Von Tobias Becker
Man könnte meckern. Darüber, dass Literaturfestivals im Allgemeinen doof sind, weil Lesen eine intime Begegnung mit einem Buch zu sein hat, Literaturfestivals das Lesen aber zum Event machen. Und darüber, dass das Hamburger "Harbour Front Festival" im speziellen doof ist, weil es einen englischen Namen trägt, weil sein Programm profillos ist, weil es sich vor den Marketing-Karren der Verlage spannen lässt und obendrein vor den des neuen Hochglanz-Stadtteils Hafencity.
Und all diese Meckerei wäre so falsch ja nicht: Bei der zweiten Ausgabe des Hamburger Festivals ist kaum ein Autor vertreten, der nicht gerade einen neuen Titel auf den Markt geworfen hat, dafür sehr viele, die für Quote sorgen, zum Beispiel solch literarische Schwergewichte wie Sebastian Fitzek, Ildikó von Kürthy, Dora Heldt, Jussi Adler-Olsen, John Grisham und Ulrich Wickert, der sich auf seine alten Tage an Kriminalromanen versucht, und solche Politphilosophen wie Hans-Olaf Henkel, Peer Steinbrück und Peter Struck.
Hauptgeldgeber ist die Stiftung des Hamburger Unternehmers Klaus-Michael Kühne, dessen internationaler Logistik-Dienstleister Kühne + Nagel seine Deutschlandzentrale in der Hafencity hat. Das Gebäude ist ebenso Schauplatz des Festivals wie die benachbarte Katharinenschule, die Brasserie "Carls" an der Elbphilharmonie und das Hafencity-Infocenter im Kesselhaus, weshalb Kühne in seinem Grußwort für das Programmheft jubelt, mit dem Festival werde "das kulturelle Angebot in der Hafencity ausgebaut und bereichert".
Komisches Kammerspiel
Man kann sich aber auch freuen. Darüber, dass vier der 20 Autoren, die auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis stehen, in Hamburg lesen: Alina Bronsky, Judith Zander, Nino Haratischwili und Michael Kleeberg. Darüber, dass im Kinder- und Jugendbuchprogramm Janne Teller ihren finsteren Nihilismus-Roman "Nichts" vorstellt. Darüber, dass die Bordbar des Museumsfrachtschiffs Cap San Diego während der Festivaltage für alle Literaten und für alle Besucher von 20 Uhr an geöffnet ist. Und darüber, dass es auf der Cap San Diego eine Nachwuchsreihe unter dem hübschen Namen "Debütantensalon" gibt, in der sich an vier Abenden jeweils drei junge Autoren vorstellen, darunter die hochtalentierte Inger-Maria Mahlke mit ihrem ebenso bitteren wie loriothaft komischen Kammerspiel "Silberfischchen". Am Ende bekommt einer der Debütanten den Klaus-Michael-Kühne-Preis, dotiert mit 5000 Euro.
Die Macher des "Harbour Front Festivals" sind drei Herren Ende 50: Nikolaus Hansen, der Chef des Rowohlt Verlages und des mare Buchverlages war und seit 2008 Geschäftsführer der Verlage Arche und Atrium ist, Peter Lohmann, der bis 2008 Geschäftsführer der S. Fischer Verlage war, und Heinz Lehmann, der als Produzent für den NDR, RTL und internationale Produktionsfirmen gearbeitet hat. 114 Schriftsteller aus 21 Ländern locken sie nach Hamburg, an 11 Tagen lesen sie an 21 Veranstaltungsorten bei 87 Veranstaltungen.
Da wird schon etwas dabei sein. Selbst für den größten Meckerer.
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Immerhin zeigt die rege Beteiligung an diesem Thread, mit welchem Feuereifer das gebotene Programm von seiner Zielgruppe angenommen wird... mehr...
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