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18.08.2010
 

Vorgelesen

Die wichtigsten Bücher der Woche

Von Ulrich Baron und Sibylle Mulot

Romanschauplatz Paris: Ausbruch aus dem Gehäuse der bürgerlichen EheZur Großansicht
dpa

Romanschauplatz Paris: Ausbruch aus dem Gehäuse der bürgerlichen Ehe

Literarische Spurensuche: In Alain Claude Sulzers "Zur falschen Zeit" entdeckt ein Sohn in Paris das Geheimnis seines Vaters. Francis Wyndham geht in "Der andere Garten" der Liebe zu einer älteren Dame auf den Grund. Und Nii Parkes verlegt CSI nach Ghana.

Alain Claude Sulzer: "Zur falschen Zeit"

Beim Tod seines Vaters war der Erzähler ein Baby, und seine Mutter mag sich nicht erinnern. Geblieben ist ihm nur ein Foto. Kein Schnappschuss, sondern ein Atelierbild, und als er siebzehn ist, entdeckt er darauf ein rätselhaftes Detail. Die Armbanduhr seines Vaters zeigt sieben Uhr fünfzehn. Egal ob morgens oder abends ist das nicht die Zeit, zu der gewöhnliche Ateliers für Fremde geöffnet haben. Inzwischen weiß er, dass sein Vater Selbstmord begangen hat. Die Pariser Adresse auf dem Foto wird sein erster Anhaltspunkt für eine Suche, die eine tragische homosexuelle Liebe enthüllt. Eine fatale Beziehung, die Anfang der fünfziger Jahre zur falschen Zeit kam und zwei Familien zerstört hat.

Aus dem Abstand einiger Jahrzehnte heraus, lässt der 1953 geborene Alain Claude Sulzer seinen Erzähler ein subtil nuanciertes Wechselspiel entfalten - halb Selbstporträt als junger, halb Bild des Vaters als zuletzt kaum älterer Mann. Dass beide sich frappierend ähnlich sehen, erzeugt Irritationen, hebt aber auch Unterschiede hervor: Hier der Vater, der sich vergeblich ins Gehäuse einer bürgerlichen Ehe hatte flüchten wollen. Da der Sohn, der in einer anderen, schon etwas liberaleren Zeit dessen Tragödie enthüllt hat und nun aus weitem Abstand Rückschau hält. Mit seiner Erzählweise, die Nah- und Fernsicht gekonnt vereint, ist Sulzer ein Meisterwerk psychologischen Erzählens gelungen. Ulrich Baron

Buchtipp

Alain Claude Sulzer:
Zur falschen Zeit.

Galiani Verlag; 229 Seiten; 18,95 Euro.

Einfach und bequem: Direkt im SPIEGEL-Shop bestellen.

Francis Wyndham: "Der andere Garten"

Manchmal schreibt ein älterer Herr, der sich lange mit Literatur beschäftigt hat, ein Buch über sich selbst als jungen Mann, seine erste Liebe, Neigung oder Freundschaft. So veröffentlichte der 74-jährige Amerikaner Charles Simmons 1998 seinen schönen Roman "Salt Water" (deutsch: "Salzwasser", 1999) und bezog sich darin ausdrücklich auf Turgenjews Erzählung "Erste Liebe".

Der englische Literaturkritiker und Lektor Francis Wyndham, ebenfalls 1924 geboren, hatte seine Jugend bereits zehn Jahre zuvor in "The Other Garden" beschworen. Er beschrieb einen Schüler im England des Zweiten Weltkriegs, der eine große Zuneigung zur warmherzigen, doppelt so alten Kay Demarest entwickelt, der Tochter einer versnobten britischen Familie, einer geborenen Außenseiterin. Mochte sie in der Öffentlichkeit noch so prächtig wie Joan Crawford (oder Mae West) durch die mit Soldaten gespickte Szenerie stolzieren, daheim in ihrer Highbrow-Familie litt sie Höllenqualen. Und der junge Mann, ihr Bekannter, litt aus Sympathie mit ihr mit.

