Mittwoch, 10. Februar 2010

Kultur



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22.06.2000
 

Großstadtliteratur

"In New York" - Mischwesen aus urbanen Mythen

Von Daniel-Dylan Böhmer

New-York-Romane gibt es wie Sand am Meer. Doch der Berliner Autor Alban Nikolai Herbst versteht es, das Genre auf den Kopf zu stellen. Sein Manhattan-Roman "In New York" ist ein psychedelischer Trip zur Seelenauslotung der Großstadt, in dem an detaillierter Realitätskritik nicht gespart wird.

Schöffling & Co.

Die wahre Stadt ist die Stadt unter der Stadt. Wilfried Talisker weiß das noch nicht, als er in New York eintrifft. Deutschland, Frau und Kinder, seine Anwaltskanzlei in Tettnang hat er hinter sich gelassen, dem Gefühl folgend, er müsse in die Mutter aller Metropolen gehen. Und während er durch die Straßen Manhattans zieht, um herauszufinden, warum er kommen musste, ist ihm der Mann auf den Fersen, der Talisker erfunden hat und der ebenso wenig weiß, was dessen Auftrag ist.

Das ist ein Plot, wie er typisch ist für die Bücher des Berliner Autors Alban Nikolai Herbst, 45. Reale und erfundene Figuren, die einander durch phantastische Romanlandschaften hetzen, gesteuert durch die Geschichte, zu der sie gehören. So ist ein Labyrinth von ineinander verwobenen Helden und Mythen entstanden. Der neue New Yorker Seitenarm, ungewöhnlich sparsame 150 Seiten lang, ist eine der gelungensten Gegenden in Herbsts Traum- und Alptraum-Welt, ein Roman von psychedelischer Intensität und gleichzeitig ein gestochen scharfes Porträt des "Big Apple".

Wie in "Eine Sizilische Reise" (1996) lässt Herbst seine Figuren durch detailliert recherchierte Landschaften streunen. New York erscheint in tausenden von Einzelheiten und Beobachtungen, die die Großstadt plastischer als die Wirklichkeit hervortreten lässt. Der Reisende fühlt sich vertraut auf diesem Stadtplan und zugleich verunsichert durch die Winkel, die Herbst hineincollagiert, und die Figuren, die den Roman zu einem Thriller werden lassen: Mischwesen aus urbanen Mythen, Puffmütter und Untergrundkämpferinnen, Spione und Buchhalter zugleich, bilden das abstruse Netzwerk verfeindeter und verbündeter Geheimorganisationen, deren Spielbälle die Hauptfiguren sind.

Ohne dass die genauen Hintergründe klar werden, jagen Erfinder und Erfundener Geldkoffern und Waffen, Nutten und Kontaktleuten hinterher, ihre Identitäten verschwimmen, bis die Figur Talisker ihrem eigenen Autor nach dem Leben trachtet in einem Krieg um Chaos oder Law-and-Order in der Stadt.

Denn die eigentliche Hauptfigur ist New York selbst. Die Stadt, die selbst ein Mythos über den Menschen der Moderne ist und die den Mythen aller Großstädte auf der Welt einen Namen gibt. Ihre Straßen und Gebäude, Wall Street und Harlem verwebt Herbst mit ihren Gerüchen, Farben und Materialien, bis New York ein monströses Organ geworden ist, das man anfassen zu können glaubt. Stets brodeln hier Dämpfe, beißen Gerüche, blecken Farben, sickern Flüssigkeiten. Das erinnert manchmal an Bilder aus Ridley-Scott-Filmen, manchmal an die Halluzinationen eines William S. Borroughs. Gleichzeitig erzählt es vom ganz realen New York und wie es von Bürgermeister Rudolph Giuliani drakonisch verschönert werden soll: von "zero tolerance" und Penner-Jagden.

Alban Nikolai Herbst: "In New York - Manhattan Roman", Schöffling & Co. 2000.

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