Von Cem Özdemir
Vielleicht handelt es sich um die zentralste aller zeitgenössischen Fragen für Historiker und Gesellschaftswissenschaftler: Warum hat die islamische Welt den Anschluss an den Westen verpasst, gemessen an einschlägigen Kriterien der gesellschaftlichen Modernisierung wie etwa politische Freiheit, Bildungsniveau und wirtschaftlicher Entwicklungsstand?
Historiker Diner: Kritik am Sakralen
Diners Überlegungen richten sich gegen die These, wonach die zentrale Ursache für die Rückständigkeit ausschließlich im Westen und der kolonialen Erfahrung zu suchen sei - man ist fast geneigt anzunehmen, diese in weiten Teilen der islamischen Welt bewusst verbreitete und verkürzte "Erklärung" sei selbst ein Synonym für das Modernisierungsdefizit. Für den verpassten Anschluss der muslimischen Länder an die Moderne ist sicher eine Vielzahl von Gründen verantwortlich, seien sie nun politischer, sozialer, kultureller, geographischer oder wirtschaftlicher Art. Dan Diner ist sich dieser Multi-Kausalität bewusst und lenkt den Fokus doch elegant auf die Omnipräsenz des Sakralen als entscheidendem Faktor.
Das Heilige als Bremse
Was ist damit gemeint? In den Lebenswelten muslimischer Gesellschaften, so Diner, gelte nahezu durchgehend das Primat des Sakralen, ob im Alltag, in der Politik, Wirtschaft und im Recht. Die Allgegenwart des Sakralen behindere nicht nur die Ausdifferenzierung von privatem und öffentlichem Raum, sondern auch die Trennung von politischem, rechtlichem und wirtschaftlichem System mit je eigenen Funktionsweisen. Diner folgert daraus, dass diese Präsenz des Sakralen das größte Hindernis für eine gelungene Aufklärung in der sogenannten muslimischen Welt sei. Das klingt nur auf den ersten Blick tautologisch, denn Diners Verständnis des Sakralen verweist auf einen tief verankerten Habitus und materielle gesellschaftliche Bedingungen in der islamischen Lebenswelt.
Entsprechend legt Diner ein besonderes Augenmerk auf Schrift und Sprache, wo die Wirkungskraft des Sakralen besonders deutlich sei. Eine vergleichbare Entwicklung wie der Verlust der Vorherrschaft des heiligen Lateins im lateinischen Christentum an der Schwelle zur Neuzeit ist in der muslimischen Welt kaum zu beobachten. Hier ist das heilige Arabisch nach wie vor die Sprache der religiösen Praxis. Hinzu kommt, und das ist in seiner Wirkung kaum zu unterschätzen, dass die regionalen Umgangssprachen nicht verschriftlicht werden. Die Entwicklung einer profaneren Lebenswelt werde behindert, da diese "keinen angemessenen Sprachspeicher" findet. Und da dem klassischen Arabisch die Gegenwärtigkeit abgehe, könne es die Zeit nicht reflektieren: Sprache hält Zeit sogar auf - in diesem Sinne ist der Titel des Buches zu verstehen.
Der Untergang des Lateinischen als universelles Idiom der Elite wurde von einer Fragmentierung und Territorialisierung der religiösen Gemeinschaften begleitet. Im arabischen Raum wurden die Grenzen der heutigen Staaten hingegen mit dem Lineal gezogen. Entsprechend blieb hier die Territorialisierung ein äußerlicher Vorgang. Die Sprache des Korans avancierte zur Staatssprache aller arabischen Länder; staatsfähige Nationalkulturen haben sich kaum entwickelt. Stattdessen instrumentalisierte man die Religion zu einem ideologischen Kitt für den Zusammenhalt der Gesellschaften innerhalb der Territorialstaaten. Auch so verkam der Islam mehr und mehr zur Ideologie. Diese Entwicklung fächert Diner einleuchtend auf.