Schön übersetzt erscheint "Der andere Garten" jetzt erstmals auf Deutsch, als Gesellschaftsporträt, psychologische Familienstudie und Bekenntnis in einem. Der Anspruch ist bewusst zurückgehalten, der Ton leicht - bis hin zum überraschenden, rührenden Schluss. Vieles ist witzig, manches bleibt ungesagt, alles stimmt. Das Buch ist übrigens auch herstellerisch ein Juwel, vom Schutzumschlag über den Satzspiegel bis zum knallroten Lesebändchen. Sibylle Mulot

Buchtipp

Francis Wyndham:
Der andere Garten.

Aus dem Englischen von Andrea Ott.

Doerlemann Verlag; 180 Seiten; 18,90 Euro.

Einfach und bequem: Direkt im SPIEGEL-Shop bestellen.

Nii Parkes: "Die Spur des Bienenfressers"

Das Ding, das in einer Hütte des Dorfes Sonokrom gefunden worden ist, stellt Ghanas Polizei vor Rätsel. Dass es tot ist, kann man riechen. Aber was war es, als es noch lebte? Inspektor Donkor, der nicht nur ein skrupelloser Karrierist, sondern auch ein Fan der Fernsehserie CSI ist, gibt er dem jungen Pathologen Kayo die lang ersehnte Chance, für die Polizei arbeiten zu dürfen. Vielmehr zwingt er ihn dazu, eine "Crime Scene Investigation" zu präsentieren, als deren Lichtgestalt er sich selbst sieht. So fährt Kayo nach Sonokrom, schneidet durch verwesendes Gewebe und stellt fest, dass er sich im Dorf ausgesprochen wohl fühlt. Seine Wissenschaft aber führt ihn dort nicht weiter: "Etwas war gestorben, das war unbestreitbar, aber er wusste nicht, wie er damit umgehen sollte."

Der 1974 in London geborene und in Ghana aufgewachsene Nii Parkes stellt die alte Krimi-Formel "Wer hat's getan?" auf den Kopf. "Was ist gestorben?" lautet die Frage hier, und Parkes konfrontiert seinen Helden mit einer Welt, in der Wissenschaft korrumpierbar und Wunderbares möglich erscheint. Kayo soll einen Tatverlauf konstruieren, der mit den gesicherten Beweismitteln übereinstimmt, doch beim Palmweintrinken mit den Dörflern erfährt er eine Geschichte, die die Herkunft des Dings in der Hütte auf fantastische Weise erklärt. Parkes gibt dem Kriminalroman eine neue Wendung, aber am Ende kommt es auch hier darauf an, wer eine geladene Pistole in der Hand hat. Ulrich Baron

Buchtipp

Nii Parkes:
Die Spur des Bienenfressers.

Aus dem Englischen von Uta Goridis.

Unionsverlag; 221 Seiten; 16,90 Euro.

Einfach und bequem: Direkt im SPIEGEL-Shop bestellen.

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insgesamt 1135 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
29.01.2012 von coisalouca: Lesenswert!

Ich verschlinge alles von John Irving und warte schon sehnsüchtig auf sein neues Buch, das im Mai kommt. Besonders gut udn empfehlenswert: The New Hampshire Hotel Owen Meany The Cider House Rules Genial! mehr...

27.01.2012 von sophistocat:

Übersetzungen sind nie so gut wie das Original, sagt die Binse, und die hat zuweilen doch recht. Ist mir aufgefallen bei den Übersetzungen der Romane von T. C. Boyle. Die sind sogar sehr gut, aber im Deutschen ist es schlicht [...] mehr...

26.01.2012 von sophistocat:

Ach... das ist aber umständlich. Man legt einfach irgend ein Lesezeichen in den Anhang (den Kassenzettel vom letzten Einkauf, die Stellenanzeige, auf die man sich bewerben wollte oder den Wisch mit dem 4-stelligen Zahlencode [...] mehr...

26.01.2012 von sinta:

Ja - irgendwie blöd mit den Anhängen, aber oft so hilfreich. Für mich habe ich die Lösung gefunden: ich kopiere den Anhang, mir ist das vor- und zurückblättern einfach zu lästig. mehr...

26.01.2012 von Ty Coon:

Jaja, die Übersetzung von Matthias Jendis. Man hat jetzt wirklich schon viele Lobeshymnen drüber gehört, sie ist wirklich von geschliffenem Deutsch und bemüht sich offenbar sehr, den Originalton Melvilles bestmöglich zu [...] mehr...

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