• Drucken
  • Senden
  • Feedback
06.09.2010
 

Harbour Front Festival

Leinen los für die Literatur

Von Tobias Becker

"Harbour Front Festival": Leinen los für die Literatur
Fotos
Morten Holtum Nielsen

Mit einem Vorlesefestival soll das "kulturelle Angebot der Hafencity bereichert" werden: 114 Schriftsteller stellen bei 87 Veranstaltungen ihre Werke vor, unter anderem in Hamburgs umstrittenem Edelstadtteil.

Man könnte meckern. Darüber, dass Literaturfestivals im Allgemeinen doof sind, weil Lesen eine intime Begegnung mit einem Buch zu sein hat, Literaturfestivals das Lesen aber zum Event machen. Und darüber, dass das Hamburger "Harbour Front Festival" im speziellen doof ist, weil es einen englischen Namen trägt, weil sein Programm profillos ist, weil es sich vor den Marketing-Karren der Verlage spannen lässt und obendrein vor den des neuen Hochglanz-Stadtteils Hafencity.

Und all diese Meckerei wäre so falsch ja nicht: Bei der zweiten Ausgabe des Hamburger Festivals ist kaum ein Autor vertreten, der nicht gerade einen neuen Titel auf den Markt geworfen hat, dafür sehr viele, die für Quote sorgen, zum Beispiel solch literarische Schwergewichte wie Sebastian Fitzek, Ildikó von Kürthy, Dora Heldt, Jussi Adler-Olsen, John Grisham und Ulrich Wickert, der sich auf seine alten Tage an Kriminalromanen versucht, und solche Politphilosophen wie Hans-Olaf Henkel, Peer Steinbrück und Peter Struck.

Hauptgeldgeber ist die Stiftung des Hamburger Unternehmers Klaus-Michael Kühne, dessen internationaler Logistik-Dienstleister Kühne + Nagel seine Deutschlandzentrale in der Hafencity hat. Das Gebäude ist ebenso Schauplatz des Festivals wie die benachbarte Katharinenschule, die Brasserie "Carls" an der Elbphilharmonie und das Hafencity-Infocenter im Kesselhaus, weshalb Kühne in seinem Grußwort für das Programmheft jubelt, mit dem Festival werde "das kulturelle Angebot in der Hafencity ausgebaut und bereichert".

Komisches Kammerspiel

Man kann sich aber auch freuen. Darüber, dass vier der 20 Autoren, die auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis stehen, in Hamburg lesen: Alina Bronsky, Judith Zander, Nino Haratischwili und Michael Kleeberg. Darüber, dass im Kinder- und Jugendbuchprogramm Janne Teller ihren finsteren Nihilismus-Roman "Nichts" vorstellt. Darüber, dass die Bordbar des Museumsfrachtschiffs Cap San Diego während der Festivaltage für alle Literaten und für alle Besucher von 20 Uhr an geöffnet ist. Und darüber, dass es auf der Cap San Diego eine Nachwuchsreihe unter dem hübschen Namen "Debütantensalon" gibt, in der sich an vier Abenden jeweils drei junge Autoren vorstellen, darunter die hochtalentierte Inger-Maria Mahlke mit ihrem ebenso bitteren wie loriothaft komischen Kammerspiel "Silberfischchen". Am Ende bekommt einer der Debütanten den Klaus-Michael-Kühne-Preis, dotiert mit 5000 Euro.

Die Macher des "Harbour Front Festivals" sind drei Herren Ende 50: Nikolaus Hansen, der Chef des Rowohlt Verlages und des mare Buchverlages war und seit 2008 Geschäftsführer der Verlage Arche und Atrium ist, Peter Lohmann, der bis 2008 Geschäftsführer der S. Fischer Verlage war, und Heinz Lehmann, der als Produzent für den NDR, RTL und internationale Produktionsfirmen gearbeitet hat. 114 Schriftsteller aus 21 Ländern locken sie nach Hamburg, an 11 Tagen lesen sie an 21 Veranstaltungsorten bei 87 Veranstaltungen.

Da wird schon etwas dabei sein. Selbst für den größten Meckerer.


Harbour Front Festival. 8. bis 18. September, komplettes Programm unter Harbourfront Hamburg, Tickethotline: 01805/92 20 09 (14 Cent aus dem deutschen Festnetz).

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 4 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
08.09.2010 von I'm a Substitute: Was soll man dazu schon sagen?

Immerhin zeigt die rege Beteiligung an diesem Thread, mit welchem Feuereifer das gebotene Programm von seiner Zielgruppe angenommen wird... mehr...

06.09.2010 von I'm a Substitute: Kultur zum Anfassen...

Das Label "Kultur" wird heute allem als Volkfest ausgestaltetem Event aufgepappt: Hüpfburg und Kinderschminken?: KULTUR. Bauchtanz? Oh Mann, ist das 'ne interkulturelle Erfahrung! Döner? Geradezu fleischgewordene [...] mehr...

06.09.2010 von Erik Mattutat: "umstrittener Edelstadtteil"

Wie wird es denn dem Spiegel-Autor wohl gehen, wenn er seinen Arbeitsplatz demnächst eben dort haben wird? mehr...

06.09.2010 von pbhamburg: Schamhaft

Tatsache ist doch, dass die Kommunen kaum noch Mittel für kulturelles Engagement bereitstellen können, da sie entweder an der Grenze der Leistungsfähigkeit stehen, den entsprechenden Etat mit ihren Kultur-Fabriken restlos [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
alles aus der Rubrik Literatur
alles zum Thema KulturSPIEGEL-Tageskarte

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Facebook






TOP



TOP