Von Daniel-Dylan Böhmer
Junger Buchmesse-Besucher: Kein Widerspruch zwischen Markt und Avantgarde
Bei der Leipziger Buchmesse, so heißt es, steht die Literatur stärker im Vordergrund als bei der Frankfurter Messe, die als Handelsplatz für Lizenzen und Literaten wichtiger ist. Eine der Institutionen, die Leipzig tatsächlich zu einem lebendigen literarischen Standort machen, ist das Deutsche Literaturinstitut Leipzig (DLL), die Autoren-Schule, der die jüngere deutsche Literatur einen wichtigen Teil ihrer Nachwuchsschreiber verdankt.
Seit zehn Jahren besteht das Institut jetzt und feiert dies bei der diesjährigen Messe, indem es nationale Grenzen sprengt: Mit dem "Internationalen Kongress für Literarisches Schreiben" veranstaltet das DLL wohl das erste Treffen europäischer und außereuropäischer Autorenschmieden überhaupt. Ein Austausch der sich lohnt, denn die wichtigste Gemeinsamkeit scheint darin zu liegen, dass Schriftsteller-Schulen eben nicht das sind, was mancher unter dem Begriff verstehen will: autoritäre Stilfabriken.
"Was uns wohl alle verbindet ist, dass wir Literatur lehren und lernen, indem wir uns darüber austauschen. Nicht indem wir zum 'richtigen' Schreiben erziehen", sagt Bestseller-Autor Josef Haslinger ("Opernball"), Dozent des DLL und Mitorganisator des Kongresses, bei dem Institutionen etwa aus Russland, Israel und Norwegen teilnehmen.
Die Bedingungen des Studiums unterscheiden sich allerdings zum Teil erheblich. Anders als in Leipzig zahlen Studenten der Literarischen Akademie Prag umgerechnet etwa 1800 Euro pro Jahr für die Ausbildung. Nicht wenig für tschechische Verhältnisse, aber Vaclav Kristof, Gründer der Akademie, erklärt, die erhebliche Summe sei in gewisser Weise auch motivierend für die Nachwuchsautoren: Sie überlegten sich Ihre Studien- und Berufsentscheidung reiflich. Zwingt der finanzielle Druck den klammen Nachwuchs aber nicht auch dazu, marktgerechte Literatur zu produzieren? "Viel schlimmer", meint Kristof, "manche Studenten imitieren die Autoren, die sie unterrichten." Aber der Einfluss der älteren Vorbilder sei auch ein Schutz gegen den Druck des Marktes: Nur wenige der Dozenten seien selbst Bestseller-Autoren. Verkaufserfolg wolle hier niemand unterrichten.
Markt und Avantgarde müssen sich aber nicht widersprechen. Die Wiener "Schule für Dichtung" setzt auf moderne Technik als Teil einer multimedialen "Wertschöpfungskette", vor allem auch als literarisches Medium. In der "Internetakademie" der Schule unterrichten und beurteilen Autoren den Nachwuchs übers World Wide Web. Das Netz wird aber auch als Plattform für neue Arten von Literatur verwendet - nichtlineare Texte oder Gemeinschaftsproduktionen, die aus der Kommunikation der Studenten entstehen. Oder auch zur Erfindung neuer Emoticons: Was könnte etwa die Zeichenfolge "3@" bedeuten? Um 90 Grad gedreht ist die Antwort einfach: "Schwangere Frau".
DLL-Absolvent Lentz: "Lehren und lernen"
Die Studenten der Leipziger Schreibschule spielten auch hinter den Kulissen von Kongress und Lesenacht eine Hauptrolle. Nachdem Haslinger während seines Asienurlaubs verunglückte, schien das Projekt schon fast gescheitert. Eine Gruppe von vier Studenten telegrafierte dem durch den Tsunami verletzten Haslinger ins Krankenhaus, er möge sich keine Sorgen machen und übernahm die Organisation des Großprojekts.
Haslingers Schüler haben es nicht nur gerettet, sondern zu einem beachtlichen Erfolg geführt. Etwa 900 bis 1000 Gäste kamen gestern Abend in die Moritzbastei, schätzt Claudius Nießen, der mit seinen Kommilitonen das Projekt übernahm. Vielleicht handelt es sich auch bei der Lesenacht um ein Debüt: Die Idee, es zu einem Leipziger Messestandard auszuweiten, wurde gestern Abend schon laut diskutiert. Fast so laut wie die Bässe der DJs.
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