleich 70.000 Pfund als Vorschuss anbot, und schließlich biss mit Sony Music sogar eine große Plattenfirma an - Vorschuss bei Vertragsunterzeichnung: 120.000 Pfund. "Wir dachten uns: Wir gehen runter nach London, beweisen uns etwas, auch für alle anderen schottischen Künstler, und sind nach ein paar Wochen zurück", erinnert sich Gavin Bain: "Doch es stellte sich heraus: Der Plan funktionierte."
Wochenlang hatten Gavin und Billy an ihren Akzenten gefeilt, um glaubwürdig die Amerikaner spielen zu können. "Es ist ja nicht nur die Sprache", sagt Gavin Bain: "Amerikaner haben zum Beispiel auch einen ganz anderen Gang. Wir haben den amerikanischen Charakter studiert, ohne irgendetwas über Amerika zu wissen. Doch das war egal: Wir waren immer ausgelassen, wild, verrückt, und niemand stellte Fragen. Nicht mal Amerikaner." Um sich nicht von ihren Rollen ablenken zu lassen, wohnten die beiden zusammen und vermieden den Kontakt zu alten Freunden aus Schottland und zu ihren Familien.
In der Zwickmühle dank Schwulenklausel
Um so mehr genossen sie das Leben als aufgehende Sterne am Londoner Rap-Himmel. Die Tage verbrachten sie im Studio, die Nächte in den Bars und auf Partys. Alkohol, Sex, Drogen - und das alles ohne Reue. "Das Beste daran, eine Kunstfigur zu sein, ist die Freiheit", sagt Gavin Bain: "Du läufst durch einen Raum und kümmerst dich nicht darum, was die anderen von dir denken. Denn wenn sie dich mögen oder nicht, mögen sie ja in Wahrheit die Kunstfigur - oder eben nicht."
Eigentlich hofften Bill und Gavin, dass ihre erste Single ein großer Hit würde und sie dann in der Boulevardpresse oder einer Talkshow ihre Lüge aufdecken könnten - sie würden als subversive Genies gefeiert werden und hätten eine große Karriere vor sich, dessen waren sie sich sicher. Doch der Plan hatte einen entscheidenden Haken: Im Plattenvertrag von Silibil N' Brains stand eine Klausel, wonach die Musiker haftbar wären im Falle eines Täuschungsversuchs, durch den ihr kommerzieller Wert Schaden nehmen würde. Es ist die Sorte Klausel, die Mitglieder von Boygroups davon abhält, sich als schwul zu outen.
Silibil N' Brains waren in der Zwickmühle: "Hätten wir eine Platte herausgebracht und sie wäre ein Hit geworden, wären wir aufgeflogen" - denn garantiert hätten alte Bekannte aus Schottland die beiden erkannt und sich an die Medien gewendet. Einmal, nach einem Auftritt bei MTV, stand das Outing schon kurz bevor - doch in einer Nacht-und-Nebel-Aktion mit einem befreundeten Webmaster wurden die verräterischen Internet-Forumseinträge gelöscht.
Auf anderen Social Networks posten:
Ja, das hätte die Kunstfigur als solche entlarvt. mehr...
also versteh ich das richtig...sie waren richtig gut, tourten, hatten Erfolg, einen Plattendeal mit einem Label,3 Cds aufgenommen, und all das drohte zu scheitern wenn herausgekommen wäre dass sie Schotten und keine Amis waren? mehr...
Die besten Geschichten schreibt eben immer noch das Leben. Danke für diesen spannenden Artikel! mehr...
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