Von Joachim Hoelzgen
Jahrzehntelang war der Bungalow im Westen der nordindischen Stadt Motihari sich selber überlassen. Auf dem Dach klafft zwischen den Tonziegeln ein großes Loch, und die Fenster erinnern an dunkle Höhlen. So sieht heute die Geburtstätte George Orwells aus, des Kämpfers für Anstand und Freiheit, der dank seiner Weltbestseller "1984" und der Umsturz-Fabel "Farm der Tiere" zum meistgelesenen englischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts wurde. Doch Orwells Verbundenheit mit Indien ist nicht vergessen - und so hat sich eine Initiative aus Regierungsleuten und britischen Orwell-Fans aufgemacht, den Bungalow zu renovieren.
George Orwell, der eigentlich Eric Blair hieß, kam am 25. Juni 1903 im milden Licht von Motihari auf die Welt. Sein Vater Richard Walmesley Blair war als Beamter bei der Opiumbehörde des Indian Civil Service tätig. Opium war ein wichtiger Exportartikel Britisch-Indiens, und ein Lagerhaus für den Transport des Stoffes nach Kalkutta steht noch heute auf dem Wiesengrund des Anwesens in Motihari.
Orwell war gerade ein Jahr alt, als ihn seine Mutter Ida mit nach England nahm. Ida war als Tochter eines französischen Händlers in Burma aufgewachsen, das damals zum britischen Herrschaftsbereich in Südasien zählte.
Nach der Pensionierung kehrte auch Blairs Vater nach England zurück, und die Eltern schickten Eric auf das Eliteinternat Eton. Der aber empfand das Mutterland des Empire bald als zu eng. Er beschloss, gerade 21 Jahre alt geworden, in das Land seiner Geburt, das ferne Indien, zurückzukehren.
Orwell bewarb sich um einen Posten als Offizier bei der Indian Imperial Police Force, die ihn aber nicht in das indische Kernland, sondern nach Burma entsandte. Von Liverpool aus ging die Reise per Schiff durch den Suezkanal nach Ceylon und schließlich Rangun, von wo aus Orwell nach Mandalay weiterreiste, wo sich die Polizeischule befand.
Mahatma Gandhi und der Elefant
Für Orwell begannen hier Jahre, die ihn politisch, als journalistischen Beobachter und als Schriftsteller prägen sollten. Er lernte Hindi und Burmesisch und entdeckte, wie er es nannte, die Hauptprodukte Mandalays: "Pagoden, Parias, Priester und Prostituierte." 1927 quittierte er den Dienst, legte den Tropenhelm der Polizei und das Offiziersstöckchen zur Seite und kehrte mit ausreichend Material für Kurzgeschichten und den Roman "Burmese Days" nach England zurück.
Der Klassendünkel, mit dem die britischen Kolonialherren ihren Untertanen gegenübertraten, hatte Orwell aufgewühlt. Er entledigte sich seines bürgerlichen Namens und verarbeitete einen besonders düsteren Teil seiner Erfahrungen in der fiktiven Reportage "A Hanging". Orwell beschreibt darin die Hinrichtung eines namenlosen Mannes aufgrund eines namenlosen Verbrechens. Das einzig Normale an dem Fall ist die Organisation der Hinrichtung durch die koloniale Polizei.
Der Dienst im Dschungelreich des großen Irrawady-Flusses in Burma hatte Orwell abgehärtet für seine anschließende Existenz als Tellerwäscher und Tramp, die ihn mit der Erzählung "Down and Out in Paris und London" bekannt machte. Dann widmete er sich wieder den "Burmese Days" - einem Netz der Intrigen und Privilegien europäischer Sahibs im Schatten des langsam zerbröckelnden Empire.
Dieses Thema griff er mit der Erzählung "Shooting an Elephant" erneut auf. Ein zäher Arbeitselefant, der einen Menschen niedertrampelte, soll von einem Polizeioffizier getötet werden. Doch nach jedem Schuss erhebt sich das Tier wieder, bis es endlich niederfällt. Es war unschwer zu erkennen, dass mit dem Elefant das britische Weltreich gemeint war, das sich in Indien einer Gefahr gegenübersah: der Unabhängigkeitsbewegung von Mahatma Gandhi. Ob Orwell davon erfahren hat, dass Gandhi einmal das abgelegene Motihari nahe der Grenze zu Nepal besuchte und dort nach einer Demonstration verhaftet wurde, ist indessen nicht bekannt.
Auch im heutigen Indien tritt man oft über eine brüchige Schwelle in die Wirklichkeit hinaus, und niemand weiß das in Motihari besser als der Englischlehrer Braj Nandan Raj, der seit Jahren in dem noch bewohnbaren Teil des ehemaligen Blair-Bungalows wohnt. Anfangs wusste er gar nichts von der Geschichte des Hauses. Er lehrte über Shakespeare und den Dichter William Wordsworth.
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