Buch "34 Meter über dem Meer": Frühstück bei Nemo

Von

Zwei Weltenflüchter tauschen Wohnungen und entdecken das Leben. Annika Reichs neuester Berlin-Roman erzählt beschwingt von den Mühen, die es macht, erwachsen zu werden - egal in welchem Alter.

Autorin Annika Reichs Protagonisten haben Schwierigkeiten mit der Realität. "Die Wirklichkeit beißt", sagt Ella. Zur Großansicht
Peter-Andreas Hassiepen/ Hanser

Autorin Annika Reichs Protagonisten haben Schwierigkeiten mit der Realität. "Die Wirklichkeit beißt", sagt Ella.

Was ist nur mit diesen jungen Frauen in Berlin-Mitte los? Sie sind erfolgreich, sehen blendend aus, haben je nach Wunsch Familie oder nicht - und fühlen sich dennoch einsam. So schildert es zumindest Annika Reich, 39, in ihren Romanen. Die gebürtige Münchnerin, die für das Ethnologiestudium nach Berlin zog und dort seitdem als freie Autorin arbeitet, macht die Hauptstadt-Frauen zu den Heldinnen ihrer Geschichten.

Reichs Debüt "Durch den Wind" fing das Lebensgefühl der Mittdreißigerinnen ein, fasste anhand von vier Protagonistinnen die Sorgen und Ängste einer ganzen Generation zusammen. Das Empfinden, alles sein zu dürfen und alles sein zu müssen, ist auch in ihrem neuesten Buch "34 Meter über dem Meer" präsent. Wieder geht es um eine Berlinerin aus dem Stadtteil Mitte, diesmal in ihren Zwanzigern, die nach erfolgreichem Literaturstudium und erstem Jobangebot beim Radio einen Platz im Erwachsenenleben sucht. Oder es zumindest versucht.

Ella hat nämlich Schwierigkeiten mit der Realität. "Die Wirklichkeit beißt", erklärt sie. Und deswegen werden alle Probleme konsequent ausgeblendet. Streiten mit dem neuen Freund? Lieber ein Beischlaf am Nachmittag, denn eine Szene "brennt das Geschehene nur noch tiefer ein". Reden mit der Hippie-Mutter über ihre verkorkste Kindheit? Am besten die Frau und damit die Vergangenheit gar nicht erst in die eigene Wohnung lassen. Ein Treffen mit der pedantischen Schwester Jasmin? Dann doch besser über Kniekehlen nachdenken.

Holly und der Kapitän

Eskapismus statt Konfrontation - darin ist Ella eine Meisterin. Genauso wie im Geschichtenerzählen, denn die Phantasie erlaubt ihr, in andere Biografien abzutauchen. Um zu sehen, ob diese Leben "mir auch passen oder sogar besser passen als mein eigenes", sagt sie.

Die Träumerin in der Großstadt hat berühmte Vorbilder. Ellas Verhalten erinnert stark an den kindlichen Stéphane aus Michel Gondrys Film "Science of Sleep", an Montmartre-Engel Amélie Poulain aus Jean-Pierre Jeunets "Die fabelhafte Welt der Amélie" oder an Querkopf Holly Golightly aus Truman Capotes Roman "Frühstück bei Tiffany". Letzteren Bezug stellt Annika Reich selbst zu Beginn ihres Romans her, wenn Ellas Flamme Paul ihr den Spitznamen Holly verleiht und eine Schlafbrille schenkt. Mit wachen Augen durch das Leben gehen, das kann die junge Frau einfach nicht.

Deswegen scheint es für Ella ganz natürlich, die Anzeige eines älteren Mannes zu beantworten, die sie auf einem Ampelmast findet: "6-Zimmer-Wohnung in Charlottenburg zu tauschen gegen 2/3 Zimmer. Kein Aufpreis, keine Nebenkosten, keinerlei Avancen". Während rationale Menschen eine solche Annonce zumindest hinterfragen würden, ist Tagträumerin Ella begeistert: Ein Abenteuer bahnt sich an, noch dazu eines, das nichts mit Männern zu tun hat. Und somit nichts mit dem Alltagstrott.

Ellas naive Entrücktheit wirkt zwar charmant, kann mit der Zeit jedoch auf die Nerven gehen. Umso besser, dass Autorin Reich mit Charlottenburg-Bewohner Horowitz eine zweite Hauptfigur einbaut. Horowitz ist ein Meeresforscher, der selbst nie in See stach. Sein gesamtes Leben widmete er dem Versuch, den Ozean "in seiner Gesamtheit zu erfassen". Ein Getriebener, dessen Wohnung das originalgetreue Replikat der "Nautilus" darstellt. Und die verdeutlicht: Horowitz ist auch ein Weltenflüchtling, wie Kapitän Nemo, wie Holly Golightly, wie Ella.

Ein Umzug mit Folgen

Doch der Wohnungstausch zwingt beide Personen in neue Rollen. Während Ella bemerkt, wie gut sie es in ihrem alten Leben hatte, lernt Horowitz die Freuden eines Cafébesuchs und einer Autofahrt kennen. Die stickige Luft in seiner ehemaligen U-Boot-Wohnung macht beiden klar, dass das wahre Leben draußen stattfindet. Nicht 20.000 Meilen unter dem Meer wie bei Jules Verne. Sondern 34 Meter darüber - genau so viel, wie der Höhenunterschied zwischen dem Meeresspiegel und Berlin beträgt.

Reichs Zweitling ist eine leichte, dennoch intelligente Erzählung über die Freuden, Verantwortung zu übernehmen und für andere Menschen da zu sein. Von liebenswerten Figuren bevölkert, fordert der Roman seine Leser auf, die Welt vor den eigenen Augen zu entdecken. Ob in Berlin-Mitte, in Charlottenburg oder anderswo.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Cassandra105 23.04.2012
Zitat von sysopPeter-Andreas Hassiepen/ HanserZwei Weltenflüchter tauschen Wohnungen und entdecken das Leben. Annika Reichs neuester Berlin-Roman erzählt beschwingt von den Mühen, die es macht, erwachsen zu werden - egal in welchem Alter. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,828519,00.html
"Sie sind erfolgreich, sehen blendend aus, haben je nach Wunsch Familie oder nicht - und fühlen sich dennoch einsam." Ochnö, nicht immer dasselbe. Mad TV: Pretty White Kids with Problems (Complete) - YouTube (http://www.youtube.com/watch?v=ZH6OUmsPA0I) Wird das den Leuten nicht langweilig? Immer über das Geheule von Leuten zu lesen, die sonst wirklich gar keine Probleme haben?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Literatur
RSS
alles zum Thema KulturSPIEGEL-Tageskarte Buch
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 1 Kommentar
Buchtipp

Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 4/2012 Was uns Gullydeckel, Laternen und Kopfsteinpflaster über unsere Welt erzählen

Facebook