40 Jahre 68er "Heute gibt's Dresche"

2. Teil: Benno Ohnesorg wird erschossen. Der Todesschütze erhält den Befehl, sich zu "verdünnisieren".


Der Polizist schlug dennoch weiter "mit unvergleichlicher Brutalität auf den ohnehin schon Blutüberströmten ein." Dreißig Jahre später erklärte ein Polizeibeamter, der als Zugführer am Einsatzort Dienst tat, welches Feindbild, von der Springer- Presse befeuert, wohl in vielen Köpfen der bewaffneten Ordnungsmacht herumspukte: "Der Bereitschaftspolizist war damals wie ein Infanterist ausgebildet, an Granatwerfern, schweren Maschinengewehren und Panzerabwehrraketen – alles unter der Obhut der Alliierten ... Auf einmal standen sie nicht an der Mauer, sondern vor der Oper." Auch der Regierende Bürgermeister fuhr gerne auf die Exerzierplätze nach Schulzendorf und Lankwitz, um seine "Kerls" beim Üben "an der Front" (Ilse Albertz) zu beobachten.

Unter den in die Krumme Straße Abgedrängten befindet sich auch der 26-jährige Benno Ohnesorg. Es ist die erste Demonstration seines Lebens, und es ist warm an diesem Tag. Deshalb trägt er Sandalen ohne Strümpfe, sogenannte "Jesuslatschen", nicht gerade praktisches Schuhwerk für den ungeplanten Straßenkampf. Dazu eine helle Hose und ein auffälliges rotes Hemd.

Zusammen mit anderen hat sich der schlanke, 1,83 Meter große Student der Romanistik, Mitglied der Evangelischen Studentengemeinde, in einen Parkhof der Krummen Straße 67 geflüchtet. Diesen trostlosen Ort gibt es heute noch, doch nichts erinnert mehr an das, was dort passierte.

Eine Augenzeugin sah, wie der Mann im roten Hemd hinter einem geparkten VW Käfer stand und offenbar versuchte, wieder auf die Krumme Straße zu gelangen: "Zwei uniformierte Beamte ... versuchten, ihn daran zu hindern. Von hinten tauchte plötzlich ein uniformierter Beamter aus dem Dunkeln auf und schlug dem Mann im roten Hemd mit dem Schlagstock hinten auf den Kopf. Der Getroffene sank langsam in sich zusammen, und nun kamen die beiden Polizisten ... hinzu, und zu dritt schlugen sie auf ihn ein." Das alles vollzieht sich in wenigen Sekunden. Es ist gerade 20.30 Uhr und noch nicht dunkel. In der Deutschen Oper macht sich, unter den Augen des Schahs von Persien, die "Königin der Nacht" zur großen Arie bereit.

"Ich habe zwischen all diesen Geschehnissen einen Knall gehört", so die Augenzeugin, "den ich aber nicht als Schuss deutete. Ich lief zu dem am Boden liegenden jungen Mann und bückte mich links zu ihm herunter. Als ich zu den Beamten hochblickte, sah ich, dass sie immer noch ihre Schlagstöcke in der Hand hatten, und bat sie leise: 'Nicht schlagen, bitte holen Sie die Ambulanz.' Seine Lippen bewegten sich, und ich nahm an, er wolle etwas sagen. Ich beugte mich herunter, konnte aber nur ein Röcheln vernehmen." Eine Kugel Kaliber 7,65 aus der Walther PPK von Kriminalobermeister in Zivil, Karl-Heinz Kurras, 39, hatte ihn aus etwa eineinhalb Metern Entfernung in den Hinterkopf getroffen.

Reinhard Mohr
Reinhard Mohr, Jahrgang 1955, studierte in Frankfurt am Main Soziologie und arbeitete als Autor für "Pflasterstrand", "taz" und "FAZ". Bevor er von 1996 bis 2005 als Kulturredakteur zum SPIEGEL ging, schrieb er unter anderem auch Kabaretttexte für Michael Quast und Matthias Beltz. Reinhard Mohr lebt und arbeitet als freier Autor in Berlin-Mitte. Letzte Veröffentlichungen : "Generation Z oder Von der Zumutung, älter zu werden" (Argon Verlag, 2004), "Das Deutschlandgefühl" (Rowohlt, 2005) und "Der diskrete Charme der Rebellion" (Wjs, 2007).
Nicht genug damit: "Es besteht leider der dringende Verdacht, dass auf Benno Ohnesorg auch dann noch eingeschlagen wurde, als er schon tödlich getroffen am Boden lag", hielt das Berliner Landgericht später fest. Auf einem Tonband, das vor Gericht abgespielt wurde, war zu hören, wie der Todesschütze von seinem Vorgesetzten den Befehl zum sprichwörtlichen "Verdünnisieren" erhielt: "Schnell weg! Kurras gleich nach hinten! Los!" Der ging erst zum Polizeipräsidenten und dann nach Hause, ließ das Magazin seiner Pistole verschwinden und brachte am Morgen seine Kleider zur Reinigung.

Friederike Hausmann hält den Kopf des von einer Polizeikugel tödlich getroffenen Studenten Benno Ohnesorg am Abend des 2. Juni 1967. Das Bild wurde zur Ikone der Revolte Kurz nach 20.30 Uhr trat die damals 22-jährige Studentin Friederike Hausmann heran, kniete neben dem Schwerverletzten und legte ihre Handtasche unter den blutenden Kopf, den sie mit beiden Händen fürsorglich umfasste. Darunter lag schon, blutdurchtränkt, das zusammengefaltete Protesttransparent, das Ohnesorg mit sich geführt hatte. "Holt lieber einen Krankenwagen anstatt mich hier wegzuziehen!", schrie sie die Polizisten an.

Der zufällig anwesende Fotograf Jürgen Henschel von der sozialistischen Zeitung "Die Wahrheit" hielt die Szene fest. In dieser Sekunde konnte er noch nicht wissen, dass sein Foto zu dem symbolischen Bild, zur Ikone der Protestbewegung im Augenblick ihrer reinsten und hellsten Empörung werden sollte.

Wenig später stirbt Benno Ohnesorg. Offizielle Diagnose der Todesursache im Moabiter Krankenhaus: "Schädelbasisbruch".

Keine Rede von einer Kugel. Erst einen Tag später, bei der Obduktion, wird ein "Gehirnsteckschuss" festgestellt. Merkwürdig genug, dass ein Teil des Schädelknochens fehlt, der offenbar herausoperiert wurde.


Lesen Sie morgen über die Folgen der "Berliner Blutnacht" von 1967 - im dritten Teil unseres Vorabdrucks aus Reinhard Mohrs Buch "Der diskrete Charme der Rebellion"



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.