Von und mit der Moderne reden
Die weltlichen Nationalsprachen waren ausschlaggebend für die Ausbreitung staatsfähiger Nationalkulturen. In der Türkei wurde in den ersten zwei Jahrzehnten nach der Gründung des Nationalstaates ein Reformprogramm angegangen, mit dem das Türkische als Nationalsprache nicht nur in der gesamten liturgischen Praxis des Islam durchgesetzt werden sollte, sondern auch in allen erdenklichen Kommunikationszusammenhängen. So werden die obligatorischen Freitagsansprachen in den Moscheen beispielsweise auf Türkisch gehalten. Der Koran wird jedoch auch in der Türkei weiterhin auf Arabisch rezitiert.
Die Versuche, das Arabische aus der religiösen Praxis zu verdrängen und durch das Türkische zu ersetzen, sind folglich zwar nicht in voller Breite gelungen, der Islam hat in der Türkei aber dennoch allmählich ein nationales und an der zeitgenössischen Alltagskultur orientiertes Gesicht erhalten. Und so ist für die Türkei festzuhalten: Was die Gesellschaft dort heute zusammenhält, ist nicht der Islam, sondern die Nationalkultur.
Diners Einwand, dass die Säkularisierung und die damit verbundene Zurückdrängung des Sakralen aus Staat, Wirtschaft und Gesellschaft - wie sie sich in der westlichen Welt vollziehen konnte - bei der Defizitanalyse in geradezu auffälliger Weise fehlt, ist nach der Lektüre seines Buches zuzustimmen. Der Vorwurf der Einseitigkeit wird dennoch laut werden, zumal Diner dem Sakralen Allgegenwärtigkeit und entsprechend weitreichende Konsequenzen zuschreibt. Auch könnten sie ihm vorhalten, dass er in seiner historischen Betrachtung und Bewertung des Sakralen vorhandene Unterschiede innerhalb der islamischen Welt außer Acht lässt.
Diner-Buch: Mahnung an die islamische Intelligenz
Minimierung, nicht Tilgung des Sakralen
Diners Betonung des Sakralen als Hindernis für die Modernisierung sollte keinesfalls so verstanden werden, als müsse der islamischen Welt von heute auf morgen die Religion ausgetrieben werden. Zu einem erfolgreichen demokratischen Gemeinwesen gehört die Minimierung des Einflusses des Sakralen, genau das ist in Europa im Gefolge der Aufklärung geschehen.
Für die westliche Welt gilt, dass sie moderate, aber dennoch einflussreiche Kräfte in der islamischen Welt unterstützen muss, damit eine sich selbst tragende Modernisierung überhaupt in Gang gesetzt werden kann. Diese Entwicklung ist noch nicht abzusehen, aber gerade die Türkei zeigt, dass der Islam den Weg zu Demokratie, wirtschaftlicher Entwicklung und Bewahrung religiöser Eigenheiten nicht per se verbaut.
Der syrische Politologe und Publizist Michel Kilo erinnerte kürzlich daran, dass sich die Wahrnehmung der Türkei in den Gesellschaften des Nahen Ostens gewandelt habe. Es ist noch nicht lange her, da wurde der Nachfolgestaat des Osmanischen Reiches aufgrund seiner Einbindung in die Nato und guter Beziehungen zu Israel als Verräter betrachtet. Heute bewundere man das Land für seine demokratische Wahlen, die Pressefreiheit und wirtschaftliche Entwicklung.
Auch die Tatsache, dass eine islamisch-konservative Regierung den Spagat zwischen Politik, Recht und Religion erfolgreich schafft und das Land in Beitrittsverhandlungen mit der Europäischen Union geführt hat, ist von kaum zu unterschätzender Bedeutung für die islamische Welt. Nicht von ungefähr endet Diners Kapitel über das Osmanische Reich damit, dass die auf den Trümmern dieses Imperiums gegründete Türkische Republik mit der alten Welt nichts gemein hat. Zugleich ist die moderne Türkei ein lebendiger Beweis dafür, dass Islam nicht gleich Islam ist.
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