Von Constanze Semidei
"Nicht nett, nicht angenehm" - ein wenig zynisch beschreibt der neue "Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste" im Zaubererinternat Hogwarts die neuen, schlimmen Flüche: Totale Unterwerfung, Folter und Mord. "Harry Potter and the Goblet of Fire", seit dem 8. Juli auf Englisch zu haben, ist ein harter Brocken, und das nicht nur wegen seiner 636 Seiten.
Der vierte Band hält sich streng an die bereits bekannte Form: Er beginnt mit einem Kapitel, in dem ein Ereignis seinen dunklen Schatten vorauswirft, und endet, wie auch schon seine drei Vorgänger, auf dem Londoner Bahnhof King's Cross. Dazwischen liegen die Sommerferien und ein Schuljahr in Hogwarts. Aber diesmal ist es mit der kindlichen Unbeschwertheit endgültig vorbei: Joanne K. Rowling hat viele Erwachsene in ihr neues Buch gelassen, aus deren Zauberstäben rote und grüne Lichtblitze schießen. Es geht richtig zur Sache.
Wenn das dritte Buch die Tiefen der menschlichen Seele auslotete und Kindern vom Gefangensein in Depressionen erzählte, so handelt das vierte von der menschlichen Grausamkeit. Lord Voldemort, Harrys furchteinflößender Gegenspieler, und seine Anhänger übten in der Vergangenheit offenbar eine Schreckensherrschaft aus, die den Lesern nur allzu gut aus Geschichtsbüchern oder den Abendnachrichten bekannt ist. Dass die Welt der Zauberer der unsrigen so ähnlich ist, macht das Buch sehr real und damit sehr beängstigend.
Doch damit nicht genug: Am Rande der Weltmeisterschaft im Quidditch - dem bevorzugten Ballspiel der Zauberer - quälen maskierte Männer einen Zeltplatzwart und seine Familie. Sie sind wie eine Mischung aus Hooligans und Ku-Klux-Klan: feige und brutal. Die meisten Zauberer flüchten vor ihnen, einige jedoch applaudieren ihrem Treiben. Der Schreck fährt den Lesern in die Knochen, denn die Opfer sind wie genau wie sie selbst zauberunkundige Muggel.
Auf den gruseligen Einstieg folgt ein schwerfälliger Mittelteil. Die Hauptpersonen fangen an zu pubertieren, und die Autorin lässt kein Detail aus: Pickel, Küsse in den Büschen, wechselseitiger Ärger über oberflächliche Jungs oder alberne Mädchen, und natürlich auch Eifersucht und Neid unter besten Freunden. Die sonst so packende Handlung geht im Gezänk der 14-Jährigen unter, das Buch verliert an Spannung und wird stellenweise langatmig.
Rowling hat sich angestrengt, die am Anfang gesponnenen Fäden wieder korrekt zusammenlaufen zu lassen. Dadurch wirkt der vierte Band vielleicht ein wenig konstruiert. Jedoch garantiert der liebenswerte Stil, in dem sie den Schulalltag von Harry Potter und seinen Freunden beschreibt, dass man das Buch kaum aus der Hand legen kann. Zudem wissen die Fans: Der Showdown kommt gewiss, diesmal sogar weitaus gewaltiger und furchtbarer als in den drei Bänden davor.
Wie die Schulkrankenschwester Madam Pomfrey hält man sich angesichts der Ereignisse entsetzt die Hände vor den Mund. Das Böse kann nicht mehr so einfach in Schach gehalten werden, die Enthüllungen aus der Vergangenheit sind bitterer denn je, und am Ende ist der Tod auch in der Gegenwart angekommen. Doch es ist vor allem eine Angst, die man bei der Lektüre von "Harry Potter and the Goblet of Fire" nie ganz verdrängen kann - die Gewissheit, dass man, auf der letzten Seite angekommen, über zwölf Monate auf den nächsten Band wird warten müssen.
Joanne K. Rowling: "Harry Potter and the Goblet of Fire", Bloomsbury Publishing, London 2000; 14 Pfund/39,90 Mark
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