Zürich feiert 100 Jahre Dada Labor für den höheren Unsinn

Feiern bis zur Bewusstlosigkeit: Mit Ausstellungen, Partys und einem Kostümball zelebriert Zürich den 100. Dada-Geburtstag. Die Stadt will den bedeutendsten künstlerischen Unfug des 20. Jahrhunderts mit einem Fest des Irrsinns ehren.

DPA

"Gadji beri bimba glandridi laula lonni cadori." Alles klar? Nein? Macht nichts. Man muss die Zeilen von Hugo Ball auch nicht wörtlich nehmen. Oder zwischen den Zeilen lesen. Oder das, was dort stehen könnte, gar verstehen.

Wer aber entschlüsseln will, was die Dadaisten verfassten, und begreifen will, warum sie die Kunstwelt auf so radikale Weise veränderten, der hat in diesem Jahr viel Gelegenheit dazu.

100 Jahre ist es her, dass sich Schriftsteller, Maler, Musiker und Tänzer aus ganz Europa in der Schweiz versammelten, um auf ihre Art gegen den Ersten Weltkrieg zu protestieren. Mit Nonsens-Lyrik, wilden Tänzen und bodenloser Ironie. Das Jubiläum wird 2016 mit Ausstellungen, Partys, Lesungen und sogar einem Kostümball zelebriert - nicht nur am Geburtsort Zürich, sondern auch in anderen Städten wie Paris, Amsterdam, Düsseldorf und Stade.

Das berühmte Lautgedicht "Gadji beri bimba" des Gründervaters der Dada-Bewegung ist semantischer Unsinn. Eine Aneinanderreihung von aussprechbaren, aber sinnlosen Lautfolgen. Es war eines der ersten dadaistischen Gedichte, die Hugo Ball - in ein Bischofskostüm gehüllt - vortrug. Im Frühsommer 1916, als die gerade erst geborene Dadaisten-Truppe in einer Kneipe in der Zürcher Spiegelgasse, dem Cabaret Voltaire, ihre Bestform fand.

Pissoir als Kunstwerk

Auf der Bühne wurde zu dissonanten Rhythmen gestampft, Lyriker trugen gleichzeitig und lautstark groteske Gedichte vor, Schauspieler absurde Sketche, und das Orchester machte einen ohrenbetäubenden Lärm. Das Publikum musste Beschimpfungen ertragen - und johlte.

Die Künstlerkneipe war die Wiege dessen, was die Väter und Mütter der Bewegung unter dem so einprägsamen wie rätselhaften Begriff Dada zusammenfassten. Dort wurde Dada am 5. Februar 1916 von Hugo Ball, Tristan Tzara, Marcel Janco, Hans Arp, Sophie Taeuber-Arp, Emmy Hennings und Richard Huelsenbeck aus der Taufe gehoben.

Bis heute lässt sich nicht eindeutig beantworten, was genau Dada ist. Kunstströmung? Politisches Statement? Philosophie? Beunruhigen muss die Ungewissheit niemanden. Schon 1919 frotzelte der deutsche Schriftsteller und Aktionskünstler Johannes Baader, einer der frühen Anhänger der Bewegung: "Was Dada ist, wissen nicht einmal die Dadaisten, sondern nur der Ober-Dada, und der sagt es niemand."

"Dada ist kein Stil, sondern eine Behauptung", heißt es im "Dada Hand Buch" des Cabaret-Voltaire-Direktors Adrian Notz. "Dada hat alle damals bestehenden Avantgardeströmungen wie den Expressionismus, den Futurismus und den Kubismus in sich aufgenommen - und verdaut oder unverdaut wieder von sich gegeben."

Zu den Resultaten gehörten Gedichte in frei erfundenen Sprachen oder auch die Pissoir-Schüssel, die 1917 von Marcel Duchamp unter dem Namen "Fontäne" als Kunstwerk deklariert wurde. Dada an sich zu begreifen, mag unmöglich erscheinen. Doch warum seine Protagonisten vorangegangene Ideale der Kunst so vehement ablehnten und die absolute Freiheit bis hin zum völligen Irrationalismus proklamierten, lässt sich aus den Umständen der Entstehungszeit erklären.

Bürger erschrecken für die Freiheit

Der Erste Weltkrieg tobt. Mit seinen Gemetzeln und Giftgaseinsätzen erweist er sich als menschenverachtende Vernichtungsmaschinerie. Sinnlos ist das wohl treffendste Wort für diesen Krieg, der ganz Europa erfasste.

Die neutrale Schweiz war der einzige Ort auf dem Kontinent, an dem Künstler unbehelligt nach Antworten auf die Katastrophe suchen konnten. Während gleich gegenüber vom Cabaret Voltaire ein spitzbärtiger Revolutionär aus Russland, bekannt unter dem Namen Lenin, den Sturz des Zaren vorbereitete. "Ist der Dadaismus wohl als Zeichen und Geste das Gegenspiel zum Bolschewismus?", notierte Hugo Ball - und blieb die Antwort schuldig.

"Dada war eine Geisteshaltung", sagt die Berliner Kunsthistorikerin Hanne Bergius in einem Interview mit der Zeitschrift "art". "Die Künstler und Schriftsteller, die sich zu Dada bekannten, wollten sich nicht festlegen auf das, was Kunst und Literatur sein sollten." Sie hätten Dada programmatisch mit nichts verbunden, sagt die Expertin, die mehrere Bücher zum Thema geschrieben hat.

Altes zerstören, um Neuem Platz zu machen - nichts weniger als den kompletten Reboot wollten die Dadaisten. Es sei darum gegangen, "den Bürger zu erschrecken und sich selbst Freiheit zu verschaffen", fasst das Kunstblatt den Zweck von Dada zusammen. Dafür sei jedes Mittel recht gewesen: Aktionen, Kongresse und Skandale - in erster Linie aber das Kabarett im "Labor für den höheren Unsinn".

165 Tage Dada

Das Cabaret Voltaire sowie etliche andere Zürcher Institutionen beschäftigen sich 2016 mit Dada. Vom Kunsthaus über das Landesmuseum und die Universität bis zum Museum Rietberg und dem Tanzhaus Zürich. Die Zürcher Festspiele mit Opern- und Schauspielhaus kommen nicht an Dada vorbei und erst recht nicht die elfte Ausgabe der europäischen Biennale für zeitgenössische Kunst, die Manifesta 11, die von Juni bis September in Zürich über etliche Bühnen gehen wird.

Bis Ende des Jahres gibt es 165 Tage "zur Wiederaufführung einer Legende und zum Ausleben der Obsession an Dada", wie die Veranstalter vom Verein dada100Zürich2016 erklären. Warum genau 165? "Wir haben lange recherchiert und Biografien und Daten zum Wirken von 165 führenden Dadaisten zusammengestellt", sagt Projektsprecherin Nora Hauswirth. "Jede und jeder von ihnen wird als Patin oder Pate eines der 165 Dada-Feiertage geehrt."

Gefeiert wird jeweils bis spät in die Nacht. Dabei will das Cabaret Voltaire erklärtermaßen in einer "maßlos überfordernden Bespielung bis zum Irrsinn, bis zur Bewusstlosigkeit einen künstlerischen Ort schaffen, in dem das Ereignis im Vordergrund steht".

jus/dpa

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