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30.08.2010
 

Neuer Allende-Roman

Voodoo und Revolution

Von Christiane von Korff

"Insel unter dem Meer": Opulentes EposZur Großansicht
Suhrkamp

"Insel unter dem Meer": Opulentes Epos

Eine kluge, unbezähmbare Frau auf ihrem verschlungenen Weg in die Freiheit: Isabel Allendes neuer Roman "Insel unter dem Meer" erzählt von der Sklavin Tété, der brutalen Unterdrückung in der reichsten Kolonie Frankreichs und der blutigen Revolte, die 1804 zur Befreiung Haitis führte.

Wer flieht und Glück hat, findet auf der Flucht den Tod. Wer kein Glück hat, wird lebend gefangen und dann massakriert. Sklave bleibt Sklave, das wird Zarité, genannt Tété, von Kindesbeinen an eingebleut. Ihr weißer Herr, der französische Plantagenbesitzer Toulouse Valmorain vergewaltigt die Mulattin als Elfjährige, missbraucht sie als Haussklavin und Konkubine. Doch Tété wäre keine Frauenfigur, die Isabel Allende ersonnen hätte, wenn sie sich die Freiheit aus dem Kopf schlagen ließe - die sie nach einem langen und abenteuerlichen Weg auch erreichen wird.

Nach dem "Siegel der Tage", Allendes Autobiografie über ihr Leben der letzten fünfzehn Jahre in Kalifornien, hat die "Geisterhaus"-Autorin wieder einen Roman geschrieben, in dem sie geschickt historische Ereignisse mit dem persönlichen Schicksal ihrer Heldin verknüpft. Und das ist mitunter magisch. Denn Tété ist eine starke, eigenwillige und unbezähmbare Frau, die ihre Stärke aus dem Voodoo-Glauben zieht. Sie tanzt und träumt von der "Insel unter dem Meer", deren Rhythmus die Erde erschüttert, Tété wie ein Blitz durchfährt und ihre Beschwernisse mit hinauf in den Himmel reißt, damit der Voodoo-Gott Papa Bondye sie zerkaut und schluckt, und Tété gereinigt und froh wird.

Dramatische Epoche

"Die Insel unter dem Meer" ist ein opulentes Epos, das zwischen 1770 und 1810 während der blutigen Sklavenrevolte in der früheren französischen Kolonie Saint-Domingue, dem heutigen Haiti, und in New Orleans spielt. In dieser Zeit ist Haiti die Perle der Antillen, die reichste Kolonie der Welt, aus der Frankreich ein Drittel seines Einkommens bezieht. Dank des Zucker- und Kaffee-Exports und dank afrikanischer Sklaven, die sich auf den Plantagen buchstäblich zu Tode schuften. Menschen als Wegwerfartikel: Ihre Lebenserwartung beträgt nur vier bis sechs Jahre, weiße Händler bringen auf Schiffen jedes Jahr neue Afrikaner, die die Toten ersetzen.

Allende hat eine dramatische Epoche in der Geschichte der Karibik-Insel gewählt und schildert, wie die Französische Revolution die Kolonie in den Grundfesten erschüttert. Da sind die Grands Blancs, konservative und königstreue Großgrundbesitzer, wie Valmorain, oder die Petits Blancs, kleine Leute, die auf der Seite der Revolution stehen und mit den Standesunterschieden aufräumen wollen. Allerdings gilt die Idee von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit allenfalls in den eigenen Reihen; die Weißen, einerlei ob arm oder reich, betrachten die "Neger", wie sie verächtlich genannt werden, als "andere Spezies", denen sie jegliche Bürgerrechte verwehren.

Aus der brutalen Unterdrückung erwächst die Revolte. Als die schwarzen Aufständischen alle Siedlerplantagen niederbrennen, ist es Tété, die ihren Herrn rettet, indem sie ihm durch die gefährlichen Sümpfe zur Flucht verhilft. Damit handelt sie auf friedlichem Weg ihre Freiheit aus. Die erhält sie in New Orleans, noch bevor 1804 die Sklaverei auf der Karibikinsel abgeschafft wird und Haiti die erste von Schwarzen regierte Republik der Welt wird.

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Isabel Allende:
„Die Insel unter dem Meer“.

Aus dem Spanischen von Svenja Becker. Suhrkamp, Berlin; 558 Seiten; 24,90 Euro.

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