12. August 2006, 19:04 Uhr

SS-Vergangenheit

Grass' Geständnis entzweit die Intellektuellen

Dass Günter Grass erst jetzt zugegeben hat, einst Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein, ruft teils heftige Kritik, teils ätzenden Spott hervor. Hellmuth Karasek vermutet sogar, ein früheres Geständnis hätte Grass' Nobelpreis gefährdet. Andere nehmen den Schriftsteller in Schutz.

Berlin - Literaturkritiker Hellmuth Karasek unterstellt Günter Grass durch die Blume ein gewisses Kalkül. Hätte der Autor der "Blechtrommel" bereits früher eingestanden, dass er als Jugendlicher einige Zeit Mitglied der Waffen SS war, hätte er möglicherweise den Nobelpreis riskiert, glaubt Karasek. So wie er die Akademie einschätze, "hätte sie den Nobelpreis nicht an jemanden verliehen, von dem bekannt war, dass er in seiner Jugend in der Waffen-SS war und das lange verschwiegen hat", sagte Karasek dem Radiosender NDR Info.

Günter Grass: Kritik am langen Schweigen
AP

Günter Grass: Kritik am langen Schweigen

Grass habe den Nobelpreis wie kein anderer deutscher Autor verdient. Aber auf einmal gerate alles in ein neues Licht, sagte Karasek.

Der Historiker Michael Wolffsohn schrieb in einem Beitrag für die "Netzeitung", Grass habe durch sein Schweigen "sein moralisierendes, nicht sein fabulierendes Lebenswerk entwertet". Schließlich habe der Schriftsteller vor 21 Jahren "eine goldene Gelegenheit" gehabt, die Mitgliedschaft in der Waffen-SS einzuräumen, als heftig über den Besuch des Soldatenfriedhofs in Bitburg durch Bundeskanzler Helmut Kohl und US-Präsident Ronald Reagan diskutiert wurde, so Wolffsohn.

"Ende einer moralischen Instanz"

Der Schriftsteller Klaus Theweleit ätzte im "Tagesspiegel", Grass habe sich bloß wieder einmal Aufmerksamkeit verschaffen wollen: "Wenn Grass den Polls entnimmt, dass nicht 102 Prozent der Deutschen ihn kennen, dann fällt ihm so etwas ein", sagte er dem "Tagesspiegel". Im selben Blatt wird der Schriftsteller Walter Kempowski mit den Worten zitiert, das Geständnis komme "ein bisschen spät", gleichwohl gelte auch für Grass das Wort aus der Bibel: "Wer selbst ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein." Der Grass-Biograf Michael Jürgs sagte dem Blatt, er sei "persönlich enttäuscht" und sprach vom "Ende einer moralischen Instanz".

In Schutz nahmen den Nobelpreisträger andere, etwa der Historiker und Publizist Arnulf Baring, der von "Selbstüberwindung" sprach, die "großen Respekt" verdiene, oder der Schriftsteller Erich Loest: "Er war sehr jung und stand unter keinem anderen Einfluss, der ihn abgehalten hätte", sagte er dem "Tagesspiegel".

Der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Walter Jens sagte, Grass verdiene "seinen Respekt": "Ein Meister der Feder hält Einkehr und überlegt sich: Was hast du im langen Leben zu berichten vergessen? Das hat er getan", sagte der 83-Jährige am Samstag in Tübingen. Die Stellungnahme möge spät erfolgt sein, aber gewiss nicht zu spät. Es sei absurd, den Mann, damals nicht einmal 20 Jahre alt, zur Rechenschaft zu ziehen. "Es ist für mich bezeichnend, dass Grass gerade den richtigen Zeitpunkt gewählt hat. Vorher wäre manches besserwisserisch erschienen", sagte Jens.

Der Kölner Schriftsteller Dieter Wellershoff stimmte im "Kölner Stadt-Anzeiger" mit den Worten zu, das Bekenntnis solle nicht dazu benutzt werden, Grass moralisch abzuurteilen: "Man lebt in der Welt, in die man hineingeboren wird."

"Gut, dass Sie das getan haben"

Ralph Giordano, 83, stellte sich ebenfalls an die Seite von Grass. Schlimmer als einen Irrtum zu begehen, sei es, keine Konsequenz daraus zu ziehen, und das habe Grass ja schon lange gemacht. Er begrüßte dennoch die Enthüllung: "Gut, Günter Grass, dass Sie das getan haben", sagte Giordano dem WDR 2.

Für den Präsidenten der Berliner Akademie der Künste, Klaus Staeck, 68, stehen "das künstlerische Werk und seine politische und moralische Integrität auch nach seinem Bekenntnis außer Zweifel". " Ich trenne nicht zwischen Werk und Person", sagte Staeck.

Keine Stellungnahme gab es von Kritiker Marcel Reich-Ranicki: "Kein Wort" werde er dazu sagen, sagte er dpa am Samstag. Er sei "nicht verpflichtet", sich zu äußern.

Die internationale Presse reagiert verhalten

Die Reaktionen der internationalen Presse sind bislang zurückhaltend. Die italienische Zeitung "La Repubblica" spricht von einem "Schock", sie attestierte dem Nobelpreisträger aber, sich mit "schmerzhaftem Mut" jetzt dafür entschieden zu haben, "jene Zweideutigkeit und Schuld seines Vaterlandes anzunehmen, die der Vergangenheit angehört, die aber unauslöschlich ist".

Die britische Zeitung "The Guardian" erinnerte noch einmal daran, dass die Waffen-SS bei den Nürnberger Prozessen als verbrecherische Organisation eingestuft wurde, die auch Konzentrationslager bewachte. Dem "Guardian" hatte Grass im vergangenen Jahr geschildert, wie ihn als junger Mann der Ausgang des Krieges verletzt habe. Er sei ein naiver 17-Jähriger gewesen, der bis zum Ende an den Sieg geglaubt habe.

Grass hatte in einem Interview der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" berichtet, er habe sich mit 15 Jahren freiwillig zur U-Boot-Truppe gemeldet, die aber niemanden mehr genommen habe. So sei er als Siebzehnjähriger aus dem Reichsarbeitsdienst nach Dresden zur Waffen-SS einberufen worden. Er habe in der zehnten SS-Panzerdivision "Frundsberg" gedient. Bislang hatte es in den Biografien des 1927 geborenen Schriftstellers geheißen, er sei 1944 als Flakhelfer eingezogen worden und habe dann als Soldat gedient.

Grass nimmt in seinem Erinnerungsbuch "Beim Häuten der Zwiebel" dazu Stellung, das im September erscheint. "Mein Schweigen über all die Jahre zählt zu den Gründen, warum ich dieses Buch geschrieben habe. Das musste raus, endlich", sagte er der "FAZ".

Zur Wehrmacht habe er sich gemeldet, um "rauszukommen": "Aus der Enge, aus der Familie. Das wollte ich beenden." Erst später habe ihn "dieses Schuldgefühl als Schande belastet". Es sei für ihn immer mit der Frage verbunden gewesen: "Hättest du zu dem Zeitpunkt erkennen können, was da mit dir vor sich geht?"

cis/dab/AFP/AP/dpa/ddp


URL:

Mehr auf SPIEGEL ONLINE:


© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH