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Ben Lerners New-York-Roman: Wie ein existenzielles Selfie

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Brooklyn, Ort der Vollbärte: Hier verschwindet die Gegenwart, die unsere Gegenwart kennzeichnet Zur Großansicht
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Brooklyn, Ort der Vollbärte: Hier verschwindet die Gegenwart, die unsere Gegenwart kennzeichnet

Man kann eigentlich keinen New-York-Roman mehr schreiben - Ben Lerner tut es doch. Zum Glück. "22:04" ist brillant und sich seiner Absurdität bewusst.

Warnung: Das hier wird eine Literaturreflexion und keine Literaturrezension. Denn wer braucht schon Texte, die Texte nacherzählen? Das ist der eine Grund.

Der andere Grund liegt bei Ben Lerner und seinem neuen Roman "10:04" (auf Deutsch "22.04"). Lerner ist selbst Literaturreflekteur, wenn man so will, ein Spiegel in vielen Brechungen, seiner selbst, der Texte, die er gelesen hat, und der Welt um ihn herum - und es geht ihm nicht darum, wie dieser Spiegel zerbrochen ist. Es geht darum, was man in den Scherben dieses Spiegels erkennen kann, wie sich die Blicke überschneiden, die Erkenntnisse vermischen, wie sie aussieht, die Zeit, die manche Gegenwart nennen.

Das ist sein Programm, sein nobles, ernsthaftes Programm: ein Bild entwerfen mit möglichst vielen Blickwinkeln und den Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen. Worte sind das, vor allem, denn Ben Lerner ist zuerst einmal Lyriker. Was einen Teil der Geschichte etwas unplausibel macht, wer hätte schließlich je von einem Lyriker gehört, der einen Vorschuss im "hohen sechsstelligen Bereich" bekommt?!

Andererseits, das ist immer noch New York, es ist immer noch die Literatur-Hauptstadt der Welt. Hunderte, Tausende von Frauen und Männern sitzen hier in Cafés oder schlecht gelüfteten Wohnungen und schauen aus dem Fenster und in sich hinein und wollen der neue Soundso sein oder einfach ein Buch veröffentlichen, das man den Eltern zu Weihnachten schenken kann. Lerner kommt aus ihrer Mitte, aus ihrem Milieu, und was ihn so besonders macht, ist erst einmal, dass er es geschafft hat.

Er hat diesen Vertrag, es hat diesen Vorschuss, er hat damit auch eine Art von Freiheit, er hat sich ein paar Jahre erkauft, die vor ihm liegen. Früher nannte man das Zukunft - aber die ist abgeschafft, genau davon erzählt der Roman mit dem direkten Verweis auf den Film "Zurück in die Zukunft": 10 Uhr und vier Minuten, das war genau der Zeitpunkt, zu dem Marty aus den Fünfzigerjahren zurück in seine Gegenwart konnte, die von dort aus gesehen die Zukunft war.

Kluges Spiel mit wesentlichen Motiven unserer Epoche

Aber was für eine Zukunft ist das, die die Vergangenheit als Sprungbrett für technologische oder soziale Utopien braucht? Das ist die Frage, der Lerner in seinem Roman nachgeht, mäandernd, verwirrend, mit Abstechern zu Occupy Wall Street und dem Riesensturm "Sandy" - er zeichnet ein New York, das es sich im Katastrophen- und Untergangsmodus einigermaßen gemütlich eingerichtet hat.

Und so ist "10:04" auch eine Art Fortsetzung seines ersten Romans "Abschied von Atocha", der auch ein extrem kluges Spiel mit wesentlichen Motiven unserer Epoche war, dem latenten Exil, in dem sich die 20- bis 40-Jährigen dieser Welt befinden, der Liebes-Latenz, mit der sie zu kämpfen haben, dem Unbestimmten also, das auch mit den Drogen zu tun haben kann, die sie rituell und regelmäßig einnehmen. Und der Terror, der das alles überwölbt.

Schriftsteller Lerner: Wer Spannung sucht, wird hier enttäuscht Zur Großansicht
Matt Lerner

Schriftsteller Lerner: Wer Spannung sucht, wird hier enttäuscht

2013 erschien dieser Roman, er handelte im Wesentlichen, so schien es, von Lerner selbst, aber das mag nur ein Kunstgriff gewesen sein. Wer will das schon sagen, es ist schließlich Literatur. Aber eben eine Art von Literatur, die die Welt aufsaugt und nicht erschafft, eine Literatur, die sich ihrer Möglichkeiten, aber auch ihrer Schwächen und Zwänge bewusst ist, eine Literatur, die die Spiegelwelten und Ironiefallen der Postmoderne souverän hinter sich lässt, ohne sich in die Fiktion zu flüchten, die Fiktion könnte die Antwort, könnte die Rettung sein.

Das wäre auch grundfalsch. Wer braucht schon einen weiteren Jonathan Franzen, der einem vorspielt, er habe die Figuren für eine ordentlich ausgezirkelte Geschichte beieinander, die man dann in einen dieser dicken Romane packen kann, die sich derzeit so gut verkaufen, weil die Leser damit wohl eine Art Phantomschmerz bekämpfen wollen, eine Ersatz-Dostojewski auf Beruhigungsmittel.

Ein Buch, was sich seiner Absurdität bewusst ist

Andererseits, auch Ben Lerner zirkelt gern herum, er zirkelt genaugenommen sogar mehr und vor allem offensichtlicher als jemand wie Franzen, er zeigt seine Motive und Ideen dem Leser mit kindlichem Stolz - und man kann nie ganz sicher sein, ob dieser Stolz auch eine literarische Figur ist, ein Motiv wiederum, das sich auf das veraltete und tendenziell lächerliche - und gleichzeitig unausweichlich altmodisch schöne - Selbstbild jener Literaten bezieht, die Lerners Welt bevölkern: Brooklyn.

Ja, Brooklyn, Ort der Vollbärte und der Entropie, jenes Verschwindens von Gegenwart, die unsere Gegenwart kennzeichnet. Wie geht das alles, Leben, Liebe, Familie, Kinderkriegen, Arbeiten, Schreiben, Literatur, Kunst, Politik, das sind so die Fragen, die hier auf langen Spaziergängen von einer Bar zu anderen reflektiert werden, immer mit Blick auf jenes Manhattan gegenüber vom Fluss, jener magische Ort, den man längst an mexikanische Modemilliardäre und Scheichs aus Katar verloren hat.

Sie leben hier nicht mehr, in jener Stadt, die sie einst erfunden haben, die Künstler und speziell die Schriftsteller: New York, Opferstadt des frühen 21. Jahrhunderts, stete Wunde der Anschläge vom 11. September, dauernde Frage an die Gegenwart. Man kann eigentlich keinen New-York-Roman mehr schreiben, so scheint es, nach all den Romanen, die die Stadt gefeiert haben, die es nicht mehr gibt - aus diesem Dilemma wählt Ben Lerner, der sich des Problems durchaus bewusst ist, einen einfachen Ausweg: Er schreibt einen New-York-Roman, der sich seiner Absurdität und auch Überlebtheit bewusst ist.

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Manche nun mag diese Bewusstheit nerven. Manche mögen dieses dauernde Wissen darum, was da gerade passiert, auf dem Papier und im Leben, eitel finden. Man kann es natürlich auch einfach brillant nennen, in seiner gebildeten Müllhaldigheit. Es ist der Gestus des existenziellen Selfies, das mit den Mitteln der Autobiografie, der Selbstreferenzialität und der Kontingenz spielt.

Der erste Roman, den man bewohnen kann

Der Kontingenz? Ja, genau. Habe ich nicht gesagt, es ist ein kleines Wunder, dass Ben Lerner für seinen ersten wie für seinen zweiten Roman nicht nur beste Rezensionen, sondern einen Vorschuss bekommen hat, mit dem er zum Beispiel für die vielen Versuche bezahlen kann, mit seiner besten Freundin, die auf keinen Fall seine Freundin ist, ein Kind mit künstlicher Befruchtung zu zeugen? Habe ich nicht?

Das ist ein Handlungsstrang dieser Geschichte, die auf höchst unterhaltsame Art und Weise von nichts handelt.

Nun, Kontingenz, dieser Schlüsselbegriff unserer Epoche, philosophisch in Benutzung etwa bei den spekulativen Realisten, falls sie noch so heißen, die einen neuen Ausgangspunkt des Denkens suchen, jenseits der kantschen Ontologie - der Mensch ist hier nicht mehr der Mittelpunkt des Universums, der Mensch erscheint hier schon im Hologramm, es ist ein Leben im Nachruf, die Kontingenz, so fasst es Wikipedia zusammen, steht für die "Nicht-Notwendigkeit alles Bestehenden".

Ich habe doch gesagt, "10:04" ist ein im Ganzen glänzend zu lesender, aber im Detail äußerst referenzbeladener Roman. Denn Lerner strengt sich ordentlich an, die Formen des Genres Roman zu testen und die Grenzen dessen zu erweitern, was dort hineinpasst: Wie viel Realismus, wie viel Reflexion, wie viel echtes Erleben, wie viel vorgespielte Echtheit, wie viel Kunst, wie wenig Kunst, wie klug, wie katastrophisch, wie viele Motive, wie viele Sprünge und Widersprüche und Loops - ja Loops, denn natürlich kann man auch sagen, dass dieses Buch komponiert ist wie ein Musikstück.

Wer also Spannung sucht, wird hier enttäuscht, es gibt das Böse nicht mehr und darum auch das Gute nicht. Wer Handlung sucht, wird sanft gestreichelt. Alle anderen sind herzlich eingeladen. "10:04" ist der erste Roman, den man bewohnen kann.

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1. New-York-Roman
nic 21.01.2016
wusste gar nicht das es sowas gibt.
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